KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 23:16
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Wir sind die Kinder Shakespeares, Ionescos und Thomas Manns

In seinen Gedanken zur rumänischen Literatur betont Livescu das Ludische und die Ironie, das Spiel mit der Sprache, um die Gebrochenheit zu formulieren, in der wir heute Wirklichkeit sehen - nie mehr als etwas Vollständiges und Heiles, nie mehr als etwas Sicheres, das aus einer einzigen Perspektive Gültigkeit gewinnen könnte.
Wir verlachen uns nicht und wir verlachen nicht die Welt - und doch zeigt der ludische und ironische Dichter, dass er die Welt nicht fassen kann, dass er sich also selber nicht begreift. Wir sind Götter geworden im Kontext der zersplitternden Weltbilder und einer zerbrechenden Welt und können uns nicht anbeten mit dem Ernst und dem Idealismus vergangener Literatur-Epochen. Wir leben, wie Albert Camus sagte, im Zeitalter des heroischen Nihilismus. Wir sind gezwungen, wie Sisyphos unsere Welt trotzdem täglich neu zu erschaffen und wir retten uns in das Lachen einer neuhumanistischen Ironie.

Wir sind nicht in der Lage unsere Illusionen vom Leben aufzuheben, auch nicht mit der Literatur - so verstehe ich Livescu. Aber wir können in den heilsamen Illusionen unserer Literatur leben, vielleicht erleben wir hier die einzige Ungebrochenheit unserer Phantasie, die Beständigkeit einer hoffenden Seele.

Das Spiel der Ironie, der kritische Sarkasmus den gesellschaftlichen Wirklichkeiten gegenüber und die jeder Dichtung immanente Sehnsucht nach dem Zusammenfügen einer zerbrochenen und zerbrechenden Welt sind nichts anderes als die Mittel der Dichter mit der Welt, die aus den Fugen geraten ist, fertig zu werden. Out of joint, sagt Shakespeares Hamlet schon zu seiner Zeit - damals, als die Menschen ihren Glauben, der die Welt zusammenhielt, verloren, entstand das Imperium der Postmodernität, an dem wir heute noch herumbauen: Unser neues Babel. Kein Wunder, dass das säkularisierende Moment (Livescu sagt „Desakralisierung“) in der rumänischen Literatur auch heute noch so eine große Rolle spielt, wie auch die Literatur, die auf der Suche nach Identität ist - ein starker Ast der deutschen Literatur auch in neuester Zeit.

Da Livescu in seiner Rede Schopenhauer und Nietzsche als Denker erwähnt, die die deutsche und die rumänische Literatur beeinflusst hatten, will ich ergänzen: Beide Denker des 19. Jahrhunderts sind bis heute noch nicht angemessen verstanden, weil sie ihr Denken in ein Zeitalter der Ideologie und imperialistischer Barbarei geben mussten, in dem ihre Ideen bis heute missbraucht und verdreht werden.

Schopenhauer und Nietzsche verbinden uns! Es ist Schopenhauers Gedanke, dass wir in der Unfassbarkeit und Haltlosigkeit unserer Welt nur Trost finden können in der Kunst - in dem Versuch die Unsicherheit unserer Erkenntnisse als dichtende Schöpfer zu ertragen - als Leser oder Dichter. Bei Nietzsche kommt hinzu das utopische Moment: Die Hoffnung nach einem Menschen, der trotz seiner Unvollkommenheit sich als Übergang verstehen soll zu einem besseren Menschen. Der „Übermensch“, der angesichts des Scheiterns gescheiterter Ideologien bis auf den heutigen Tag missverstanden wird, ist die Idee des vollkommen emanzipierten Menschen.

Wir sind die Kinder Shakespeares, Ionescos und Thomas Manns - Erben und Schöpfer einer Dichtung ernsten Spiels und humaner Ironie.

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Elén (24.08.07)
Ein wunderbarer Text. Danke.

lg
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