KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 03. November 2009, 14:21
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Via Cinquelotti. Ein Brief

172. Kolumne


Lieber André Schinkel,

„ich bin aus meinem Zwergparadies und ‚twilight garden’ in die wirkliche Welt zurückgekehrt und sogleich vom Wald der Pflichten und unterschwelligen Kerbschläge überrannt - aber was will man auch in der Angstblüte dieses späten Jahrhunderts erwarten … man muß den Sehern, Laborierern und Traurern einen Raum geben“, schreiben Sie. Ihre Mail ist ja in der metaphorischen Dichte fast ein Gedicht! Ich will nur einwenden, dass wir die Wirklichkeit nie verlassen können, auch nicht im twilight garden, und selbst dieser Garten der lebenden und toten Katzen Schrödingers und Carrolls gehört zur Wirklichkeit, wenn auch nicht zur ungeliebten, in die Sie nun zurückkehrten... Und dann die grandiose Ausweitung ihrer Angstzone ins Säkulare: „Angstblüte dieses späten Jahrhunderts“ sagen Sie. An die Wiederaufnahme der Tragödie „Fin de siècle“ in unser Menschheitsprogramm haben wir uns ja alle so sehr gewöhnt, dass uns unsere Angst wie ein Plagiat einer früheren Angst vorkommt, sodass wir unter dem Zwangsdiktat der neueren Kunst nach einer neuen Angst suchen und nach einer neuen Hoffnung, vielleicht in dem Glauben, es hegelt sich unser Leben mit neuen Begriffen hoch.
Der Lyriker Holger Benkel würde sagen, am besten lebten wir noch als Tote... also vor unserer Geburt oder nach unserem Tod. Wahrscheinlich ist Letzteres das Beste, weil man’s dann hinter sich hat und beruhigt tot sein darf ohne Angst, noch einmal leben zu müssen, jedenfalls dann, wenn der physische Tod endgültig war. Das weiß keiner, auch Benkel nicht, auch er ist dazu verdammt zu glauben. Er glaubt ja nur metaphorisch, denke ich, so wie er fast nur als Bild lebt. Anders gesagt: Seine Gedichte sind große Expressionen einer unglaublichen Sehnsucht nach Erlösung vom Leben oder, was die Leser betrifft, nach Erlösung in einem besseren Leben. Dann ist der Tod auch nur ein Bild in allen seinen Gedichten. Immerhin lebt Holger Benkel in seiner Sprache, seine manischen Inversionen deutet er ja als Vermeidung der Herrschaftssprache, er spricht in einer Erlösungssprache mit einer befreiten Syntax. Schwer zu glauben. Aber ich akzeptiere, dass er sich in seiner Syntax befreit fühlt. Es sind meist Konditionalgefüge: Wenn - Dann. Wenn A gilt, dann gilt B. Logischer - und hermetischer - geht es gar nicht. Insofern stimme ich zu. Hinzu kommt noch, dass er in Fabeln dichtet. Es sind Tierfabeln, die den Menschen als das gefährlichste und gefährdetste Tier zeichnen. Mit den Bildern vom Menschen, der in den niederen Arten, den Insekten etwa, gespiegelt wird, erreicht Benkel eine unglaubliche Reduzierung menschlicher Komplexität aufs Elementare, zumal die Tiere nicht - wie bei den Alten - menschliche Züge aufweisen und im vereinfachenden Zerrbild Molièrescher Charakter-Komik erscheinen, sondern, ganz von Komik und Tragik befreit, auf den Kern des Animalischen gebracht werden: Existenz, die selbst nie Kunst wird, sondern sich als bloße Natur vollzieht jenseits aller ethischen Fragen. Nur in der philosophischen oder literarischen Reflexion über das Leben kann Kunst entstehen: twilight garden...
Ob Holger Benkel damit wirklich etwas Neues zu dem Thema Kunst sagt, bezweifle ich. Er sagt es nur anders als andere bisher. Aber trotzdem liegt darin Größe - wie auch in der Sprache Ihrer Sepia-Gedichte (ich will sie gar nicht mehr Sonette nennen; Sie können sich von diesem Bezug zu formaler Ähnlichkeit lösen, dann gewinnt die neue Form mehr Freiheit auch für den Leser).
Trotzen Sie den Kerbschlägen des angstblütigen Lebens Ihren Geistesfrieden ab, neue Gedichte, neue Ausgaben vom Ort der Augen und das süße Far niente in den geheizten Bistro-Stuben Halles, auch das muss sein! Widerlegen Sie die liebenswürdige Bosheit des Satirikers gegen den Roten Horizont... (Ich habe mich in Halle tagelang gar nicht getraut dorthin zu gehen, im Ernst, aber am vorletzten Tag war ich dann doch dort, und prompt saß da eine junge Frau am Teetisch und schrieb mit ernstem Gesicht Seite um Seite... und blasse Herren mit Mokkatassen besetzten die Eisenbahnsitze... Da löste ich mich aus der seelischen Verstrickung, in die ich durch den bestimmt wahren Kern der Satire geraten war, und genoss meinen Espresso macchiato, indem ich mit den Augen in die Kleine Ulrichstraße hineinblinzelte und an Holger Benkels Worte dachte, der mich in seinem letzten Brief wieder einmal mit den Worten auf den Arm nahm: Nach meinem Tod müsste die Straße nur geringfügig umbenannt werden... Ich bin großzügig: Die Straße lasse ich Ihnen, Via Cinquelotti soll sie heißen...
Herzlichst: Ihr Ulrich Bergmann
Bonn, 3.11.2009

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