KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 23:19
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DICHTUNGSRING

Thesen zu einer Bonner Literaturzeitschrift
(www.dichtungsring-ev.de)

1. Die Autorengruppe und Zeitschrift DICHTUNGSRING hat keine aktuellen Programme, es gibt ziemlich weitgefasste Themen, zum Beispiel Translatio oder, wie zuletzt, Empörung, und die jeweiligen Herausgeber suchen aus den eingesandten Texten diejenigen aus, die literarisch etwas taugen und möglichst zum Thema passen. In der Bewertung kommt es oft zu kontroversen Auffassungen im Herausgeberteam und in der Gesamtredaktion.
Das Manifest der ersten Stunde konnte natürlich nicht 25 Jahre lang befolgt werden, wenn es überhaupt jemals dazu kam. Die personelle Zusammensetzung der Autorengruppe hat sich um 1990 und dann wieder um 1999 sehr stark gewandelt, nicht aber unser geistiges Konzept. Wir sind alle älter geworden, auch die neuen Mitglieder unserer Autorengruppe.
Schwer zu sagen, ob wir heute überhaupt so etwas wie ein ungeschriebenes Programm haben. Ich denke, die Dichtungsring-Hefte sind seit Jahren thematische Anthologien ganz unterschiedlicher Stilrichtungen.

2. Allerdings tun wir uns zunehmend schwer mit jungen Autoren und neuen Schreibweisen. Vor elf Jahren veröffentlichten wir noch Franzobel, seither werden die Texte, insbesondere in der Lyrik, wärmer und sentimentaler. Trotzdem sind wir immer noch gut für manche Überraschung, wir präsentieren nicht nur Texte in der Art der Klassischen Moderne.
Das Ludische ist deutlich geringer geworden. Innovatives kommt fast gar nicht ins Heft, das liegt aber auch an den Einsendungen, solche Texte fehlen.
Wir könnten natürlich Autoren anschreiben, die innovative Intentionen haben, aber in der Regel tun wir das nicht, sondern begnügen uns (leider zu sehr) mit Autoren und ‚Autoren’ aus unserem persönlichen Umfeld. Diese Autoren, so schätzenswert und literarisch gediegen sie manchmal sind, schreiben nun mal meist kaum besser als wir selbst. Ich denke, diese Tendenz hat ihren Ursprung nicht in irgendeinem Zeitgeist, dem wir uns in unserem Alter ohnehin kaum noch aussetzen, sondern hat mit unserem Älterwerden zu tun, auch mit geistiger Bequemlichkeit und mit der manchmal skurrilen Suche nach dem „Wesentlichen“... Ich staune, dass wir jedes Jahr überhaupt noch ein neues lesenswertes Heft herausbringen.
Dass unsere Abonnenten, genau wie wir, immer älter werden, spielt kaum eine Rolle. Wir denken kaum an unsere Leser, wenn wir eine neue Ausgabe machen. Uns sind noch nie Abonnenten abgesprungen, weil wir zu modern wären. Der Regelfall für die Beendigung eines Abonnements ist der Umzug ins Altenheim oder der Tod.
Ich bin der Auffassung, dass die Glanzzeit für neue Stile und Inhalte in der deutschen Literatur außerhalb des Dichtungsrings nicht vorbei ist – im Gegenteil, sie steht uns, hoffentlich, noch bevor.

3. Am liebsten wäre mir, der DICHTUNGSRING könnte eine Handvoll ganz junger Autoren und Zeitschriftenmacher gewinnen, wie zum Beispiel Dominic Angeloch, Katrin Stange oder Marcel Diel; ich befürchte nur, wir verlieren sie wieder, ich denke, weil wir zu altbacken sind, zu unbeweglich. Ein neues Programm oder irgendeine Innovation kriegen wir nicht mehr hin. Unser bevorstehender, sehr begrüßenswerter Besuch bei Eugen Gomringer am Fuße des Fichtelgebirges dient der erinnernden Aufarbeitung früherer Autoren im Dichtungsring, nicht aber der Reanimation unserer längst überwundenen Experimentierlust. Nicht ohne Reiz ist für unsere langjährigen Leser immerhin das Phänomen, wie sich hier und da bei den Stammautoren ein gediegener Altersstil herausbildet.

4. Mich entdeckte Eje Winter, als wir 1990 auf der Autobahn nach Villigst zu unserem Religionsstudium fuhren. Ich hatte gerade damit begonnen, ernsthaft zu schreiben, und genau eine Gedicht-Veröffentlichung – im „Krautgarten“. Elke bat mich um Gedichte und eine kleine Lesung im Kreis der Dichtungsringer in ihrer Wohnung in Bonn-Graurheindorf. Ich verkrampfte mich bei dieser Prüfung derart, dass ich mir im Sitzen mit überschlagenen Beinen einen Nerv abklemmte. Der linke Fuß schien eingeschlafen, aber es stellte sich heraus: Der Nerv für den Fußheber war so gut wie tot, und Monate lang humpelte ich. Das war mein bisher größtes Opfer für die Literatur, es erinnert aber nur von ferne an Rainald Goetz, der sich in einer Lesung der Gruppe 47 mit der Rasierklinge die Stirn aufschlitzte. Mir war mein Literaturopfer nicht bewusst, es war nicht intendiert.
Meine Gedichte gefielen – und Eje bewirkte die Veröffentlichung meines kleinen Gedicht-Zyklus „Himmelblau mit schwarzem Rand“, den sie zusammenstellte. Ich kam in die Gruppe, als sie sich gerade von ihrem Gründer zu emanzipieren begann und eine demokratischere Grundlage für die Arbeit schuf. Ich wuchs langsam in die Gruppe hinein und bin heute zuständig für Finanzen, Abonnenten und Versand. Mir ist es wichtig, in einer Gruppe von Menschen zu sein, die Literatur lieben. Die Veröffentlichung eigener Texte in unserer Zeitschrift war mir anfangs wichtiger als heute.

5. Ich sehe keine unmittelbar gefährdete Zukunft. Weder materiell noch geistig. Vielleicht schaffen wir die nächsten 25 Jahre. Das derzeitige Niveau werde ich sicher halten können...


Ulrich Bergmann

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