KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 23:20
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ALS OB... INDIKATIV ODER KONJUNKTIV?

[Die §§-Ziffern beziehen sich auf den Grammatik-DUDEN]

Eine grammatische Frage ist oft eine Stilfrage.
Ein Satz in einer Erzählung lautet:

"...sein eigenes Leben erzählte er, wie wenn der Alltag aus lauter Mythen bestand."

Das ist ein mit einem Vergleich gekoppeltes Konditionalgefüge. wie wenn = als (ob)
Inhaltliche Voraussetzung: Der Held der Geschichte erlebt den Alltag wie Mythen, er erlebt den Alltag als Mythos, er erlebt also die Mythen (wie wenn sie Alltag wären). Hier werden Reales und Irreales austauschbar. Es kommt darauf an, ob der Erzähler sich von der Perspektive des Helden distanziert oder sie wie einen inneren Monolog darstellt. Letzteres ist gemeint bzw. lesbar. (Der Autor hat das bewusst gemacht, ohne sich der grammatischen Regeln zu vergewissern; er traf intuitiv das Richtige.)

Der Konjunktiv steht in solchen Konditionalgefügen (§6290, 3585) in den meisten Fällen; doch gibt es keinen Regelzwang: §6465 besagt indirekt, dass Kontext und semantischer Wille (also die Aussageabsicht) den Vorrang vor der Regel hat.

Im übrigen wird die Grammatik nicht von den Grammatikern gemacht, sondern von den Sprechern und Schreibern; die Grammatiker beschreiben die Sprache, sie normieren sie dadurch zwar auch, aber gerade in den Grenzfällen, die sie ja auch beschreiben (müssen), beugen sie sich den Gegebenheiten – Sprache ereignet sich prozessual.
§935 (beta) räumt die Möglichkeit ein, den Indikativ statt des Konjunktivs zu gebrauchen („subjektive Abwandlung“), um die Geltung zu verändern. Das eigentlich Irreale, das den Konjunktiv verdient, soll als real gelten (der Held erlebt sein Leben als Mythos).
§6705: „Wird ein Konditionalsatz mit einem Vergleich gekoppelt, dann steht der Indikativ, wenn die Bedingung als tatsächlich betrachtet wird.“ Beispiele: „...mir ist, als waren lauter Puppen sonst um mich“ (Schnitzler). „Es war, als ob sich unter der Haut pulsierende Strähne hinzogen“ (Auerbach). „Die Krähen strichen, als gab es nur eine Richtung für sie“ (Grass).
Manchmal - aber das ist hier sekundär – steht der Indikativ in solchen Konditionalgefügen statt des Konjunktivs, damit die Sprache poetischer, gehobener, pathetischer wirkt, so zum Beispiel bei Schiller. Auch metrische Gründe sprechen manchmal für den Indikativ, das Vermeiden veralteter Formen (§6730).

Es ist typisch für die deutsche Sprache, dass diese Frage so komplex ist, und es spricht für sie, denn hinter den Formen (oder besser vor ihnen) stehen die Bedeutungen der Wörter, der Fügungen, der Satzgefüge.

Ulrich Bergmann

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