KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 11. Juni 2008, 13:12
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pistaziengrün - I. Prosa. plastique (5)

Plastique,1990 geboren, kommt aus Bayern. Über sich selbst schreibt sie: „Ich rebelliere tanzend. Ich tanze rebellierend.“

Ich entdeckte die junge Autorin, weil mich mmazzurro auf sie hinwies. Ich finde längst nicht alle ihre Prosa-Texte gut. Sie rotzt die Wörter in die Tastatur, Komposition entsteht eher zufällig. Aber manches glückt ihr in dieser Weise trotzdem. Fräulein plastique will unbedingt Authentizität, das ist sicher ein Hauptmotiv ihrer intuitionistischen Schreibweise. Andererseits: Es gibt keine absolute Echtheit. Es gibt immer mehr als nur eine Wirkung eines Textes, der eine wird von dem Text so berührt, und der andere ganz anders. Außerdem: Echt kann auch die Verlogenheit sein, in der einer schreibt, oder seine überquellende Sentimentalität oder sein in den Kopf gerutschtes Feuchtgebiet … usw.
Hier der beachtliche Prosatext, der mich zur Analyse provozierte:



Mädchen spuckt Glitzerkotze.

von pistaziengrün und anderen Begebenheiten.


marienkäfer krabbelt auf ihrem knöchel hin und her, die blonden haare wackeln mit den löwenzahnköpfen im wind. ihr gelächter schlägt wie ein asteroid mit tausend km/h in meinen schädel ein und bringt sogar die äderchen in den augen zum platzen. wir alle haben lang genug darauf gewartet, dass sie die stadt verlässt. normalerweise, wenn es so warm ist, fangen wir die marienkäfer und lassen sie oft unter lupen verbrennen. wenn ich die locken in ihrem nacken sehe, denke ich, sie braucht nur jemanden, der ihr nachts über die oberarme streichelt, damit sie wieder schlafen kann, nicht wüst in alpträumen versinkt und vergisst, dass es vorbei ist,wenn sie wach ist und dabei minimiert sie berühungsfläche bis auf das geringste, das nötigste, ständig, wenn man ihr ein stück körpernähe zuwerfen möchte, aber genauso liebevoll wie man kindern geschichten zur guten nacht vorträgt.

ist marie wütend,
ziehen sich die goldenen augenbraun zusammen, das pistaziengrün in ihren augen zerfällt wie sodom und gomorrha, ihre haut verblasst unter den gänsen.
ist marie wütend?

spuckt mir die kirschkerne in die augen und hass brennt unter ihren fingernägeln. marie könnte niemandem die augen auskratzen. ekel in form von jemands augenspiegel und perspektiven als schmutz unter ihren fingernägeln, das könnte sie niemals akzeptieren.

sie wirft mit weißer hand, zittrig, einen papierflieger gegen den spiegel.

der erschrickt.






stürzt ab.

schlingt die arme um die beine, sitzt auf kalten terracottastufen auf einem balkon, der tag ist graublau, wolken über dem kopf und sie schlingt die arme um die beine und lächelt mit weißen zähnen, die auf dich einstürzen wie lawinen, wenn sie es ernst meint. wenn nicht, auch. tut gar nichts, ein lauwarmer kaffee neben ihr und sie hält nicht mehr ihre füße in die glasklare regenpfütze. pfefferminztee wurde hier mal verschüttet, man sieht die grenzränder mit zigarettenasche verschmelzen. an maries haarspitzen klebt der rest vom honig, an den zehen nur ein stück kälte und ich möchte ihr einen kaokao schenken. der fernseher im hintergrund in der wohnung wird so laut, dass mir das ohr fast platzt, jemand löst ein vaterschaftstestproblem und ich lege den kopf schief, beobachte das mädchen marie und bange und bitte und bin traurig, hätte nur mal jemand dein vaterschaftstestproblem gelöst, gelöscht.

dreht den kopf zu mir, ich an der balkontür lehend, im gegensatz zu marie socken tragend, und dann kämpft pistaziengrün gegen die reflexion der wasserpfütze an und wasserpfütze verliert haushoch, ist deprimiert und versickert irgendwann.
jeder augenaufschlag ist die bombe, die uns alle zum fall bringt, in den tod reißt, für jeden augenaufschlag würden sich die richtigen in die luft bomben, in einer vielbesuchten einkaufsstraße mit einem traurigen geigenspieler. ich weiß, sie ist gefährlich, aber ich mag sie und den teebeutel, den sie mir mit voller wucht ins gesicht schmeißt, er ist nicht mehr lau, die tropfen perlen und ein lied zwischen ihren lippen und den lawinenzähnen, das müsste jemand hören, das müssten sie alle hören und irgendwo bellt ein hund, wir spielen ein spiel, wer als erster wieder glücklich sein kann, wer macht mit?

früher dachte ich immer, sie wäre nur so, weil sie es sein wollte.

läuft barfuss durch das treppenhaus, das nach urin stinkt, in den ecken wartet der hundekot auf neugierige nasen und denkt sich nichts dabei. ein centstück am boden findet man hier nie, die leute hier verlieren nichts oder hatten nie. jemand hat FUCK YOU an die wände gemalt, wie bei belsazar, der rest des zigarettenqualms hat sich abgesetzt, kriecht an den wänden entlang.

wenn ich sie so sehe, angespannt und mit dem wort alleinsam attackiert, dann bringe ich die zartbitterschokolade nicht mal nur mehr zur kehle hin, nicht mehr in den mund. stattdessen esse ich das papier, in das sie eingepackt war, und das ist mein ernst. bittersüßer geschmack auf der zunge bringt mich fast zum würgen, noch mehr als die schokolade selbst.sie tritt lautlos auf altes zeitungspapier, auf das bestimmt mal ein hund gepisst hat, an ihren fußsohlen sieht man schwarz, ihre lippen blitzen, ein bisschen sehnsüchtig.

zwischen diesen zwei sekunden klebt die wahrheit, ich erstarre, bin die salzsäure und die situation war medusas augen. wahrheit ist ein dicker, dicker klotz, der sitzt da, weint, weicht nicht von der stelle, ist der frosch im hals und der hals vom frosch,magersucht bleibt aus, ist alles und fett und geht nicht weg, verstummt, wenn es laut sein muss, ist laut, wenn er verstummen soll, in lauten momenten schmiegt er sich um das trommelfell, streichelnd, in leisen momenten schlägt er mit hammer auf unsere schädeldecken und kopfinnenwände ein.

ihre ledertasche wackelt, man erkennt die schulterblätter unter ihrem satin, sieht die haarspitzen den nacken streicheln wie mit pinselstrichen, von der seite beißt sie sich auf die lippen, manchmal wundere ich mich, wieso das mädchen noch lippen hat. so viel blutet und beißt und kaut sie. stellt sich auf zehenspitzen, die kaputte wand ist irgendwas zwischen uringelb und vanilleweiß, fleckig, wie milchflecken. marie hebt den stift und ihre stimme, ihr eisenmangel wackelt mit, jemand auf der straße schreit etwas von immobilien, die zu verkaufen sind. ich kann gar nicht verstehen, wieso ich zuhören kann und beobachte ihre ellbogen, die ledertasche wippt mit ihrer nervosität, immer ist sie nervös und lippenkauend, fingernägelbeißend, immer ist sie zitternd, auch jetzt im kleid, die hat oberhalb ihrer ferse ist abgenutzt und voller wunden, manchmal schlafe ich mit dem kopf auf ihren wunden und manchmal schlage ich mit dem kopf auf ihre wunden.
wenn sie von ihrem herzsprung erzählt, fühle ich mich meist wie in der bratpfanne, mit clownshut allerdings und marie findet, alle clowns sind wichser.

wippend schreibt sie:
diese vorfahrtsstrasse
bitte umgehend

verlassen

dreht sich um, lässt ihren haargummi gegen das handgelenk schnalzen


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„Mädchen spuckt Glitzerkotze.“ Das ist ein bewusst paradoxer Titel – ausgespiene Diamanten? Kotzt sich da eine junge Seele aus und ist das gut? Ich denke, der Titel spielt schon auf den hohen Wert der Echtheit an – nicht die Form ist der Wert eines Gedankens oder Gefühls, sondern der wahre Gehalt.

Dennoch – ich füge hinzu: deshalb – legt dieser Text viel Wert auf Komposition. Die Wortwahl ist überlegt, auch die Metaphorik: „die blonden haare wackeln mit den löwenzahnköpfen im wind…“ Die Haare sind schwer Die Anmut eines Mädchens inmitten der Natur trifft auf ein Ich, das sich um Marie, die die Stadt verließ, kümmern will, er oder sie will ihr „ein stück körpernähe zuwerfen…“ Marie ist wütend, der Leser weiß nicht warum, sie „spuckt mir die kirschkerne in die augen und hass brennt unter ihren fingernägeln …“, dabei ist sie nicht aggressiv, sie wirft einen Papierflieger gegen den Spiegel, der ist bildlich gemeint, sie greift sich also (spielerisch) selbst an, sie hadert mit sich. Marie erschrickt vor sich selbst, der Papierflieger stürzt ab, sie traf sich nicht, sie versteht sich nicht.

Marie sitzt da und grübelt. Sie ist ein wenig verlottert. Eben noch mit den Füßen in der Regenpfütze. Pfefferminztee verschüttet – eine zweite Pfütze. Zigarettenasche am Ufer des Teesees. Honig im Haar, deswegen wackeln die Haare im Wind. Der Fernseher läuft laut – es geht auch in der TV-Sendung um Probleme, Vaterschaftstest… Auch hier ist das Ich in Maries Nähe. Die Dinge in der Wohnung sind so ungeordnet wie die Gedanken und Gefühle in Maries Kopf, dort „kämpft pistaziengrün gegen die reflexion der wasserpfütze an und wasserpfütze verliert haushoch, ist deprimiert und versickert irgendwann.“ Das ist wirklich gut gekotzt, tatsächlich, diese Suche nach sich selbst, nach Liebe und Nähe, was auch immer, glitzert in den Worten und Dingen des Ich-Erzählers.

Marie „ist gefährlich“, heißt es, aber „ich mag sie“. In dieser Liebe oder Sympathie zu Marie spiegelt sich Seelenverwandtschaft. Indem der Ich-Erzähler Marie zu verstehen versucht, versucht er sich selbst und die Gesellschaft zu verstehen.

Im Treppenhaus, durch das Marie jetzt läuft, riecht es nach Urin, ein Centstück liegt herum, FUCK YOU steht an den Wänden. Die Dinge sind beredt – sie spiegeln lieblose Lebensverhältnisse, Dreck und Kommunikationsstörungen in der Gesellschaft.

Der Icherzähler isst das Schokoladenpapier zusammen mit der Zartbitterschokolade … aus Unachtsamkeit, weil er in Gedanken verloren ist, in Gedanken an Marie und an sich selbst: „zwischen diesen zwei sekunden klebt die wahrheit, ich erstarre…“, schreibt der Erzähler, die eigene Schrecklichkeit des Seins, das ihm wortwörtlich nicht mehr schmeckt, wird sinnlich bewusst. Immer deutlicher wird, dass Marie Katalysator für den Bewusstseinsprozess des Ich-Erzählers ist. Wahrheit wird körperlich erkannt.

Zum Schluss liegt der Akzent wieder auf Marie. Offenbar ist sie magersüchtig. Sie kommt mit ihrem Leben nicht klar, vielleicht auch nicht mit ihrem Geschlecht. Wenn ich das Mädchen und den Ich-Erzähler als eine Person auffasse, so kommen beide nicht zusammen, wirkliche Nähe misslingt, Liebe und Selbstannahme auch, und Ordnung besteht nur in Fluchtverhalten. Sie verletzt und zerstört sich, beißt sich die Lippen blutig, frisst sich selbst auf – was für ein extremes Bild für ein sterbendes Lebenwollen; und sie kotzt sich wieder aus – was für ein lebendiges Sterben so am Anfang einer möglichen Ordnung, die bulimisch verweigert wird! Das ist intelligent geschrieben! Wie liebevoll geht die Sprache mit der Selbstzerstörung um! Vielleicht, weil das andere Ich leben soll, es gibt in dieser fiktionalen Schizophrenie eine Lebenshoffnung, sie liegt beim Erzähler, der über das Mädchen, also über sich selbst erschrickt.

Das Mädchen sagt: „diese vorfahrtsstrasse / bitte umgehend // verlassen“ Und „dreht sich um“ – sie will raus aus diesem Leben, aber sie sucht eine Straße, die sie gehen kann. Ich wünsche Marie, dass der Erzähler sie findet!

Ulrich Bergmann

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