KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 07. März 2016, 15:29
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Eine vorgestrige Lesung

500. Kolumne


Zum Auftakt der neuen Reihe »Von hier aus. Regionales Autorenforum« des Literaturhauses Bonn lesen am 2.3.2016 im Haus der Bildung, Bonn, Marlies Förster (Gedichte) und Ulrich Meyer-Doerpinghaus aus seinem vor Kurzem bei zu Klampen erschienenen Essayband »Am Zauberfluss. Szenen aus der rheinischen Romantik«.


Morgensendung MOSAIKE optisch am Abend

David Eisermann moderierte routiniert, aber er moderierte nichts Geringeres als sentimentalen Stuss, die Atmosphäre war ungefähr so wie 1960, und ich hörte die unsägliche Lyrik einer dümmlichen 'Dichterin', den reinsten Quatsch - und dann, zum offenbar werdenden übergreifenden Thema RHEINROMANTIK, den anderen Autor mit seinen Anekdötchen zum Rhein. Im Publikum - die übergroße Mehrheit bestand aus älteren und sehr alte Herrschaften, zu denen ich auch zählte - breitete sich, vor allem bei Frauen, ein versonnenes Lächeln übers ganze Gesicht, hervorgerufen durch den Gefühlskitsch, der hier mit der silbernen Zunge des Moderators serviert wurde. Die Veranstaltung im großen Saal im Haus der Bildung war gut besucht. Mir wurde klar: Das war nichts für junge Leute, und mit Literatur, Poesie, Dichtkunst, hatte das alles nichts zu tun. Die referierte Rheinromantik kennt jeder halbwegs Gebildete, und so war das ein fader Aufguss. Der Moderator stellte nie kritische Fragen und scheint alles gut zu finden, was einem literaturverständigen Menschen bis an die Zähne wehtun müsste: Geistlosigkeit. Wenn eine Lyrikschreiberin, wie die gestrige, etwa schreibt: Gib mir den Frühling, gib ihn mir jetzt ... oder so ähnlich und als Pointe dann formuliert: Ich gebe dir ein Bisschen (von meinem Frühling) ab ..., dann ist meine Toleranzschwelle überfordert. Das ist nicht nur vorgestrig, sondern fällt überhaupt aus dem Rahmen dessen, was ein Haus der Literatur oder Literaturbüro vermitteln sollte. Die 'Lyrikerin' entblödete sich nicht zu sagen, sie verbiete sich die Lektüre von Lyrik, wenn sie sich in der Lyrikschreibphase befinde - und sie lese keine Prosa, wenn sie ... usw. Und der Moderator attestierte ihr dann einen ganz eigenen Stil lyrischer Sprache ... Der Herr im Anzug wiederum las ein paar wenige Stellen aus seinem Rheinromantik-Buch, und man plauderte dann darüber, ob das Beueler Rheinufer noch zum romantischen Rhein gehöre oder ob da schon der triste Niederrhein beginne. Und dann folgten die Verzällche von Arndt und Schlegel, Brentano und Co. Ehe man überhaupt zum Beginn der 'Lesung' kam, vergingen satte 20 Minuten einführender Reden von drei Sprechern: Eine Ministerialtante, die mit erfreulich wenigen Worten nichts sagte, die Bildungshaustante, die auch nichts sagte, und schließlich Onkel Eisermann, der das Nichts wiederholte.
Ich habe früher MOSAIKE im WDR III gern gehört, aber das hier war vorgestrig, es hatte mit unserer Zeit, in der wir leben, nichts zu tun, das war Nostalgie, Bildungshuberei, Gelabere, stellenweise dünnes Parlando. Kaum zu glauben, dass ein Radiomoderator, der im WDR III zweifelsohne seine Verdienste hat, solche Autoren einlädt und auch noch mit unfasslicher Sympathie moderiert. Ich kam mir vor wie im abendlichen Kulturprogramm einer Altenresidenz. Die Namenlosigkeit von Autoren stört mich nicht, aber wenn derart abgestandener Senf serviert wird, dann sollte man es sein lassen mit diesem Regional-Programm, das - ich ahnte es - ohnehin nicht mit dem erforderlichen Engagement betrieben wird. Wenn es der Bonner VS (leider!) schon nicht schaffte, jüngere Autoren und Hörer anzulocken, so erleben wir nun, dass das ehemals so stolze Haus der Literatur nur in der Lage ist, bekannte Namen nach Bonn zu holen, nicht aber wirkliche und wirkende Literatur aus dem Bonner Raum selbst. Bonn und die Rheinromantik ...! Ich kann es immer noch nicht glauben. Kommt als Nächstes "Bonn im Schatten Beethovens"? Oder "Ernst Moritz Arndt und die Entstehung der Südstadt"? Oder ein Diskurs: "Ist der Rhein katholisch?" Oder "Die Nibelungensage und das Siebengebirge - einst und jetzt"? Über Richard Wagner und den Reptilienzoo auf dem Drachenfels könnte ich dann einen Vortrag halten, aber ich schämte mich dessen dann doch zu sehr. Nun ja, vielleicht kommt das Haus der Literatur irgendwann mal auf die Idee, zu recherchieren, ob es in Bonn irgendeinen Schriftsteller gibt, dessen Schreibsachen nicht in der elfenbeinernen Eskapisnmus-Schublade liegen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn etwa ein Dombrowski seine Gedichte vortrüge ... Wie lange will Bonn immer noch so altbönnsch bleiben, wie lange kokettiert man hier mit dem Stumpfsinn eines bildungsbürgerlichen Droppings aus Erinnerungsstaub und Muff und dem ganzen Trödel von schalen Gefühlchen?
Ich erinnere mich an Lesungen des Hauses der Literatur mit anschließenden ganz lieben Fragen, etwa im Akademischen Kunstmuseum, als Durs Grünbein, auch so eine Kanone der lyrischen Avantgarde, auftrat und historisch Gereimtes vortrug, und ein Professor, noch im Amt, Hebungen und Senkungen der jambischen Verse zählte und im Rahmen einer sehr akademischen Frage, in der es um den allmählichen Selbstmord moderner Lyrik ging, den beschlipsten Dichter fragte, wie er, der Herr Professor, denn das Versmetrum im Verhältnis zum Inhalt verstehen soll. Und eine Kabarettistin brüllte dann zum Schluss ihr grandioses Alaaf über die Köpfe des durch die akademische Dichtung des Dresdener Büchnerpreisträgers moralisch erhobenen und erbauten Publikums hinweg ... Ja, das waren Zeiten, als man noch selig glauben konnte, man säße am Pulsschlag der Literatur ...! Heute aber, also gestern, saß ich dummerweise in der ersten Reihe, und meine allzu gutbürgerliche Erziehung verbot es mir, dieses ins Nichts umgestülpte Inferno zu verlassen. Ich harrte und harrte aus, bis endlich das letzte Wort des freundlichen Moderators die Rheinromantik und mich erlöste.

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (14.03.16)
Sehr schöner Veriss, aber was ist "Bonner VS"?

 Bergmann (14.03.16)
VS - Verband deutscher Schriftsteller
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