KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 13. Oktober 2016, 00:59
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Sum ergo cogito sim

531. Kolumne

Eine Studie

A.
Ich denke: Ich bin.
Mein Sein erfahre ich sinnlich. Das Bewusstwerden über diese Erfahrung setzt das Bewusstwerden über die Fähigkeit, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden, voraus. Ich erfahre mich selbst, indem ich mich selbst sehe, handle und von anderer Materie unterscheide, mich in Bezug setze auf anderes Sein.
Meine Wirklichkeit ist mein Denken. Ich bin. Bin ich in Wahrheit? – Warum denke ich?
Wir unterscheiden zwei Seins-Erscheinungen – Geist und Materie. Materie ist das stofflich Seiende, räumlich Begrenzte, Veränderliche. Geist ist das Materielose, die Bewegung, Ordnung, das räumlich Unbegrenzte. Materie und Geist verhalten sich wie Objekt und Subjekt, Form und Inhalt. So wie Form und Inhalt erst existieren, wenn sie sich bedingen, existieren Geist und Materie erst in einer (dialektischen) Einheit.

Angenommen, ich wäre ohne Materie – materieloser Geist, wäre ich dann ich? – Ich könnte mich nicht sehen, nicht fühlen, keine Bezüge zu einem Anderssein erkennen. Ich könnte mich nicht selbst erfahren. Ich könnte also nicht einmal mich selbst als Objekt setzen, nicht mich selbst denken, nicht „ich“ denken. Mein Geist könnte nur in sich selbst denken, er hätte kein Bewusstsein, wäre nur Existenz in sich selbst und könnte also nicht denken. Eine Bewegung in sich selbst wäre keine Bewegung, die zur Bewegung nötigen Bezugspunkte fehlten. Geist ohne Bewegung wäre nicht Geist, er existierte mithin gar nicht.
Angenommen, ich wäre ohne Geist – geistlose Materie, wäre ich dann ich? – Ich existierte dann als Existenz in mir selbst. Meine Sinnesorgane könnten keine Bezüge herstellen zu anderer Materie, könnten nur in rein materielle Beziehungen gestellt werden (mechanische, organische, chemische Bewegungen), deren ich als Materie nicht bewusst würde. Ich wäre materielles Sein, aber nicht Ich-Sein. Ich könnte nicht denken, also kein Objekt setzen, ich wäre – von mir aus gesehen – Objekt ohne Subjekt.
Angenommen, ich wäre eine Einheit von Materie und Geist, aber beide existierten unabhängig voneinander – wäre ich dann ich? Ich wäre Geist in sich selbst, der seine Materie nicht als Objekt wahrnehmen könnte und ich wäre Materie, die in sich selbst existierte und kein Subjekt wahrnehmen könnte. (Dies geht bereits aus den ersten beiden Annahmen hervor.) Ein Denken wäre unmöglich, ein Denken in sich selbst ein In-Sich ohne Objekt, ein Denken über nichts gar kein Denken. Eine Bewusstwerdung mit der Folge des Denkens (eine Bewusstwerdung des unabhängigen Geistes über seine Materie als sein Objekt) wäre ausgeschlossen, sie aber wäre die Voraussetzung des Denkens. Bewusstwerdung mit der Folge des Denkens aber entsteht nicht einfach so, es bedarf eines Reizes. Die Materie könnte diesen Reiz dem Geist vermitteln, da sie ihn aber als Subjekt nicht kennt, vermag sie es nicht. Materie könnte erst dann zum Reiz gelangen, wenn ihr das Gehirn (als Synthese von Materie und Geist) eine Bewegung erteilte. Diese Bewegung kann der Geist (mithilfe des Gehirns) jedoch nur dann der Materie erteilen, wenn er sie zum Objekt hätte. Unabhängiges Sein von Materie und Geist ist also absurdes Sein, das bedeutet Nichts.
Diese Ausführungen zeigen, dass Denken (menschliches Sein) die gegenseitige Bedingung von Geist und Materie voraussetzt, um existent zu sein. Geist und Materie sind eine dialektische Einheit, deren Synthesis das Denken ist – Sum ergo cogito.
Descartes‘ Formulierung „Cogito ergo sum“ schließt vom Denken auf das Sein zurück, als ob das Denken vor dem Sein war. Der Materialismus stellte den Satz auf den Kopf und damit seine Logik wieder her.

B.
Bin ich?
Weil unsere ganze Wahrheitsforschung vom Denken ausgeht (nur ausgehen kann), ist uns eine Wahrheitserkenntnis nicht möglich. Wir gehen von denjenigen Bedingungen aus, die wir beweisen wollen. Ich kann die Wahrheit der Bedingung (des Denkens) nicht mehr der Bedingung (dem Denken) selbst erkennen.
Meine Feststellung „ich bin“ ist also Behauptung meines Denkens, das sich selbst ausdrückt.
Hegels Dialektik, die der Materialismus kritisch rezeptierte, vermag nicht das Wissen darüber zu erbringen, ob ich wirklich bin. Er setzte zur Thesis „ich bin“ die Antithesis „ich bin nicht“ und gelangte zur Synthesis „ich werde“. Hegels Denkbewegung mag in sich selbst richtig sein und innere Beziehungen (Widersprüche) aufzeigen und klären, die Begriffe in ihrer Bewegung darstellen, sie kann jedoch keinen absoluten Wahrheitsgehalt aufzeigen, denn das Setzen der Thesis bleibt reines unbewiesenes Setzen, von ihm hängt die Antithesis und somit die Synthesis ab. Thesis/Antithesis kann als Widerspruch schon ohne Wahrheit sein. Ich empfinde Thesis/Antithesis als Wirklichkeit, aber nur indem ich davon ausgehe, dass Thesis/Antithesis gesetzt werden kann, also existent ist. Hegels Dialektik bleibt Denkbewegung, die das Bewusstsein über die Wirklichkeit zwar steigert, aber in sich selbst (axiomatisch) bleibt.
Als materialisierter Geist (oder vergeistigte Materie), als Wesen mache ich mich selbst zum Objekt meines Denkens, obwohl ich keine Gewissheit habe, dass ich als materialisierter Geist überhaupt bin. Mein Sein als Objekt des Denkens ist eine bloße Konstruktion. Denn das Denken als Folge meines Seins kann sich nicht verselbstständigen (Aristarchos – Man gebe mir einen Punkt außerhalb der Welt und ich werde die Welt aus den Angeln heben). Wahrheit ist transzendent (vgl. die doppelte Spaltung des Seins, die – bei Jaspers – im Umgreifenden enthalten ist).
Alle Wahrheitserkenntnis bleibt also relativ, stets auf die Annahme bezogen, dass die Aussage „ich bin“ Wahrheit ist.

C.
Kann der Mensch sein Sein aufheben?
Die Religion unterscheidet zwischen irdischem und nichtirdischem Sein und konstruiert ein Weiterleben nach dem Tod. Was kann weiterleben, nachdem die Materie des Menschen (an die der Geist gebunden ist) nicht mehr existiert? Die Religion konstruierte die Seele, ein von Materie und Geist unabhängiges drittes Seiendes. Dieser Begriff ist metaphysisch und spekulativ, er kann ebenso wenig bewiesen wie widerlegt werden.
Kontrollierbar aber wäre (und damit wäre auch die Ausgangsfrage beantwortet) folgender Gedanke: Kann der Mensch sein Sein verändern?
Das Sein an sich, falls es besteht, kann er nicht ändern, es könnte nur von einer dritten Kraft (außerhalb der Seinskräfte Geist und Materie) verändert werden. Denn er kann am Verhältnis von Geist und Materie an sich, als Produkt dieses Verhältnisses, nichts ändern, sein Denken ist von diesem abhängig – aber kann es auf dieses verändernd zurückwirken? Eine Veränderung ist nur hinsichtlich der Seinswirklichkeiten möglich, das heißt hinsichtlich der Form, in der sich das Verhältnis von Geist und Materie ausdrückt (als Form des konkreten menschlichen Zusammenlebens). Und diese Veränderung wird nur bewirkt durch eine Steigerung des Bewusstseins aus dem Verhältnis von Materie und Geist. Dabei kann dem Denken als Folge von Materie und Geist keine Initiative zukommen, da es nicht ein unabhängiges Drittes ist. Nicht das Denken bestimmt das Sein.
Die Veränderungen geschehen also gesetzmäßig und unabhängig vom Denken des Menschen (vgl. Determinismus). Willi ist ein spekulativer Begriff idealistischer Philosophie, als „Freiheit“ des Denkens gibt es ihn nicht, er ist lediglich Ausdruck eines Bewusstseinszustandes, der bei allen Menschen verschieden hoch sein kann. Welcher Bewusstseinsstand ein weiterentwickelter ist, kann nur die retrospektive Analyse konkreter geschichtlicher Entwicklung erhellen.
Veränderungen geschehen in dem Maße, in dem die dialektische Spannung von Materie und Geist dem Menschen Erkenntnisse (philosophischer, praktischer, wissenschaftlicher Art) zuführt.
Konkrete, absolute Freiheit gibt es somit nicht. Sie kann sich nur ergeben, wenn der Widerspruch von Materie und Geist aufgehoben ist (erschöpft ist) und alle Menschen auf der höchsten Bewusstseinsstufe angelangt sind. Das ist dann der Fall, wenn sein Wissen über den Widerspruch Geist und Materie absolut ist, d.h. wenn er im Besitz der Wahrheit ist.
Tritt dieser Fall ein, so ist das Sein des Menschen entweder sinnlos geworden (er befände sich im widerspruchslosen Seinszustand) oder ein neuer Widerspruch zu diesem Seinszustand ergäbe sich, sodass das, was eben als absolutes Wissen (Wahrheit) bezeichnet wurde, dies nicht wäre.
Marxens Gedanken z.B. sind Ausdruck eines Bewusstseinsstandes aufgrund einer geschichtlichen, d.h. dialektischen Bewegung aus der dialektischen Einheit von Geist und Materie. Ob sie utopische sind, das ist lapidar gefragt und lässt nur die lapidare Antwort zu: das wird die Zukunft erweisen.

Fragen nach dem ersten Beweger des Seins (von dem ich nicht einmal weiß, ob es Illusion ist) sind Konstruktionen meines gebrochenen philosophischen Denkens. Es ist logisch, dass das Sein, wenn es existiert, eine Ursache haben muss. Wer aber sagt mir, dass diese Logik überhaupt richtig ist, sie ist ohnehin ein Produkt meines Denkens als Folge meines Seins, mithin Realität meines Seins. Muss ich mir diese Fragen also verbieten, wie Marx empfiehlt?
Der Glaube an eine Transzendenz, an eine Seinsursache, manifestiert nichts anderes als den Glauben des Menschen an die Gebrochenheit seines philosophischen Denkens. Er wird gesteigert zur sittlichen Verantwortung der eigenen Existenz und erfüllt als solcher gesellschaftliche Funktionen, deren Brauchbarkeit je von dem erreichten Bewusstseinsstand abhängt. Die Veränderung der Religionsinhalte geht einher mit der gesetzmäßigen Entwicklung der physischen, psychischen und rationalen Seinsmomente, mit einem Wort: sie spiegelt sie wider (vgl. Marx „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, in der Marx Religion an sich verurteilt, Religion sei das Opium des Volks).
Als Seinsrealität aber ist Religion nicht aufhebbar. Braucht sie auch nicht. Materialistisches Denken, sofern es sich nicht dogmatisch gibt, kann die Aufhebung der Religion an sich nicht zur Folge haben, es kann nur die Hebung der Religion auf eine andere Stufe (Veränderung ihrer Qualität) bewirken.

Mein Sein ist unbeweisbar – ich kann die Seinsweise verändern, aber – da ich Produkt des Seins aus seiner dialektischen Einheit von Geist und Materie bin – verändert sich das Sein in Wahrheit selbst, vorausgesetzt, das Sein sei Wahrheit. Aufhebbar ist es nicht – es höbe sich denn selbst auf – nur seine Seinsweisen in ihrer Konkretheit sind aufhebbar. So ist Religion als Realität des Seins eine ihrer Seinsweisen nur in ihrer Konkretheit aufhebbar. Als Ausdruck meines gebrochenen philosophischen Denkens (Religion an sich) jedoch unaufhebbar.
Sum ergo cogito sollte, da es Annahme meines Denkens ist, besser heißen: Sum ergo cogito sim.

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