KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 02. September 2016, 00:46
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Falter und Fische - W-M. Lyrik (42)

442. Kolumne


Werner Weimar-Mazurs Gedichte – ein poetischer Zoo

Bei meiner Analyse der letzten 38 veröffentlichten Gedichte des von mir sehr geschätzten Lyrikers stieß ich auf eine geradezu fabelhafte Konferenz der Tiere in seinen Versen, die nichts anderes zu sein scheinen als die Spanten und Planken einer lyrischen Arche Noah in der Sintflut unserer Gegenwart!

Die Tiere, die er in seine Gedichte aufnimmt, haben die Funktion, Bilder zu sein für eine bestimmte Atmosphäre, für Stimmungen, es sind Fabeltiere en miniature, adjektivische Kleinmythen sozusagen. Sie sind das Geheimnis eines Stils, der sich schon seit langer Zeit mit Erfolg behauptet, auch in den Print-Werken des Autors.

Die Intensität liebevoll-animalischer Kurzmetaphern ist einzigartig in der deutschen Lyrik-Savanne oder in den west- und mitteleuropäischen Biotopen der Poesie.

Ich will das attributive Getier nicht streng systematisieren, aber ein klein wenig kommentieren.

Fische und Fliegende Tiere (Vögel und Falter) kommen am häufigsten vor – Lebewesen unter Wasser und über Wasser. Unterbewusstsein und Gedankenflug. Der Mittelbau – Kriechtiere, Wirbeltiere, Säugetiere – ist auch stark vertreten.
Die Fische kommen als allgemeine Gattungsbezeichnung 10 mal vor, speziell noch als Hering, Lungenfisch, Schmetterlingsrochen, Waran, Wal (dazu kommen noch Qualle, Koralle, Algen und Schwämme, Muschel).
Wesentlich beeindruckender ist die Vielfalt der fliegenden Weimar-Mazur-Tiere, insbesondere die Großgruppe der Falter. Hier haben wir 4 mal unspezifizierte Falter, Delfinfalter, Aurorafalter (2 mal), Schillerfalter (4 mal), Zitronenfalter, Apollofalter, Adonisfalter und Azurfalter (Mazurfalter ... ?). Und Graugänse (2 mal), Falken (2 mal), Eulen (2 mal), Vögel allgemein (4 mal), Hautflügler (2 mal), Sing-Schwäne (4 mal), Papiervögel, Schwarzstörche, Lerchen, Albatrosse (2 mal), Uhu, Tauben, Raben, Mauersegler, Kranich, Silberreiher, Hühner, Kolibri, Frostfliegen, Krähen, Enten, Insekten, Sturmmöwen, Lachmöwen, Stare und Schmetterlinge. Der Bezirk der Luft und der Höhenflüge überwiegt die lebendige Unterwasserwelt bei weitem. Das Reich der Ideen dominiert also.

Wie steht es ums Irdische, die Erdhaftung? Hier finden wir Tiere und Tierchen allgemein (4 mal), den Wolf, Hamster, Fuchs, Dachs, Waschbär, Schweine, Jaguar, die Wasserschlange (2 mal), Luchs und Luchsin (3 mal), den Berglöwen, die Hauskatze, Pferd und Holzpferd (okay, letzteres ist eine hybride Metapher), den Leoparden und die Schneeleopardin, Geißlein, Rehe, das Raubtier, Bären, Panther und Schaf. Und hinzu gesellen sich noch Weichtiere, Echsen und die Gottesanbeterin.
Viele dieser bodenständigen Tiere haben viel Kraft, sind schnell und gefährlich.

Welche Tiere fehlen? Elefanten, Giraffen, Alligatoren, Schildkröten, Frösche ... Geier, Adler, Phönixe, Bienen, Spatzen, Nachtfalter ... Aber die fliegen und laufen in die nächsten Gedichte.

Alles in allem ist das eine reiche Palette von Attributen, derer sich die Gedichte zur Ausstattung des lyrischen Ichs bedienen.

Ich habe gerechnet: In 38 Gedichten tauchen auf oder fliegen und laufen vorüber 76 verschiedene Tiere, das sind 2 pro Gedicht. Wenn ich die Mehrfachnennungen berücksichtige, komme ich auf ungefähr 3 Tiere pro Gedicht.

Dem stehen nur relativ wenige Pflanzen gegenüber – das leuchtet ein, denn Pflanzen repräsentieren eher passive Eigenschaften: Rotdorn, Ahorn, Birken, Gras, Beeren, Blaubeeren, Nüsse, Mandeln, Dolden, Papyrus, Maulbeerbäume, Seetang, Rosen, Ginster, Mohn, Blumen und Oliven.

Natürlich habe ich hier nur einen Aspekt der Gedichte untersucht – die tierischen Wortfelder. An anderer Stelle habe ich Werner Weimar-Mazurs Lyrik ganzheitlicher betrachtet. Aber der hier analysierte Bereich der Metaphorik ist eine aufschlussreiche Ergänzung. Weimar-Mazurs Lyrik verwandelt die Technik der Äsopschen Fabelschreiber in moderne Art – sie wird nun leichter, atmosphärischer, ist den Clichés der Tiere nicht so verhaftet, sie löst sich also von festen Bedeutungen und in der Mixtur mit Tierarten, die bisher nicht als fabeltauglich galten, gewinnt das lyrische Fabulieren neue Bedeutungen. Weimar-Mazur geht spielerisch um mit seinem poetischen Zoo, er generiert das Prinzip Chamäleon für die Poesie. Wie gesagt, das fand ich bisher noch bei keinem Lyriker – diese neue Technik ist nützlich und sehr wirksam und sie verbündet uralte Tradition mit unserer Gegenwart.


Ulrich Bergmann, 24.1.2015

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (30.01.15)
Uli, ich habe mich bisher bei der Lektüre von Gedichten Weimar-Mazurs, soweit es um die Tiere geht, nur meinen frei schweifenden Assoziationen überlassen.
Ich finde deine Klassifizierung der Tiere als dem Unterbewusstsein, Gedankenflug und Mittelbau zugehörig hilfreich.
Mit dem Terminus Mittelbau kann ich freilich wenig anfangen. Vielleicht kannst du ihn präziser fassen.

 Bergmann (30.01.15)
Mittelbau: oben (Luft), Mitte (Land), unten (Wasser). Mit leicht ironischem Touch. Mittel-Ich wäre auch gegangen

 EkkehartMittelberg (30.01.15)
Danke, dann lieber Mittelbau. Die Erklärung ist akzeptabel.

 W-M (30.01.15)
Hallo Uli, gerade eben entdeckt, Deine zoologische Analyse meiner Gedichte. Unter dem Eindruck von Lektoraten meiner Gedichte durch den von Dir vermittelten Holger Benkel, der auch immer wieder die Motivik in meinen Gedichten abklopft (oder soll ich besser sagen aufklopft, jedenfalls beleuchtet bis zurück in die Zeit der Romantik, oft auch über das Mittelalter bis in die Antike) und unter dem Aspekt, dass ich mich seit einigen Jahren lyrisch ein bisschen in Richtung "Magischer Realismus" bzw. "Surrealismus" bewege, dies auch in Erinnerung an meine jugendlichen Jahre, in denen ich als Bewunderer z. B. von Filmen des spanischen Regisseurs Carlos Saura, oder auch Luis Bunuel, oder des Malers Dalì stand, oder unter dem Eindruck damals verbreiteter lateinamerikanischer Literatur, die keine Mühe hat mit dem verblümten Nebeneinander von Mensch, Tier, Leben, Träumen usw. im Gegensatz zu unseren mitteleuropäischen besonders deutschen, oft sehr rationalen Sicht, oder als großer Anhänger des Absurden Theaters eines Samuel Beckett, Eugène Ionesco oder eines Fernado Arrabal usw., und unter dem Aspekt einer "Rückkehr" in die Prägungen meiner Jugend, auch Psychoanalyse, Traumdeutung usw. gehören dahin, und aufgrund meiner "Experimentierfreudigkeit" in lyrischem Ausdruck, gestehe ich, dass ich auf den Hund bzw. das Tier gekommen bin, oder auf die vielen Falter, Amseln, eine Zeit lang waren es bevorzugt die Schneeleoparden und der Jaguar, als Geologe mit Paläontologiekenntnissen sind es auch die Weichtiere, die Mollusken, wegen ihrer "Panzer" die Echsen, usw.

Du warst fleißig, sehr fleißig. Gut, ein paar kleine Fehler sind noch drin, vielleicht auch nur Gedächtnislücken, Tippfehler in Deiner Analyse (z. B. waren es keine Frostfliegen sondern Florfliegen, sie tauchen übrigens in meinem neuesten Poem von vorgestern- und gesternabend auch wieder auf, diese filigranen und blassgrünlichen Insekten und angeblich "Glücksbringer" mit durchsichtigen Flügeln) ... aber DANKE, DANKE, DANKE! für Deinen zoologischen Blick auf meine Gedichte.

Am besten hat mir Dein kürzlicher Kommentar unter meinem Gedicht [november] gefallen (hier in kV am 23.11.2014), wo Du schriebst:


"Die (metaphorische) Harmonie von Mensch und Tier Pflanze ist ein Kennzeichen deiner Lyrik. Wo nimmst du alle die Pflanzen und Tiere her! Und es sind immer schöne Tiere, jedenfalls schöne Namen von Tieren und Pflanzen ... "

Es stimmt: ich sehe die Harmonie, die Einheit aller Wesen, allen Seins (im Sinne von "synthetischem Denken" im Gegensatz zu "analytischem Denken"). Das ist mir schon sehr wichtig, auch wenn die sprachliche Umsetzung in Form von Lyrik nicht immer gut gelingt. Aber, ich lerne noch, ich bin ein Lernender! und vielleicht auf einem guten Weg? Ich probiere auch manche Motive gerne mehrfach aus, daher die Wiederholungen. Wenn es gelingt, bleibt manchmal ein Gedicht der "Serie" als einigermaßen zufriedenstellend (aus literarischer Sicht) übrig.

Deine zoologische Analyse hat mich jedenfalls umgehauen und meinen Blick auf das Eigene weiter geschärft. Ich bin "aufmerksam" dadurch geworden, beschäftige ich mich in der Regel oft gar nicht genug mit meinen Gedichten (manchmal auch zeitbedingt nicht genug).

In einer Textwerkstatt bzw. privaten Autorenrunde hier in Freiburg hat mir eine Kritikerin zu einem Gedicht mit vielen verschiedenen Tieren drin auch schon mal gesagt, es sei zuviel mit diesem ganzen Zoo ... mag sein?!

Jedenfalls hast Du mir Aspekte in meinem Schreiben von Lyrik aufgezeigt, die mir so gar nicht genug bewusst waren. Danke sehr, lieber Uli.

Jetzt will ich aber zum Schluss meiner Antwort noch kurz die jungen AutorINNen hier in kV ermutigen, sich zu beteiligen, siehst es doch manchmal sehr nach einem "Altherrenclub" pensionierter Oberlehrer aus, was hier abgeht. Also Ihr Jungen: ruhig frech und selbstbewusst ran an die "Alten Herren" und an das, was sie "verzapfen". Ist mir auch immer sehr wichtig. Wollte ich nur als Randbemerkung mal gesagt haben, ohne dass es jetzt mit dem Kolumnetext von Uli oder meiner Antwort oder gar mit meinen Gedichten direkt zu tun hat. Indirekt vielleicht schon, denn irgendwie ist alles mit allem auf eine Art verbunden und gehört zusammen?!

werner

 Bergmann (31.01.15)
Lieber Werner,
ich weiß, die Tiere fielen mir schon früher auf. Ja, die meisten sind schön (oder klingen schön). Mit Holger Benkel schrieb ich darüber nie. Benkel ist ja ein Lehrherr, was Tiere angeht. Er schrieb in den letzten Jahren so eine Art "Benkels metaphorisch-mythisches Tierleben". Die Insekten hat er gut erforscht, Bienen, Käfer, ...
Hab ich mich mit der Frostfliege vertan? Kann sein. Die Frostfliege kommt bei Mao Zedong vor. Da habe ich sie gefunden und übersetzt.
Fleißig war ich bei deinen Gedichten gar nicht. Die Tiersuche in 38 Gedichten geht schnell, wenn man die Gedichte kennt.
Ich freue mich darüber, dass du eine leicht selbstironische Haltung einzunehmen in der Lage bist (auf den Hund gekommen, das Tier ...). Es ist ja tatsächlich so, dass auch tiefe Inhalte in der Poesie auch ihre spielerische Seite haben.
Zuviel Zoo? - Ja, ein bisschen schon. Wenn die Satire kommt, die Parodie, auch in Form einer Rezension, dann ... ergeben sich zwei Antworten: Zuviel ist zuviel - und zweitens: Wenn man zur Parodie taugt, dann ist man irgendwie auf dem richtigen Weg.

Was du zu den Oberlehrern sagst, na ja, ... ich habe mich auf kv nie so gesehen, nur meine Gegner sahen/sehen mich als Klischee. - Die Jungen auf kv sind mir nie doof gekommen, aber die um 40 zeigten sich oft total unerzogen und rüpelhaft, sie nennen sich Lala, Jack sonstwie und blasen ihren Minderwertigkeitskomplex auf wie ein Ozonloch.
Herzlichst: Uli
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