KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 10. Oktober 2011, 09:14
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Die Natur der Kunst und die Kunst der Natur

277. Kolumne

Fünfte Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen, Materialbildern, Skulpturen und Installationen der Klassen 12 und 13 des St. Michael-Gymnasiums Bad Münstereifel – Vernissage am Montag, 21. Februar 2011, 19 Uhr

Liebe Gäste, liebe Schüler, liebe Eltern und Kollegen,

als mir am letzten Donnerstag Anne Schorrlepp die Arbeiten zeigte, habe ich gestaunt, noch mehr als letztes Jahr, mit welcher Leichtigkeit und Sicherheit so prägnante Bilder und Objekte entstanden! Natürlich kenne ich nicht die Kämpfe im schulischen oder häuslichen Atelier, die Phasen der Entstehung und Revisionen, doch zählt am Ende nur der erarbeitete Schein im Verhältnis zur Substanz des Werks.

I
Schon beim Gang in dieses kleine Mittagsraum-Museum blinkt mir Witz entgegen, René Müllers Empfangsbäumchen mit Kollektoren – und da haben wir schon das Thema: Kunst und Natur / Künstliche Natur. Das Thema lässt sich durchspielen: Gibt es eine ‚künstlerische Natur’, gilt also: Natur = Kunst?, gibt es auch eine natürliche Kunst? Die Schüler geben sehr unterschiedliche Antworten, oft - wie man sagt - ‚durch die Blume’... Die Blume ist das ganz überwiegende unabgesprochene Motiv in dieser Ausstellung. – Eine Kunst, in der die Natur das Thema ist, kann leicht politisch werden. So auch hier, aber die meisten Arbeiten dieser Ausstellung wollen auch ästhetische Auseinandersetzungen sein, mehr oder weniger welthaltig, mehr oder weniger abstrakt, mehr oder weniger gegenständlich.

Zurück zu René Müller: Aus der Natur erwächst Technik, die blauen Kollektoren wollen Sonnenlicht empfangen, sie ersetzen die natürlichen Blätter. Ich sehe Renés Baum als Metapher für ein Leben, in dem Technik und Natur noch eine harmonische Einheit darstellen; so gesehen ist die Technik, die ein natürlicher Menschenverstand schuf, ein Naturprodukt, also gar kein Widerspruch zur Natur.

Im Gegensatz dazu haben Eugenia von Gartzem und Sabine Linke ein global-kritisches Objekt geschaffen: Die Welt auf dem Operationstisch. Wir sehen eine Flasche mit Blutplasma und ein Messgerät, wir wissen also Bescheid über den Grad der Verletzung des Lebens und haben auch Mittel, aber da sind nur hilflose Hände, und da ist keiner, der operieren könnte.

Aus Carina Schupps Tastatur-Beet wachsen Blumen und schöne Dinge, sie sind nur ein schöner Schein, der für Phantasie steht, aber auch für Sehnsucht nach Harmonie. Virtualität wird hier vergegenständlicht, und so scheint auch eine kritische Dimension auf.

Die unwirklichen Planetengewächse von Britta Sankowsky stechen aus einer öden Kruste hervor – es sind Blumen, reduziert aufs Elementare, kaltgrün, kaltweiß. Schlägt sich in dieser kahlen Bodenprobe, die mir wie ein Gegenstück zu Dürers Rasenstück vorkommt, die Angst vor dem Verlust der Natur nieder? Oder ist es nur ein Scherz – das bleibt offen.

Ironisch wirkt Niklas Garrelfs Kritischer Säulenwald im offenen Holzkasten mit Spiegeln an der Rückwand. Die dünnen schwarz-weißen Säulen füllen das ‚Mittelschiff’ eines Tempels. Man sieht vor lauter Kunst-Wald keine Natur mehr, nur im Spiegel sich selbst...

Nicole Mrosek legt die Natur in Schneewittchensärge als kostbaren Schmuck, selten gewordenes Gut, wie Erinnerungsstücke in Museumsvitrinen. Auch hier wird eine kritische Dimension erkennbar.

Ob die Blühende Blumenlandschaft im Treppengeschoss, ein grandios ironischer Gedanke in einer entglasten Autotür vom Schrottplatz, auch Kritik intendiert, ist schwer zu sagen. Anna Waasem und Meike Mehrens nehmen die touristische Sicht aus dem Auto auf die Schippe: Die Fahrt ins Schöne – oder sie erfreuen sich einfach nur am Witz ihrer Objektkunst.

II
Ich komme nun zu den Werken, die mehr das Ästhetische akzentuieren.

Eine meiner Lieblingsarbeiten sind die Käsewürfel in Auflösung von Denis Kerp – eine einfache, stark wirkende Idee, ganz abstrakt, und doch Deutungen provozierend. Die winzigen Stelen sind einzeln gearbeitet, also keine wie die andere, und raffiniert über die Kastenfläche verteilt. Es gibt im Stelenfeld eine Ecke der Verdichtung, und der Ecke gegenüber Zerstreuung oder Auflösung.

Frappierend das Stahlobjekt von Mike Mauer und Andreas Weber:
Die Erschaffung der Welt. Aus der Materie löst sich die erschaffende Hand, die sich erhebt und einen kreisrunden Ring hält, der ihr entwachsen ist, die Schöpfung oder das Universum. Ich assoziiere Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle, die Erschaffung Adams – das Stahlobjekt ist jedoch allgemeiner, es eröffnet philosophische Gedanken.

Die Papierblumenvase von Alina Zaijceva überzeugt mich durch ihre geschlossene Materialisierung phantastischer Blumen in einer ‚musikalischen’ Violin-Vase.

Andrea Kesselers Große Staubsaugerblume überzeugt mich ohne tiefere Deutung. Der Staubsaugerschlauch mit Blüte, verwurzelt in einem Zeitungssockel, hat Witz in sich selbst.

Damit korrespondiert der Schlauch von Christina Rheindorfs Duschblume im Ambiente von Badezimmer und Werkzeugabteilung von OBI.

Richtig umgeworfen hat mich Judith Orthgieß’ Umweltvogel mit Ü-Ei, eine geistvolle Arbeit mit Witz! Der Leib des Vogels wird zusammengehalten von fragmentierten Papierbildern und trägt das Symbol der radioaktiven Strahlung – das Überraschungs-Ei überhöht den ästhetischen Witz.

Es gibt auch zweidimensionale Bilder in dieser Ausstellung, wunderbare grafische Arbeiten in Schwarzweiß und in Farbe, auch großformatige Bilder:

Die Puzzle-Rose von Jacqueline Klein spielt mit der Idee der Nachahmung und denkt Ideen von Magritte weiter.

Mutierte Landschaft von Miriam Schäfers ist eine apokalyptische Vorahnung in expressiv kolorierter Stimmung. Gemischter Himmel über dem Schattenweg im Vordergrund.

Simon Kessels Bild Auflösung ist ein exzellentes Beispiel zum Thema Buchstaben- und Ziffern-Kunst. Hier befinden sich die Zeichen in einem farblich dramatischen Auflösungs- und Mischungsprozess.

Das Blumenrelief von Maren Herbst ist ein kraftvoll komponiertes Bild, reliefartige Konturen und kontrastierende Farbgestaltung – toll!

Warum können Engel fliegen? Weil sie sich leicht nehmen, sagt Benedikt XVI. Yasmin Schravens Bewegungsengel wirkt schwer und kraftvoll in einer Sphäre des Nichts oder Fast-Nichts – als entstünde gerade die Welt. Ist er kopflos, oder sehen wir ihn von hinten, wie er sich gerade abwendet? Schwer zu sagen.

Das Knäuel-Nest von Laura Limito wäre – wie so manches andere Werk hier – in einer Kunstgalerie gut aufgehoben. Die Gesamtform – einer liegenden Zitrone ähnlich – wirkt wie ein Nest, ein kleines, oben offenes Universum tief unter einem weißen Pseudo-Himmel, ein Refugium mit einer feinen, dichten Außenhaut aus lauter dünnen, oft mit Wörtern bedruckten Papierstreifen, die miteinander lose verflochten sind, in fein differenzierter Farbnuancierung – weiß, grau, blaugrau, schwarz... Das Bild ist großartig komponiert!

Zum Schluss mein spezieller Favorit: Violette Trichter von Christina Krebs. Eigentlich ist das Papier weiß, aber die Schatten scheinen im Taglicht violett, vielleicht entstehen noch andere Farben bei künstlichem Licht. Ein abstraktes Werk, der op-art zuzurechnen, die Trichter vibrieren und täuschen: aus der Tiefe schießt eine kleine Kugel hervor... Was für eine schlagende Idee!
Und wie leicht ist das herzustellen! Ich baue das morgen nach!

Ulrich Bergmann, 21.2.2011

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