KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 05. Februar 2010, 18:48
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VOM RABEN WAS - I. Prosa. Arthur Breinlinger (3)

Heute stelle ich Prosa meines Freundes Arthur Breinlinger vor, über den ich bereits in meiner Kolumne unter dem Titel   ARTHURISMUS schrieb. Seine Prosaminiaturen entstanden um 1970 - ich finde, sie wirken heute so frisch wie damals, nur dass wir sie heute besser und leichter verstehen.
Hier drei Beispiele aus

Arthur Breinlinger, VOM RABEN WAS. Texte vom Raben


Wortler ist der Name eines Wortes männlichen Geschlechts. Wortler wirft ohne erkennbaren Sinn Geld in Spielautomaten und wartet nicht ab. Wortler besäuft sich ohne zu bezahlen. Wortler schläft in Freudenhäusern im Klo oder in besonderen Fällen und tagsüber in der Besenkammer. Wortler hütet weder Wölfe noch Schafe. Wenn Wortler Landarbeiter ist, bearbeitet er das Land mit nachempfundenen Sprüchen aus einem neu überarbeiteten Sprachfehlerlexikon. Wortler wirft Angeln aus, wenn er Fische sieht, wo niemand Fische sieht. Wenn alle Fische sehen, wirft er die Angel in entgegengesetzter Richtung. Wenn er Füße sieht, wirft Wortler keine Angeln aus. Wortler sammelt niemals seltene Schmetterlinge. Wortler erhebt sich auf Erhebungen und sieht übers Land, vertieft sich, wenn er Vertiefungen sieht, in Vertiefungen. Wortler ist der Gründer eines Anglerkollektivs. Wortler ist der Gründer eines Gegenvereins. Wortler setzt mit Gleichgesinnten verlassene Windmühlen instand und in Gang. Wortler bringt ausgediente Lokomotiven auf Hochglanz. Wortlers Kuh ist - Wortler hätte, wenn er Bauer wäre, eine Kuh - die magerste auf der Weide. Wortler rührt nicht den Zink für gezinkte Karten. Wortler würfelt mit Maulwürfen um sein Vermögen. Wortler hat noch keiner, während es regnet, weinen gesehen. Wortler verdient einiges Geld mit kleinen Arbeiten in der Mittagszeit. Wortler ist nicht verwitwet. Wortler will heiraten, sobald es Abend wird
Mai 1969


Wieder glücklich. Der mausfarbene Morgen, die honigroten Beine der Spinnen in der Sonne, in der Luft. Über den Gräsern. Wer seinen Bienenstock in die Stunde des Mittags trägt, in die Gegend freundlich und launisch, wer das Gewicht des Lichts weiß, hat keinen Grund mehr zu trauern
Juli 1969


Vom Raben was
Was er weiß: den Geruch der Jahreszeiten, den Bestand der Wälder, den Geruch der Nadelhölzer, die Unbeständigkeit der Lage. Was er nicht weiß: Die Märchen, die wir uns von ihm erzählen, und dass wir ihm nachfliegen, sobald es Zeit ist. Was er hat: den meerschaumigen Kolk, die Möglichkeit, sich umzuschauen, die Kraft weiterzufliegen, die Kohle voller schwarzer Lieder. Was er nicht hat: die Elfen-beinkrone, die Freundschaft der Singvögel, die Fähigkeit, die Farben zu wechseln, die Vorzüge der Giraffe
1970

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Elias† (63)
(02.05.08)
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