KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 14. April 2010, 09:46
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Im Kunstgebiet

193. Kolumne


Vierte Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen, Materialbildern, Skulpturen, Installationen und Fotos der Klassen 11-13 im St. Michael-Gymnasium Bad Münstereifel
Vernissage am 8. März 2010


Dies ist eine Schau praktisch aller Oberstufen-Arbeiten, die unter der pädagogischen Schirmherrschaft von Anne Schorrlepp in den letzten Monaten entstanden. Ein kleiner Teil besteht auch aus ganz freien Arbeiten, die nicht an der Schule entstanden.

Die Themen: Landschaften der Innenwelt, die Physiognomie des Schulgebiets, das zweite Gesicht der Bäume, die Dialektik von Technik und Natur oder Kunst und Leben, Farbenwortspiele, Schreibstiftcollagen.

I
Das Kunstgebiet umfasst mehrere Kontinente. Ich beginne mit dem Kontinent der Fotos.
Draußen in den katakombischen Gängen – vor dem Fundus des Theaterkellers – fiel mir das WIKIPEDIA-Triptychon von Jonas Gassmann auf: Drei prägnante Schwarzweiß-Fotos zum Thema „Wissen ist Macht“, Wissen eröffnet eine weite Welt, ein kluger Kopf steckt hinter einem Bildschirm, das dem Betrachter zugewandt ist: Wikipedia lesen wir. Im Foto darunter (es ist tatsächlich eine absteigende Linie) liegt die Leiche des Unwissenden, ein neuer Mensch wird geboren oder wird auferstehen, aber noch schläft dieser neue Mensch – im dritten Bild – er ist noch ganz überwältigt von den ihn erdrückenden Büchern, er schläft, „Wissen ist Nacht“, doch im nicht gezeigten vierten Bild entfaltet sich die Macht des Wissens. Oder ist es eine Satire auf die Überbildung und Überformung einer durch allzu viele Unterrichte gequälten Schülerseele. Schwer zu sagen. Der Betrachter muss sich im Spiegel dieser Bilder selbst interpretieren. Diese Fotoreihe finde ich formal sehr überzeugend!

Ähnlich eine andere Fotoserie (von Corinna Schultze): Hier versucht ein Schüler seine Rolle anzunehmen – aber es strengt ihn an, er sucht Entspannung, er braucht ein Refugium in intimen Gemächern, im WC, dort schreibt seine Seele er auf die Wand.

Und noch einmal Fotos aus dem Gebiet der Fremdheit (von Tobias Butscheid): Ein noch ganz kleiner Junge steht verloren vor dem Schultor. Im nächsten Bild ist er konfrontiert mit der Schlucht des alten Treppenhauses, Absturzgefahr, Leere, Orientierungsnot… Dann die Ödnis und Kahlheit dunkler Flure, die wie ausweglos erscheinen – und doch führen am Ende noch Stufen in eine hellere Zukunft – zum „BIG ABI“ (das steht groß an der Wand).
Die Bilder sind in diesen dunklen Kellergängen gut situiert. Das passt zum Thema, zum erhofften Licht am Ende des Horizonts…

Schön auch das Foto von Britta Stange aus einer anderen Serie, wo ein über dem Mund abgeschnittener Mädchenkopf sich an einen in der Hand gehaltenen Apfel anschmiegt… Das Rot leuchtet sehr intensiv, das Bild ist von immenser Sinnlichkeit, sehr stark das assoziative Spiel mit dem Schneewittchen-Motiv…

Intellektueller anmutend die streng komponierte Fotoserie „Spurensuche“, wo Svenja Heinrich alte Gegenstände, Dokumente, ein überdimensionales Auge, verschiedene Zeitebenen (DDR, 20er Jahre) miteinander kombiniert und mit einer rechteckigen Lupe versieht.

Nicht zu vergessen: Geradezu grandios finde ich die Serie der 8 Fotos von Anne Hansen, die beim Verlassen der Galerie Gummizelle gleich links zu sehen sind: Blauwerden – ein Zyklus von Fotos, auf denen sich ein Mädchen schwarzweiß in schwarzweißer Umgebung betrinkt und zunehmend blau wird: Gesicht, Pullover, Jeans… Ich frage mich, wie es technisch gelang, Blau als einzige Farbe zu addieren. Tolle Wirkung!

Zuletzt die witzige Fotoserie „Kommunikationsbarrieren“ von Marie Weyh – hier sind in Schwarzweißaufnahmen Schüler im Schulgelände aufgenommen, die alle einen Anonymisierungsbalken vor ihre Augen halten… Entseeltes Schülerdasein? Auf einem Fotos sieht man auf den weißen Metallbänken Jeans ohne Inhalt, als wären die Schüler sozusagen nur formal anwesend, sind aber in Wirklichkeit ganz woanders. Vielleicht ist das zu tief interpretiert. Die spielerische Bild-Idee ist jedenfalls stark!

II
Der nächste Kontinent ist sehr klein: Zeichnungen. Ich greife die Blätter von Florian Theisen heraus. Es sind ganz freie Bildideen: Gesellschaftskritisch lesbare Landschaften, die aber offensichtlich sehr spielerisch entstanden. Auf einem Bild sehen wir einen uniformierten Affen in einem karg möblierten Zimmer. Das erinnert an Daumiers satirische Zeichnungen.
Auf einem anderen Bild sehen wir ein bedrohliches Waffenarsenal, darüber eine bunte Sonne mit Flundergesicht, sie streckt die Fisch-Zunge heraus und lacht über die Dummheit der bleigrauen Wirklichkeit. Mitten in der zur Ornament gewordenen Natur wächst eine Birne in einer Flasche. Wer soll sie pflücken im Angesicht der mächtigen Artillerie?

Eine sehr geistreiche Zeichnung befindet sich hier im Raum: Ich meine Frido Färbers „Schwarzseher“ – ein Redner steht vor einer Menschenmasse, über ihm seine Denkblase, nichts als pure Schwärze, oder das Nichts, oder das All, und mittendrin, farbig, die Erde! Da denkt er – zum Glück – seinen Selbstwiderspruch mit!

III
Größer ist wieder der Kontinent der Skulpturen: In den Katakomben der Umkleidekabinen sehen wir „Die grüne Lunge“ – ein Pictogramm-Männchen von Christina Rheindorf, das im Rahmen des Unterrichts über Farbtheorie und Farbsemantik entstanden ist. Die grüne Lunge einer Stadt wird hier angesiedelt im Brustraum der schematischen Figur, die sogar elektrisch illuminiert ist. Hier haben wir auch schon eine der Skulpturen, die zum Thema Natur und Technik gehört.

Nun zu den Baum-Variationen hier im großen Raum der Galerie. Dort (von Cai-Oliver Thier) Computer-Eingeweide, aus dem ein Bäumchen wächst – wird es künstlich erzeugt? Oder haben wir hier eine ironische Dialektik von Software und Hardware? Eine kritische Dimension spüre ich beim Betrachten: Die Natur tut sich schwer in ihrer Behauptung gegen die Technisierung der Welt.

Wie eine Variation dazu wirkt das Ready-made von Katharina Bodenheim: Der Regenschirm als Topfpflanze oder die Topfpflanze als ironische Antenne. Da wächst Technik aus der Erde, als wäre es die reine Natur! Das Werk hat Witz!

Das nächste Werk (von Jannik Zimmermann) ist wieder als Variation auffassbar: Jetzt ist die Natur fragmentiert und wird wieder zusammengesetzt, jetzt ist es künstliche Natur oder Kunstnatur oder Natur als Kunst. Am T-förmigen Hauptast mit mehrgliedriger Krone obendrauf hängt eine Art Schaukel, als wärs eine Persiflage auf Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“… Wie dem auch sei, die Skulptur eröffnet verschiedene Interpretationen. Man kann aber das Ganze auch ohne jede Deutung rein formal auf sich wirken lassen. Es behält auch dann seinen Witz.

Obwohl im Rahmen des Schreibstiftthemas entstanden, passt die Hand, die aus dem Laptop wächst und sich selbst beschreibt, gut zu den eben kommentierten Skulpturen. Mich erinnert diese Idee von Bianca Mauel an Zeichnungen des Holländers Escher, da sehen wir auch eine Hand, die sich selbst zeichnet, und die gezeichnete Hand zeichnet die reale. Hier ist es ähnlich: Eine Software-Hand wird real und digitalisiert sich selbst. Ich deute das als die tiefsinnige Erkenntnis dessen, was Kunst letztlich immer ist: eine Tautologie. Es ist, was es ist. Wie das ganze Leben. Es ist, was es ist.

IV
Der Kontinent der kleineren Bilder. In der Nische dieses Raums fielen mir besonders die rosaroten Brillen von Jessica Schmitz und Therese Wiedenau auf. Die kleinen Materialbilder sind charmant und haben spielerischen Witz.

Oder der Kabelbaum aus der Steckdose von Thilo Mehrens! Auch dies ein schönes Spiel.

V
Zuletzt will ich auf den Kontinent der großen Bilder hinweisen. Die „Pappen“, so nennt sie Frau Schorrlepp“, haben mich sehr beeindruckt. Sie sind formal und farblich erstaunlich reif und prägnant. Von diesen großformatigen Bildern geht starke eine Wirkung aus. Ich gebe zu, es fällt mir schwer zu sagen warum, denn wir sind hier auf einer Ebene, wo man Bilder im Vergleich sieht mit den Hunderten und Tausenden Bildern, die man in Museen und Ausstellungen sah… Ich finde die gesamte Wand hinter euch, hinter Ihnen, und die Wand bis zur Tür, von herausragender Qualität.
Ich sage nur ein paar Worte zu den Bildern. Zum Fenster hin eine Landschaft von Roxana Ferrigno in freier Malerei mit integrierten Naturmaterialien: Sand, Blätter, Erde, Zweige, Gräser. Mich überzeugt die formale Gliederung der Fläche durch Farben und Materialien.
Carsten Schönbergs langstielige Gräser, kleine Steinchen in warmen Farben gebettet, links vertikale Farbrinnsale einer Spinnenform im weiß ausstrahlenden Kreis. Mystisch, mysteriös, rätselhaft, stößt in mir an, provoziert Deutungen, die ich gleich wieder verwerfe.
Laura Limitos dunkle Säulen- oder Pfeiler oder Türme erinnern an den russischen Konstruktivismus, sind aber ein Bild von heute, farblich untergliedert, dazu der nicht ganz vertikale Spalt als weiteres Strukturelement, die Stufungen oben sind gebrochen durch farbliche Ausfransungen. Manhattan fällt mir ein, aber das trifft es nicht nur, nicht ganz.
Leona Krämers strahlendes Gelb über erdfarbener abstrakter Landschaftsform. Abstrakter Expressionismus.
Jan-Philip Reifs lasierte Landschaft mit blutroter Sonne, unten Tujapflanzen eingebettet.
Nico Eibens schwarzer Keil in fließender Landschaft.
Robin Kettlitz’ Blaue Schwünge mit ziselierender Farbflächengestaltung.
Britta Stanges Wildkatzenhundkopf in abstrakter Umgebung, eine feine Balance zwischen Porträt- und Landschaftsmalerei. Man muss den Kopf nicht erkennen, um das Bild zu begreifen und von ihm beeindruckt zu sein.

Nicht ganz in diese Reihe gehörend, aber gut als Abwechslung, die zwei Baumbilder von Sascha Hermanns. Stark konturierte Baumfiguren sind das. Die linke feminin, die rechte maskulin, Adam und Eva. Adam ist nicht so stark verwurzelt wie Eva… Eine andere Sichtweise: Die Bäume sind eine Metamorphose – der Mensch wird im Baumbild metaphorisiert. Er hat Gelenke und Muskeln, hat Kraft. Adam und Eva, sagte ich eben (man denke etwa an Dürers Diptychon), oder was auch noch denkbar wäre: Philemon und Baucis, das Ehepaar, das die Götter bewirtete und nach dem Tod sich in einen Baum mit zwei Stämmen verwandelte, was die Treue des Paares symbolisierte, das erscheint hier nun gleichsam emanzipiert von symbiotischer Ehe, jeder ist heute sein eigener Baum.

Das war’s. Nun sage ich nichts mehr. Jetzt sollen die Bilder sprechen.

[Ulrich Bergmann]

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 DanceWith1Life (16.04.10)
jetzt ist doch glatt passiert, was in einem Forum immer vergessen wird, der Moment oder muss ich Momentum des Lesens sagen, ich durchflog wie ein neugieriger Amselvater, immer auf Suche, Futtersuche, diese Zeilen, als plötzlich mitten in der für meine Ohren anschaulichen Beschreibung der 8 Fotos von Anne Hansen, der Vorschlag von KeineGallerie mein meinen Sehnerv streifte, Augenfang von keltenfeuer, wenn du es dir ansiehst wirst du diesen K wahrscheinlich verstehen, und dann war es mehr, als nur eine Beschreibung.
Diesen Moment lasse ich hier, gern gelesen.
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