KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 23:16
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AM ANFANG STAND EIN FRAGEZEICHEN

Zur Entstehung der Schülerzeitung „Bimmel“

Die Vorgeschichte des „?“, die zur Entstehungsgeschichte der SMV gehört, die dann zur Vorgeschichte der „Bimmel“ wird, ist schnell erzählt.
Alles begann in einer Lateinstunde zu Beginn des Jahres 1962. Die Lateinschüler der Untersekunda wurden zusammen mit denen der Obersekunda unterrichtet. Zum Glück gibt es ein paar Quellen zur Entstehungsgeschichte, aber diese Quellen fließen dünn:

„Wir behandelten gerade wieder einmal, wie üblich, einen schweren Text, lenkten darauf geschickt auf andere Themen ab, streiften die Staatsstruktur der Römer, wechselten, als der Gesprächsstoff sich erschöpfte, auf das beliebte Thema über die Pflichten und Rechte der Schüler über, bis unser Vertrauenslehrer Dr. Nöldeke die günstige Gelegenheit beim Kragen packte und die Initiative ergriff: ‘Gründet doch eine SMV!’, sagte er damals. - Man reagierte, allerdings zaghaft. Aber da es immer noch Idealisten gibt, griff Broder Schütt mit Dr. Nöldeke die Sache einfach einmal an, ließ Ostern 1962 SMV-Vertreter wählen, übernahm den Vorsitz der noch nicht bestätigten SMV und beauftragte im Herbst 62 die Klasse VIII mit der Ausarbeitung der Satzung, die noch im selben Jahr von der SMV angenommen wurde. Die SMV arbeitete mit dieser Satzung [...] bis sie noch vor Ostern 63 vom Schulleiter und dem Elternbeirat bestätigt wurde. Neben der Durchführung zahlreicher Turniere und vor allem der sensationellen Gründung der Schülerzeitung ist die Satzung die anerkannte Leistung der ersten SMV [...]. [„Bimmel“ Nr. 4, 1963 (Dezember), S. 6]

Ich erinnere mich, dass das erste Treffen einer selbsternannten Redaktion im Café Butz gegenüber dem alten Schulgebäude von 1884 stattfand, das muss im Winter 1962/63 gewesen sein. Klasse VIII (Unterprima) nahm fast alles in die Hand. Der erste Chefredakteur war Bernhard Rexer, zur Redaktion gehörten: Folker Albrecht, Ulrich Bergmann, Peter Fischer, Werner Kessler, Michael Osang und Birgit Rosenlund. Die Sitzung war akustisch ruhig, aber gedanklich chaotisch. Wir sichteten immerhin Texte, wählten welche zur Veröffentlichung aus, verteilten Aufgaben, überlegten Themen und suchten einen Namen. Uns fiel nur ein Fragezeichen ein - wir wollten auch Ideen aus der Leserschaft abwarten.

Die Redaktion besuchte kurz nach dieser Sitzung die Verlagsdruckerei des ENZTÄLERS. Der junge Chef, Fr. Biesinger, zeigte ein für uns praktisches Druckverfahren - noch wurde ja für jeden Text, Buchstabe für Buchstabe, von Setzern ein Bleisatz mit Hilfe damals hochmoderner automatischer Setzmaschinen hergestellt. Es war gerade die Zeit, als die ersten Kopiermaschinen in Deutschland eingeführt wurden, aber die nutzten wir erst bei der 2. Nummer, die wir zu einer Kopierfirma schickten.
Wir erhielten „... von der Druckerei für jede Seite eine dünne Metallfolie, die mit Schreibmaschine beschrieben werden kann [...] Illustrationen in Strichmanier ... werden mit einem Griffel auf die Metallfolien gezeichnet. Die Redaktion hat also den ganzen Produktionsvorgang geistig und technisch selbst in der Hand. Sie bringt die fertige Zeitung zur Druckerei, wo die einzelnen Seiten dann auf den Druckzylinder gespannt werden, um anschließend ohne weitere Umstände durch die Maschine zu laufen.“
Gedruckt wurde auf einer Klein-Hochdruck-Maschine, einem Zwischending zwischen Schnellpresse und Rotationsmaschine, die bis zu 5000 Blatt in der Stunde druckte.
Die DIN A4-Seiten des dünnen Heftes wurden mit Gummiklebung zusammengehalten. Wir tippten die Zeitung, ohne eine Ahnung von Layout zu haben, recht und schlecht. Sie sah nicht gerade toll aus. Aber wir waren stolz: „Zum ersten Mal in der Geschichte des hiesigen Gymnasiums ist es gelungen, eine eigene Schülerzeitung ins Leben zu rufen. Für die Angehörigen der Schule bedeutet diese Zeitungs-Neugründung eine echte Sensation. [Alle Zitate in diesem Absatz: „Eine Schülerzeitung des Gymnasiums Neuenbürg“ in: ENZTÄLER, vermutlich März 1963, gezeichnet fb. = Fr. Biesinger]

Die zweite Nummer (= BIMMEL 1), die im Juni 1963 erschien, war dann schon viel besser, auch inhaltlich. Diesmal gingen wir zum bis heute üblichen DIN A5-Format über und ließen die je 24 Seiten der nächsten Ausgaben in einer Kopieranstalt in München (Auflage 300) drucken und mit Metallklammern heften, die kostengünstiger als die ENZTÄLER-Druckerei war. Das wirklich gute Layout besorgte Waldemar Klemke, auch für die nächsten Nummern. Als Herausgeber wird die SMV genannt. Ich erinnere mich an eine SMV-Sitzung, in der ich beantragte, dass die Satzung ergänzt werden soll: Die Schülerzeitung arbeitet unabhängig und ist an Weisungen der SMV nicht gebunden - so oder so ähnlich. Dies wurde beschlossen und es wurde vereinbart, dass die „Bimmel“ der SMV eine eigene Kolumne zur Berichterstattung erhielt.
Der damalige Schulleiter, Oberstudiendirektor Heldmaier, ein freundlicher alter Herr von gütiger und gutmütiger Natur, verlangte die Vorlage unserer Schülerzeitung vor dem Druck. Aber diese Art von Zensur konnten wir abwehren. Ohnehin schrieben wir keine kritischen Artikel gegen die Schule oder die Lehrer, obwohl es Stoff dazu genügend gab. Wir waren eher an Themen interessiert, die die Schule nicht so direkt betrafen. Trotzdem kamen auch wir nicht um die Schule herum.

Was schrieben wir? Gedichte. Kleine Erzählungen. Satiren zum Zeitgeist. „Einführende Betrachtung über die Musik“ in 3 Folgen - die klassische Musik hatte noch den Vorrang! Ein BIMMEL-Gespräch, das einzige damals (mit Dr. Nöldeke), und einige wenige Lehrer-Selbstporträts in Worten. Über Kleinschreibung - pro und contra. Für die Kleinen: Wie man Schmetterlingsmobile baut. Einmal ein kleines ‘Feuilleton’ zur „Antigone“ von Anouilh: Theater-Aufführung der Klasse VIII in der Neuenbürger Turn- und Stadthalle...
Politische Artikel (zum 17. Juni 1953, wir waren damals alle für die deutsche Wiedervereinigung, als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde; ein Jahr später war die Kuba-Krise, dann starb John F. Kennedy, den viele von uns verehrten, Willy Brandt kam erst nach unserer Schulzeit. - Noch regierte Adenauer, der an die BIMMEL einen Brief schrieb, den wir groß druckten, obwohl kaum was drin stand. - Ein rein bildungsmäßiger Essay über den Kommunismus. - Ein unkritisches Adenauer-Porträt: „Der Kanzler“; wir waren politisch ungefähr so konservativ wie unsere CDU-Eltern, aber vor allem als Söhne suchten wir die Kritik und den Generationen-Kampf; Mädchen waren damals noch unpolitischer als heute. - Ab und zu Berichte vom Politischen Arbeitskreis an Oberschulen, PAO).
Etwas Layout bei den Artikelüberschriften, ganz wenige Zeichnungen im Innenteil, keine Fotos - aber immer 4 grandiose Umschlagseiten, die Waldemar Klemke gestaltete.

Ulrich Bergmann und Walter Ptok teilten sich die Aufgabe des Chefredakteurs. Neu in der Redaktion waren Gerhard Huber und Werner Killgus; letzterer war noch sehr jung. Das Editorial, das Walter Ptok schrieb, der sich später als alleiniger Chefredakteur durchsetzte, verrät leider nicht, wie es zum neuen Namen der Schülerzeitung kam:

„Auf ungeklärte Weise tauchte dann ‘Bimmel’ auf. (Nenne man das spontan oder intuitiv!) Ja, da man sich anders nicht schlüssig werden konnte, griff man zu und hielt fest: Nun hat also unsere Schulzeitung einen Namen: ‘Bimmel’. Wenn irgendwo gebimmelt wird, so ist da jemand, der die Aufmerksamkeit anderer auf sich gerichtet sehen möchte. Hier sind es einzelne von uns Schülern, die die Aufmerksamkeit ihrer Mitschüler rufen. Die Redaktion fordert jeden auf, sich der ‘Bimmel’ zu bedienen. Nicht zuletzt sind damit auch die Jüngeren und Jüngsten gemeint, hier ihre noch unverkünstelte und unvoreingenommene Ursprünglichkeit zu zeigen und andere daran teilhaben zu lassen. Ansprechen will diese Zeitung auch die Eltern der Schüler. Sie mögen in ihr den Beweis sehen, daß wir Schüler nicht allein Hohlkörper sind, die in der Schule lediglich mit liebevoll und sorgsam Vorgekautem aufgefüllt werden, sondern daß wir selbst gestalten, eine eigene Originalität entwickeln möchten; gewissermaßen ein Beweis unserer geistigen Reifung. [...] so soll diese Zeitung unsere Reifung zu dem, was man kulturelles Bewußtsein nennt, beweisen.“ [BIMMEL Nr. 2, S. 3]

Ich habe die Geschichte der BIMMEL miterlebt und mitgestaltet von der Entstehung Anfang 1962 bis zur 4. Nummer im Dezember 1963. Das sind nur zwei Jahre, aber diese Zeit kommt mir ganz lang vor. Ich weiß nicht mehr, wie wir die Schülerzeitung finanziert haben. Wir hatten etwas Reklame und nahmen pro Heft 50 Pfennige (das ist ein Viertel-Euro) - vielleicht genügte das im Zeitalter der Schreibmaschine.

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 AlmaMarieSchneider (17.08.07)
Ja, man hat einfach gemacht.

 AlmaMarieSchneider (17.08.07)
Na, die RAF hat das ja wohl eine zeitlang widerlegt.

 Bergmann (18.08.07)
ArFeiniel: Ideologie macht blind, (d)ein kleiner Horizont auch...
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