KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 03. Juni 2016, 13:27
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Die Kunst und das Leben

512. Kolumne


Nach drei Museumsbesuchen ist mein 11-jähriger Enkel Felix in der Lage, den Strich vor den Kunstwerken (Abstand halten!) zum Kunstwerk zu erklären. Als er den Waschkeller zu Hause auch zum Kunstwerk erklärte, warnte ich ihn: Wenn wir alles zur Kunst erklären, wird unsere Welt allzu beliebig, dann erklären wir am Ende auch unseren Egoismus oder unsere Launen zum Kunstwerk, sogar unsere Politik. Dann wären auch Kriege, Krankheiten und der Tod Kunstwerke. Da sagt doch der Junge tatsächlich: Der Tod ist Kunst! –

Ich dachte: Das sagt er nur so hin. Weiß er denn zwischen Erlösung und dem Nichts zu unterscheiden? Ich sagte: Den Tod haben wir Menschen nicht eingerichtet. Ich dachte: Auch die Natur nicht, die ja viele für das beste Kunstwerk halten. Felix dachte nur an seine Geisterbahn im Keller, an seine Totenköpfe ... Er sieht den Tod als ein ästhetisches Phänomen. Felix, sage ich, du bist so jung, du kannst noch leicht mit dem Tod spielen, das wird in meinem Alter schwieriger. Aber er war schon woanders. Ich dachte, ab und zu kokettiere ich ja immer noch mit dem Tod. Das geht solange gut, wie man den Tod auf Distanz halten kann. Wenn er uns zuwinkt, geht das nicht mehr ...

Mein sieben Jahre älterer Freund P. sagte mir neulich, sein Flirt mit dem Tod sei schon lange vorbei, jetzt sei es der Tod, der mit ihm flirte. – Er fragt dich bald, sage ich, ob du seine Liebe erwidern willst. – Ja, sagt er, darauf läuft es im besten Fall hinaus, aber ich ziere mich noch. – Am Ende, sage ich, kommt es eh zur Vergewaltigung, dann ist Schluss mit der Liebe. – Jaja, sagt er, man merkt, der lebenslange Flirt war für die Katz. – Sag das nicht, sage ich, das greift zu kurz, der Eros begibt sich hier in die vierte Dimension. – Meinst du?, sagt er, krieg ich das denn noch mit? – Ist doch egal, sage ich, Hauptsache, die Idee gewinnt. – Ah, sagt er, dann hat dein Enkel ja Recht! – Das merkt er doch nicht, sage ich. – Ja und?, sagt er, wir dürfen von der Idee nicht zuviel verlangen. – Ich meine ja nur ..., sage ich, dann lebt es sich also im Reich der Ideen am allerbesten? – Ganz bestimmt!, sagt er. – Wirklich? – Ich war noch nicht da, sagt er, aber die Kunst spielt dann keine Rolle mehr. – Wenn die Kunst keine Rolle mehr spielt, sage ich, ist das Problem des Lebens gelöst. – Ja, sagt er, oder der Sinn des Todes.


Ulrich Bergmann, 19.5.16

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 toltec-head (03.06.16)
Von wegen Tod. Seh doch endlich ein, dass du einzig und allein mit der Schriftstellerei kokettierst!

 Dieter_Rotmund (03.06.16)
Gerne gelesen, bester Bergmannkolumnentext seit der Bücherregalgeschichte.

 W-M (05.06.16)
kokettieren oder gar flirten mit dem tod, oder tod als als gegenstand der kunst, gar als ästhetisches element, ich weiß nicht. jedenfalls fallen mir zum thema der "Brandner Kaspar und das ewige Leben" ein, der dem Boandlkramer leben absäuft, wie sich mit der zeit herausstellt nicht zum segen sondern fast zum fluch, oder das beinhaus auf dem friedhof in Hallstatt / Österreich, wo sie die ausgegrabenen totenschädel mit bauernmalerei verzierten und die gestapelt dort als touristenattraktion liegen. überhaupt ein besuch in beinhäusern, bringt einem den tod eindrücklich nahe, z.b. das kleine winzige neben dem kirchlein in Mistail / Graubünden (Schweiz). in solchen beinhäusern ist der tod direkt und ohne schnicksachnack präsent. ich bin froh und dankbar, dass ich noch lebe, auch wenn ich schon zweimal "dem von der schippe springen musste" (vor 30 und vor 10 jahren), wie es so schön heißt. einen versuch habe ich wohl noch ...
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