KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 09. Februar 2011, 09:30
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Rote Fäden. Goethes Wahlverwandtschaften minimiert

239. Kolumne


Erstes Buch

1. Werther, der sich jetzt Eduard nennt, hat Charlotte geheiratet, nachdem Albert gestorben war. Eduard will den Hauptmann einladen, er langweilt sich mit Charlotte. Der Hauptmann heißt Otto.

2. Charlotte, vernachlässigt, will ihre junge Ziehtochter als Kompensation für Eduard einladen, Ottilie.

3. Nun versucht Goethe uns mit der harmlosen Konstellation Eduard + Otto, Charlotte + Ottilie zu täuschen.

4. Der Hauptmann kennt sich in der Chemie aus: Man erkennt an den Elementen, wie man selber reagiert. Die Elemente sind sich ähnlich: (Charl)otte, Otto, Eduard = Odo(ardo) = Otto, Otttilie. Welche Reaktionen gibt es? Odo und Charlotte? Schon gelaufen. Odo und Ottilie? Erzählerisch irrelevant, denn auf der Hand liegt Otto + Charlotte! Otto + Ottilie? Natürlich, das ist die schärfste Reaktion, um die wird es gehen.

5. Eduard fängt Feuer, aber er merkt es noch nicht. Charlotte weiß, dass sie den Hauptmann mag, merkt aber noch nicht, wie sehr.

6. Ottilie emanzipiert sich von ihrem toten Vater (Amulett) und schlägt vor, das „Mausoleum der Lust“ außer Sichtweite des Schlosses zu bauen. Man kann übrigens von dort den Friedhof sehen, und die Pappeln, die ganz offensichtlich als phallische Symbole Eduards Männlichkeit widerspiegeln; man sieht auch das Wasser der Seen, einen Kahn und eine Kapelle, die renoviert werden muss.

7. Eduard und Ottilie musizieren fehlerhaft, aber schön. Charlotte und Otto musizieren korrekt, aber unschön. Als Eduard liest, lässt er Ottlie ins Buch schauen, nicht aber seine Ehefrau.

8. Grundsteinlegung. Ottilie reißt sich nun innerlich ganz von ihrem Vater los und begräbt ihn symbolisch mit dem Amulett im Grundstein. Glasscherben bringen Glück – Eduards Glas aber zerbricht nicht, das bringt Unglück, und so kommt es auch.

9. Herr Mittler – eine sehr konstruierte Figur, die als Anwalt der treuen ehe auftritt („Man achte mir den Ehestand...!“) – kommt zu Besuch, als Untreue immer wahrscheinlicher wird. Mittler tadelt die Galanterie, mit der Eduard Ottilie behandelt, und hält eine moralische Standpauke.

10. Noch ein Besuch: Ein Graf mit einer verheirateten Baronin zeigen, wie man untreu ist.

11. Es kommt zum doppelten Ehebruch im Geiste. Eduard denkt beim Beischlaf mit seiner Frau an Ottilie, und Charlotte an den Hauptmann.

12. Ottilie lernt Eduards Schrift. Eduards Zuneigung zu Ottilie geht Charlotte zu weit. Um Eduard unter Druck zu setzen, entsagt sie dem Hauptmann, der nun bald aus dem Spiel genommen wird. Eduard will sich wegen Ottilie scheiden lassen.

13. Eduard schenkt Ottilie einen Koffer mit Kleidungsstücken und Schmuck. Er will sie an sich binden. Er rechnet nach, wann er seine Platanen gepflanzt hat. Eduard plant und rechnet sich eine Zukunft aus, die moralisch nicht aufgehen darf.

14. Richtfest. Ein Knabe fällt ins Wasser. Der Hauptmann rettet ihn. Eduard ist Nichtschwimmer, Fechten liegt ihm mehr. Der vernünftige Hauptmann erhält Leben, Eduard ist streitbar.

15. Eduard ist beim Feuerwerk Ottilie nahe.

16. Ehegespräch. Charlotte verlangt, dass Eduard auch entsagt. Eduard trennt sich von Charlotte, er verlässt das Schloss, um seine Frau zu erpressen, ihre Entscheidung zu revidieren. Sie bleibt fest. Er will sein Heil im Krieg suchen und den Heldentod herausfordern. Ottilie bekämpft ihre Frustration mit Gedanken über Grabsteine.

17. Aber nun kann Ottilie reifen (Entelechie einer zarten Seele). Sie gewinnt eine Pause, die Gretchen in der Faust-Tragödie nicht hatte.

18. Charlotte ist schwanger. Sie erinnert Eduard an die (doppelt ehebrüchige) Liebesnacht, um ihn zu halten. Vergeblich.


Zweites Buch

1. Nun schlendert der Roman gemächlicher dahin. Ein junger Architekt ersetzt den Hauptmann.

2. Der Erzähler erklärt, was ein roter Faden ist (eingewoben in die Taue der britischen Marine), er spielt damit auf die metaphorischen Verflechtungen im Roman an.
Ottilie beginnt ein Tagebuch zu schreiben, in dem sie über Eduard und transzendente Dinge reflektiert, oft schwer decodierbar. Manchmal verliert sie den roten Faden ihrer Gedanken, aber im Spannungsfeld zwischen Liebe und Tod behauptet sich die Transzendenz, die wie die Selenachse eines Korkenziehers Stabilität garantiert. Der rote Faden ist hier auch der Lebensfaden, er ist dünn, reißt schnell, wenn er nicht eingewoben ist ins moralische und gesellschaftliche Geflecht. Ist der Faden weg, so auch das Tau, der Körper, das irdische Fundament. Rot ist das Blut, das Herz und die Liebe.

3. Im Friedhof, der oft erwähnt wurde, steht eine Kapelle. Der junge Architekt malt mit Ottilie die Wände aus. Die Gesichter in den Bildern ähneln alle Ottilie. Es ist, als wäre Eduard in der Gestalt des Architekten anwesend. Inzwischen blickt Eduard dem Tod in die Augen. Er will sterben, aber das lässt der Erzähler nicht zu.

4. Luciane, Charlottes Tochter aus erster Ehe kommt zu Besuch. Das exaltierte Mädchen nervt ihre ganze Umgebung mit ihrem Temperament und ihrer Dominanzsucht.

5. Ottilie kommt ins Grübeln. In ihr und um sie herum wird es Herbst.

6. Charlottes und Eduards Sohn wird geboren. Er heißt – Otto. Ottilie kümmert sich um das Kind, das Eduard in Gedanken an sie mit Charlotte zeugte.

7. Eduard hat den Krieg heil überstanden und trifft Ottilie, die im Kahn mit dem Kind ans Ufer rudert. Im Gespräch mit Eduard vergeht die Zeit. Als sie in Eile wieder in den Kahn steigt, fällt ihr vor Aufregung das Kind ins Wasser und ertrinkt. Nun ist Ottilie moralisch endgültig blockiert und muss Eduard entsagen. Die Natur hat die moralische Ordnung wiederhergestellt. Eduard begreift das noch nicht. Der Leser soll sein Verständnis in der hier eingeschobenen Novelle von den „wunderlichen Nachbarskindern“ vertiefen. Eduard erhält die Möglichkeit, sich mit Charlotte zu verständigen.

8. Seine Leidenschaft aber lebt weiter.

9. Das Konkrete wird über das Bildliche (Ottilies Kapellenfresken) ins Abstrakte und Absolute gewandelt. Die profane Liebe Eduards kann sich in der Sphäre des Unzulänglichen nicht erfüllen, eine reinere Liebe ist Eduard und Ottilie nur da oben vorbehalten, im Jenseits-Himmel.

10 – 18. Tief durchdrungen von dieser höheren Macht entsagt Ottilie, später auch Eduard, allen Speisen. Das ist zugleich ein Affront gegen erd- und weltgebundene Moral. Sorgfältig verschließt Ottilie die nie getragenen Welt-Utensilien in Eduards Geschenk-Koffer und beerdigt damit ihren roten Faden zu Eduard. Der begreift sein Trinkglas als Gleichnis wie der König von Thule und trinkt nichts mehr, um Ottilie über den Tod in den Himmel zu folgen. Dort sind sie vermählt. Die Sphäre des Transzendenten scheint in der Natur auf. Das heitere Blau des Himmels spiegelt sich beziehungsreich auf der meist ungekräuselten spiegelglatten Wasserfläche des Schlossteichs. Am Schluss des Romans wird das metaphorische Netz immer grotesker, der Erzähler rettet sich in eine sanfte Ironie.

1983/2010

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (04.03.11)
Früher dachte ich, das werde ich eines Tages lesen, assoziierte das Gegensatzpaar Verwandtschaft/Wahlverwandtschaft. Und dann ists doch viel mehr. Dennoch ein echter JWvG:

"Alles Vergängliche // Ist nur ein Gleichnis; // Das Unzulängliche, // Hier wirds Ereignis ..." Lothar

 BrigitteG (04.03.11)
Ich hab's vor ein paar Jahren gelesen, ist noch nicht so lange her. Damals dachte ich, dass es vielleicht ein leichter, lockerer Einstieg in Goethes Werke wäre. Pustekuchen.
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