KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 29. Oktober 2012, 10:21
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Nocturne

330. Kolumne

Mein Großvater saß noch bis in die tiefe Nacht am Schreibtisch, um seinen Zeitungsartikel über Nietzsche zu redigieren. Er grübelte über das Gespräch am Abend und erschrak. Du bist unsterblich, hatte er lächelnd zu mir gesagt – eine Metapher, ein Scherz. Du bist noch so jung, dass der Tod unendlich weit weg erscheint. Er dachte an Nietzsches Idee von der ewigen Wiederkehr, alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit ... So steht es im Zarathustra. Es ist das größte Ja zum Leben, das mein Großvater kannte. Er wünschte mir, dass ich eines Tages, wenn der Tod kommt, ausrufe: War das das Leben – wohlan, noch einmal! Aber er selbst konnte das nicht sagen. Die Hitler-Zeit hatte ihn niedergedrückt, die meisten Richter-Kollegen traten in die Partei ein. Der Krieg gab ihm den Rest. Der eine Sohn fiel im Osten, der andere geriet in russische Kriegsgefangenschaft.
Er sah in der sowjetischen Besetzung Mitteldeutschlands keine Befreiung, und doch wuchs nach zwei Weltkriegen in ihm die Sympathie für eine neue gesellschaftliche Ordnung, die im Sinne des deutschen Idealismus nicht nur den faschistischen, sondern auch den stalinistischen Unfug aufhob. Was er hier dachte, konnte er natürlich nicht in diesen Worten niederschreiben. Er schlug sein Manuskript auf: „Die Idee der permanenten Revolution gründet auf Nietzsches Gedanken von der ruhelosen schöpferischen Tätigkeit, die das Leid des Seins überwinden will und in nie endendem Handeln in Verzückung verwandelt. So bereits in der ‚Geburt der Tragödie’ und später im ‚Zarathustra’: Umwertung und schaffender Wille. Das ist der Erlösungs-Gedanke Nietzsches angesichts einer nihilistisch begreifbaren Welt.“
Der Aufsatz war für das Feuilleton der „Liberaldemokratischen Zeitung“ bestimmt, er wollte ihn auch an „Sinn und Form“ im Aufbau-Verlag schicken ... „Der sozialistische Revolutionsbegriff verlagert den schaffenden Willen vom aristokratischen Ich auf die Gemeinschaft aller, wofür Nietzsche eine Grundidee gibt: Das heroische Ich geht in der Ekstase unter und verliert sich im Willen, der Neues schafft: Das Apollinische im Dienst des Dionysischen.“ Er spürte, dass sein Denken in den Begriffen des neunzehnten Jahrhunderts nicht als gesellschaftspolitischer Ansatz in der verdeckt geführten Sozialismusdebatte taugte.
„Der permanent Revolutionierende ist ein dionysisch Handelnder, der die Erscheinung der Welt flieht und zum Ur-Einen, zum wahren Sein, zurückkehren will. Alle Ideologie ist apollinisches Stimulans für die bessere Welt. Ersehntes Sein wird postuliert. Im Dionysischen wird sie geschaffen, und muss sie immer wieder geschaffen werden. Die sozialistische Religion, göttlicher Wachsboden in uns, wird nur Wirklichkeit im steten Handeln, also im Neuschaffen von Werten. Hier treffen sich wesensgleich praktiziertes Urchristentum, ursprünglicher Kommunismus und Nietzsches Übermenschen-Evangelium als Erlösungsangebote in verschiedenen Akzentuierungen. Der Versuch die Fesseln der irdischen Gebundenheit zu sprengen und utopisches Glück im Diesseits zu realisieren, jenseits von Gut und Böse, ist die Lust an der Macht, neue Werte zu schaffen, wie spielende Kinder.“ Religion und Ideologie unterschied er absichtlich nicht scharf voneinander. Moskau war das dritte Rom, Kirche und Partei waren schwer zu versöhnende Begriffe, aber wenn es gelang, Religion durch Vernunft zu überwinden und Ideologie mit dem Herzen zu bereichern, und wenn dieser Prozess ein offener, nur an der sozialen Idee orientierter Weg zum unausgebeuteten, sich selbst bestimmenden und erlösenden Menschen wäre – das Werk Richard Wagners, das er als ein Dokument für die Emanzipation der Menschheit verstand, wollte er lieber nicht erwähnen – wenn also der Sozialismus ein menschliches Antlitz erhielte, könnte es gelingen, die Welt doch noch zu verändern. Er verlor sich im Gedanken an den spielerischen Wettbewerb der geistigen Kräfte. Ja, ein Kinderspiel ist es. So soll es sein. Wenn wir die richtigen Fragen stellen, finden wir auch die richtigen Antworten. Na ja, dachte er, während er das Manuskript zuklappte, vom Schreibtisch aufstand, die Lampe ausknipste, an den Regalen der Klassiker vorbeiging, Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Heine, Fontane, Marx und Engels, Lenin und Stalin, und den Raum seines Denkens verließ, als käme er aus dem Nirgendwo: Mit der Sozialismusdämmerung ist es wie mit der Unsterblichkeit ... Vielleicht klappt es. Und wenn es nicht klappt: Wohlan, noch einmal!

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (07.12.12)
stalin ist ein merkwürdiger klassiker ...

 Dieter_Rotmund (08.12.12)
Da muss man Loslosch recht geben, sind Stalins 15 Bände doch sicherlich kein Ausdruck eines "Sozialismus mit menschlichen Antlitz", oder doch?
Ich finde den Kolumnentext gelungen, soweit etwas über diesen Großvater erzählt wird. Die Textauszüge aus seinem Artikel, der noch während des Kolumnentext sich zum "Manuskript" vergrößert, sind aber wahnsinnig bleiern und von äußerst toter Theoriehaftigkeit, dass hier eine Fortsetzung von nöten wäre, die erzählt, wie der Großvater daran scheitert, sein Manuskript zu veröffentlichen...
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