KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 15. Dezember 2011, 12:34
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Epilog im Himmel

283. Kolumne

Epilog im Himmel

D e r H e r r: Gretchen hat sich deinen Fängen entzogen, mein alter Freund. Sie konntest du nicht vom rechten Wege abbringen.
M e p h i s t o: Wohl wahr. Aber bedenke, dass sie auch nicht Teil unserer Vereinbarung war. Sie war meine Requisite.
D e r H e r r: Glaubst du? Sie hat aus freien Stücken gehandelt. Sie wurde vor die Wahl gestellt und sie hat sich entschieden für das Licht.
M e p h i s t o: Nun gut. Ich gebe zu, sie war eine reine Seele. Die schwarze Tinte vermochte dem weißen Laken nichts anzuhaben. Aber mit Verlaub, mein Herr, unser beider Hauptaugenmerk gilt dem jungen alten Faust. Oder muss ich dich etwa an unsere Vereinbarung erinnern, alter Mann?
D e r H e r r: Ich verstehe. Mephisto, du bist einfach unverbesserlich: Wenn du nicht Acht gibst, wird dir deine Ungeduld noch teuer zu stehen kommen.
M e p h i s t o: Wie meinst du das?
D e r H e r r: Deine … Zielstrebigkeit ist bemerkenswert. Ja, beinahe bewundernswert. Aber bedenke dies: Selbst in der gut angelegten Mine reicht das Licht deiner Fackel nur bis zum Ende des Tunnels. Doch was sich außerhalb deines Lichtkegels befindet, entzieht sich deiner Aufmerksamkeit. Verläuft der Tunnel eben? Sinkt er? Oder steigt er womöglich auf? Ist er hinter der nächsten Biegung zugeschüttet? Ich schätze deinen Ehrgeiz, auch wenn er letzten Endes gegen mich gerichtet ist. Doch möglicherweise gehen zu großer Ehrgeiz und Kurzsichtigkeit Hand in Hand.
M e p h i s t o: Ach, papperlapapp. Nichts als leere Worte. Du hast Angst, alter Mann. Ich rieche sie, ich sehe sie in deinen Augen: Mein Lieber, du bist im Begriff eine Wette zu verlieren.
(Ein Fenster tut sich im Boden auf und gibt den Blick auf das Geschehen auf Erden frei.)
Sieh dir deinen Wunderknaben an! Gesenktes Haupt und Tränen in den Augen, ja! Aber siehst du, wo er ist? Erkennst du seine Position?
(Er geht langsam um das Himmelsfenster, bis er dem Herrn gegenübersteht.)
Er ist dort! (Zeigt auf das Fenster.) Er ist nicht hier, sondern dort! Und weißt du, was das bedeutet?
(Eine kurze Pause entsteht, während der Mephisto auf eine Reaktion des Herrn wartet.)
Faust, dein allzu vorbildlicher Knecht, entzieht sich deinem Reich! Er sitzt auf Erden, ganz allein und verstört. Und doch sitzt er da! Statt mit Gretchen gemeinsam dem rechten Weg zu folgen – um es in deinen Worten auszudrücken – hat er eine Entscheidung getroffen!
D e r H e r r (beherrscht): Du meinst, du hast ihm zu einer Entscheidung verholfen. Oder muss nun ich meinerseits dich daran erinnern, dass du aktiv ins Geschehen eingegriffen hast? Du hast ihn dazu bewegt, dir zu folgen.
M e p h i s t o (hämisch grinsend): Ja. Du hast Recht. Und ich? Habe ich etwa Unrecht getan? War es mir etwa verboten, mit deinem Musterknaben zu sprechen? (Blickt auf Faust herab.) Ein bedauernswerter Musterknabe.
D e r H e r r: Ich gebe zu, du verstehst dein Handwerk. Und durch dein Zutun bleibt deine ‚Wette’ offen.
M e p h i s t o (herausfordernd): Ist das etwa nicht genehm? Verträgst du in deinem zarten Alter etwa keine Spannung? Nun komm schon. Wehr dich nicht gegen etwas, das so menschlich ist. Genieße die Anspannung. Lass Emotionen zu. Zeige, dass du deinen Geschöpfen nahe sein kannst!
D e r H e r r (laut): Ich bin … (gemäßigter) Ich bin durchaus in der Lage, deine Gefühle nachzuempfinden. Doch kann ich es mir nicht erlauben, meine bedingungslose Neutralität dir, Faust und jedem anderen einzelnen Lebewesen gegenüber aufzugeben. Es wäre nicht gerecht. Und das weißt du!
M e p h i s t o: Stimmt. Deshalb möchte ich auch niemals mit dir tauschen: Ein von Grund auf neutraler Teufel, der niemanden bevorzugt und der immer gerecht ist, verdient diese Bezeichnung nicht. Außerdem … (er macht eine Pause und vollendet den Gang um das Himmelsfenster, bis er auf der anderen Seite des Herrn steht, und legt freundschaftlich einen Arm um ihn) Außerdem verliert selbst die Ewigkeit ohne Abwechslung und ohne Spaß an Reiz.
D e r H e r r: Die Ewigkeit ist uns beiden vorbehalten und niemandem sonst. Du als mein Gegenpol kannst nicht allein fortbestehen. Ebenso gilt dies für mich. Die Aufgaben sind verteilt und der Pakt ist somit besiegelt.
M e p h i s t o: Wie immer hast du vollkommen Recht, mein weiser Herr. Die Ewigkeit lässt sich auch auf später verschieben. Widmen wir uns also unserem, pardon, deinem Zögling. (Hockt nieder, das Gesicht nun ganz nahe dem Bild Fausts.) Sprachen wir nicht eben noch von dem bedauernswerten Musterknaben? Nun denn, bieten wir dem Ahnungslosen doch unseren Trost und unsere Hilfe an. (Steht auf und verlässt die Szene.)
D e r H e r r (blickt von oben herab auf Faust und sieht kurz darauf Mephisto an dessen Seite. Das Fenster schließt sich langsam.)
M e p h i s t o (zu Faust): Du bist dem Gericht gerade so entkommen. (Nach oben) Gerade so.
(Das Fenster schließt sich ganz.)

Schülerin, Klasse 11

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Lala (13.01.12)
Während das Bergzwergmännlein in der Mine feierte, fragte sich Ulliver, ob ihn das Licht ans Licht führen würde können? Oder dahinter ...

Depp Jones, Holz-Klasse.

 Bergmann (14.01.12)
Wenn man einmal das Böse bei sich aufgenommen hat, verlangt es nicht mehr, daß man ihm glaube. ... Das Böse ist manchmal in der Hand wie ein Werkzeug, erkannt oder unerkannt läßt es sich, wenn man den Willen hat,
ohne Widerspruch zur Seite legen. (Franz Kafka)
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