KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 10. Dezember 2010, 11:07
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Die eine Wirklichkeit braucht die andere

228. Kolumne

Interpretation: Kafka: Auf der Galerie

Mich interessiert am allermeisten die Reaktion des Galeriebesuchers. Es sind zwei Möglichkeiten dargestellt, wie ein junger Mann Arbeit und Kunst der Zirkusreiterin reflektiert und empfindet:

Der junge Mann sieht, wie qualvoll die Artistin sich abrackert, um dem Publikum, das unterhalten werden will, den schönen Schein zu bieten. Der junge Galeriebesucher ist ein Idealist, der das Leiden der Artistin erkennt und beenden will – wenn es ihn gäbe! „Vielleicht“, heißt es, und dann folgt der Konjunktiv für diese Möglichkeit; der Konjunktiv passt übrigens gut zum schönen Schein. Man sieht hinter die Kulissen des schönen Scheins.

Dieser junge Galeriebesucher ist wirklich da („da dies so ist“) – und der schöne Schein wird nun zur ganzen, einen Realität; alles ist wunderschön, obwohl es das reinste Theater, fast ein Traum.
Jetzt protestiert der junge Mann auch nicht, er ist versunken in den Schein, er ist ganz gefangen vom Spiel in der Zirkuswelt. Er schaut am Ende gar nicht mehr hin, die Bilder sind nun in seinem Kopf und im Herzen, er „weint..., ohne es zu wissen.“ Das Weinen bedeutet Seligkeit, Glücklichsein, vielleicht auch unbewusstes Trauern. Die Kunst, die den jungen Mann begeistert und glücklich macht, siegt.
Aber der Autor, und mit ihm der Leser, weint, er beklagt die Schwere des Lebens. Das Publikum sieht nur, was es gekauft hat: Eine unterhaltende Wirklichkeit im Schein des Schönen. Der Galeriebesucher fühlt, ahnt aus der Ferne etwas davon, ist jedoch sprachlos.

Welche Realität ist die wahre: Die harte Arbeit für den schönen Schein, die Kunst – oder der schöne Schein, die Kunst als Glücksmoment? Beides gehört zusammen. Die eine Wirklichkeit braucht die andere.


[13.10.1992 für Klasse 9B als Beispiel für eine erwartbare Interpretation]




Kafka, Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (17.12.10)
Wo gibt´s denn sowas - den Schülern im Deutschunterricht eine Musterlösung anzubieten! Da könnten sie glatt was lernen. Zu meiner Zeit gab´s das nicht, nicht mal der im Rückblick beste Germanist tat das. Allerdings las er vor Rückgabe der Klassenarbeit die beste, eine mittlere und eine ausreichende Arbeit vor. Ausruf einer vorwitzigen Primanerin: Lesen Sie bitte auch die schwächste Arbeit vor! - Nein, ich führe niemanden vor. - Für damalige Verhältnisse schon viel.

Keine einfache Vorlage für eine Obertertia, Uli. Lo

 Bergmann (17.12.10)
Das war keine Klassenarbeit! Im Unterricht kamen gute Ideen von den Schülern, nur fehlte ihnen der strukturelle Blick. Ich wollte das (wichtige!) intuitionistische, assoziative Textverständnis ergänzen, den Blick auf Strukturen lenken und tiefere Bedeutungs-Möglichkeiten zeigen. Die Selbstbezüglichkeit der Parabel zu Kafka bzw. zur Problematik der Künstlerexistenz habe ich nicht behandelt; den Schülern kam meine Interpretation ohnehin schon recht konstruiert vor. Ich sagte: Der Text ist konstruiert, er ist eine Komposition - jede Interpretation darf (soll) auch eine Komposition sein!
Hzslt, Uli
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