KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 06. Oktober 2014, 09:44
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Si(g)na

394. Kolumne

Zhong guó, das Land der Mitte, greift mit seiner Sprache immer mehr nach mir. Grammatische Einfachheit der Syntax und Flexibilität von Wort und Bedeutung, daneben die Ästhetik der festeren Zeichen – das zeigt ein anderes Welt- und Seinsverständnis als unser europäisches. Die chinesische Art zu schreiben und zu reden ist uns nicht unbedingt überlegen, aber eine starke Konkurrenz, das fühlte ich schon in den ersten Chinesisch-Stunden bei Li Min aus Shanghai, die ihre Magisterarbeit über chinesische Trivialromane des frühen 20. Jahrhunderts schreibt. Deutschland, so lernte ich, heißt dé guó – Land der Tugend ... Frankreich, fa guó, Land des Gesetzes ... Amerika, mei guó, Land der Schönheit ... Bald werde ich Zeichen lesen können wie in folgender Inschrift:

Fu Yi liebte die hohe Wolke und den Berghang,
Leider starb er an Alkohol.

Und Li Po starb ebenfalls im Rausch.
Er wollte einen Mond umarmen
Der im Gelben Fluss stand.

Ezra Pound, der diese Inschriften wiedergibt, schreibt in seinem merkwürdigen Buch „ABC des Lesens“, die chinesische Sprache sei wegen der Ideogramme zwangsläufig dichterisch, er meint das nicht nur wegen der optisch-kalligraphischen Form. Das Zeichen für Sonnenaufgang zeigt die Verschränkung der beiden Zeichen für Sonne und Baum – man sieht die Sonne durch die Zweige hindurch scheinen, und das Zeichen für Mensch ist im Zeichen für Baum enthalten ...

Wenn der abendländische Dichter aus Worten (schwachgewordene Namen, manchmal auch Begriffe auf dem Weg zum Bild) poetische Bilder formt, diese kombiniert, vernetzt, collagiert, zerschneidet, fragmentiert, verzerrt, dehnt, verdünnt – der Versuch, mit Silben zu malen. Das deutende Bild stiftet Sinn für das gelebte Sein „zwischen Nichts und Nichts“ (Ernst Meister).

Yang Lian (*1955) umschreibt in seinem langen Poem Konzentrische Kreise die Vergeblichkeit aller Bilder, aller Zeichen:

Das Wirkliche, das eine Zelle passierte, mag am Morgen nicht erwachen. Das Wirkliche sagt, kann nicht sagen, darf nicht sagen, wenn du von Erfahrungen zu sprechen hast. Du bist nicht vergeblich. Du lässt deine Vergeblichkeit, die Augen blendend, bedrohlich nahe kommen. Ein Augapfel starrt in eine Landschaft, der zeitlebens die Logik fehlte.
Leben, da ist kein Zeichen.

Trotzdem schreiben! Arno Schmidt löst in anderer Weise die Worte auf, er zerlegt sie und schafft neue Synthesen, steigert sie in die Zwei- und Mehr- und Vieldeutigkeit, bis sich das durch sie Bezeichnete auflöst oder vielfältig im nach- und neuschaffenden Leser entsteht. Vielleicht hätte er noch etwas mehr zeichnen sollen. Als ich vor Tagen einem jungen Mann, der immerhin Vergleichende Literaturwissenschaft studiert hatte, ZETTELS TRAUM zeigte (ich habe das Typoskript-Faksimile, das vor Jahren für 50 Euro zu kaufen war), fiel sein Kopf vor Staunen fast ins aufgeschlagene Buch.

Wir in der Oberwelt, die ein comicalisierter Abglanz der ersehnten Welt ist, können das Absurde weder aufheben noch umdeuten, auch dann nicht, wenn wir diese oder jene Welt poetisch umschreiben. Es gibt keinen Göttergeheimplan, höchstens die Macht des Zufalls und das sich permanent neu materialisierende Nichts. Zerfall und Aufbau sind irgendwann dieselbe Seite einer Münze. Wie das Universum im Pulsschlag der Äonen die Schnittstelle zwischen Nichts und Alles durchläuft, so leben auch wir – von Sekunde zu Sekunde, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, Jahr für Jahr, von einem Leben ins andere. So auch unsere Gefühle, Gedanken, Urteile. Aber der Schmerz im Zahn ist eine Wirklichkeit, vor der ich Respekt habe. Ich habe Schmerzen, also bin ich.

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (28.02.14)
... Fu Yi liebte die hohe Wolke und den Berghang,
Leider starb er an Alkohol ...

wunderbares muster ohne jeglichen aktuellen kv-bezug.

mich würde interessieren, warum china die schrift im pc-zeitalter nicht glättet. steht dahinter ein nationales einigungsband? die sprachgruppen sprechen die silbenschrift unterschiedlich aus?

"Durch die vielfältigen Systeme kommt die teilweise vorhandene Uneinheitlichkeit der Lautumschrift zustande, Mao Zedong und Mao Tse-Tung." (wiki, fachartikel chin. schrift.) ob li min aus shanghai helfen kann?
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