KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 03. Juni 2009, 20:16
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NACHTASYL HEUTE

148. Kolumne

Die Szenen aus der Tiefe der Seele, der persönlichen und sozialen Not zeigen, wie Menschen nicht fertig werden mit ihrer Lage. Einige von ihnen überleben als Kriminelle, andere wieder sublimieren ihr Scheitern, indem sie sich belügen und in der Vergangenheit oder anderen Welten träumen… Eifersucht, Untreue, Schuldgefühle, Lethargie, Betrug und Selbstbetrug herrschen unter den Nachtasylanten, die der Vermieter Kostylew als „lauter überflüssige verkrachte Existenzen“ bezeichnet. In dieser Atmosphäre entsteht Gewalt unter den Ohnmächtigen. Die Entleerung von menschlicher Qualität ist Thema des Stückes: Jeder versucht, trotz der Situation, in der er ist, seinen Anspruch als Mensch zu erhalten. Alle versuchen, sich zu artikulieren und zu überleben. Aber sie scheitern, stagnieren, kommen nicht weiter, leben nur noch, um zu sterben. Die von ihrem Mann verprügelte Anna verendet kaum beachtet von ihren Mitbewohnern, der Schauspieler erhängt sich…

„Die Lüge ist die Religion der Sklaven und der Mächtigen. Die Wahrheit ist der Gott des freien Menschen!“, sagt Gorki. Der seltsame Pilger Luka träumt vom Land der Gerechten nach dem Tod und tröstet die Gescheiterten im „Nachtasyl“ mit dem Glauben an den Menschen und die Wahrheit. Kleschtsch schreit heraus: „Was für eine Wahrheit? Wo ist die Wahrheit. Keine Arbeit, das ist die Wahrheit! Krepieren muss man, das ist deine Wahrheit!“ Es werden Versprechungen gemacht, dass soziale Fragen gelöst werden, und genau das Gegenteil tritt ein. Im Stück wird natürlich auch gefragt, ob es gut ist, mit so einer Art Lügentherapie umzugehen, um Menschen irgendeine Hoffnung zu geben. Gorki war strikt dagegen. Daher wird die Rolle des Luka am besten so gestaltet, dass er nicht als Lumpen-Messias missverstanden wird. Die über 100 Jahre alte Übersetzung wurde revidiert.

Das Stück ist aktuell, immer mehr Menschen fallen aus dem sozialen Netz. Geschrieben wurde es 1902 vor dem Hintergrund einer großen sozialen Utopie - heute leben wir in einer Zeit nach dem Scheitern sozialer Utopien…

Ulrich Bergmann

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