KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 02. Februar 2015, 14:09
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An eine tief liegende Seele

443. Kolumne


Mein Lieber, ich wünschte dir ein bürgerliches Leben! Auch Goethe oder Wagner, die doch entschiedene Künstler waren, führten ein bürgerliches Leben bzw. sie spielten auf der Klaviatur eines solchen Lebens, Wagner kannte auch Armut und musste mit der Ungewissheit, wer von seinen zwei Vätern der richtige war (ob Günter Grass in der „Blechtrommel“ mit diesem Motiv von Wagner her spielt?) fertig werden und um seine Identität lebenslang kämpfen. Dir aber ist das zähe dunkle Blut mitgegeben, das dich nicht den Rausch leben lässt, den das Leben in Lust und Arbeit bietet. Deine Zeilen im letzten Brief über deine Lebenserschöpfung stimmen mich traurig. Wenn du unter die Erde kommst, dann stehe ich an deinem Grab, das verspreche ich dir. Aber lieber wär mir’s, du könntest mich überleben, wo du zwei Jahrzehnte jünger bist, und einst an meinem Grab stehen und fühlen, wie ich unter der Erde auf einer neuen Bühne stehe und dir zurufe: War das das Leben? Wohlan, noch einmal! Vielleicht hörst du mich auch denken: Die neue Bühne ist vielleicht nicht so übel, immerhin ist es hier permanent warm. Aber erst einmal werde ich unter der Erde in einer unbedeutenden Nebenrolle sein und muss mir mein neues Erdendasein erst noch herbeileben. Ich hör dich, wenn ich da unten bin, denken und sage mir dann: Er wäre gern an meiner Stelle. Aber nun kann ich nicht mehr tauschen. Außerdem hast du ja dein Totenleben schon im irdischen vorweggenommen, vor der Zeit. Sing mir einen Aphorismus in die Erde, vielleicht kannst du mir ein Reiseführer im Reich der Würmer sein und Geleit geben zum Magma, mit dem ich mich vermähle ...

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Graeculus (69)
(06.02.15)
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 Bergmann (06.02.15)
Das eine schließt das andere nicht aus.
Und das bürgerliche Leben kann ein guter Rahmen für Spiel und Spannung sein.
Den meisten wäre Magma schon in der Ferne zu heiß, und viele zerstören sich schon mit einem Hausbrand. Und viele, die das bürgerliche Leben verachten, sind beim Versuch, sich darin einzurichten, gescheitert, erklären es zum Feindbild und sehnen sich nach Idealen, die Schimären bleiben.
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