Petras, James:

Herr oder Knecht?

Über das beispiellose Verhältnis zwischen Israel und den USA


Eine Rezension von  Rudolf
veröffentlicht am 17.12.10

James Petras untersucht in seinem Buch „Herr oder Knecht?“ das Verhältnis zwischen Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Er stellt dar, wie die kleine Regionalmacht mithilfe proisraelischer Organisationen Einfluss auf die Außenpolitik der Weltmacht USA nimmt. Israel tritt gegenüber den USA wie eine Hegemonialmacht auf, die Tribut fordert und bekommt, die den regierenden Politikerinnen* in den USA ihr Handeln vorschreibt und die über ein gut funktionierendes Netzwerk verhindert, dass sich israelkritische Berichte in der öffentlichen Meinung behaupten können.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Vorwort von Israel Shamir, der auf die Gefahr hinweist, in die sich James Petras durch die Veröffentlichung begibt. Es folgt eine Widmung an Rachel Corrie, einer amerikanischen Friedensaktivistin, die vom israelischen Militär ermordet wurde, siehe  http://de.wikipedia.org/wiki/Corrie. Ein spannender Einstieg für die Leserin. Soll sie weiterlesen, darf sie wissen, was in dem Buch steht? Wird sie nun ein Ziel des israelischen Geheimdienstes Mossad?

Das Vorwort des Herausgebers stimmt auf die Themen US-Imperialismus und Israelkritik ein. James Petras wird in seiner Sichtweise unterstützt, dass der Staat Israel konsequent die Inbesitznahme des Restes von Palästina verfolgt und die USA dafür einsetzt, sein Ziel zu erreichen. Das Buch wird von den gewohnten Darstellungen in der Tagespresse distanziert, Zitat Seite ii: „Der Vorwurf des Antisemitismus wird immer gerade von denen als Keule genutzt, die selbst die Semiten foltern und mit modernsten Waffen massakrieren.“

Um die These von der Einflussnahme Israels auf die Politik der USA zu beweisen, werden geschichtliche Belege seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1947 vorgelegt. Der Schwerpunkt der Ausführungen liegt auf den Ereignissen aus jüngerer Zeit seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.

Der Text behandelt den Einfluss proisraelischer Organisationen wie zum Beispiel des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC). Sie vertreten zwar gemessen am Anteil an der Bevölkerung der USA nur eine Minderheit, gemessen am Anteil der Parteienfinanzierung gehören sie allerdings zu den einflussreichsten Lobbyisten. Das gilt sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern. Über die proisraelische Lobby verschafft sich Israel Zugriff auf Geld (etwa 3 Milliarden Dollar pro Jahr), auf modernste Technologie und letztlich sogar auf die amerikanische Armee. Unabhängig davon, wer gerade in den USA an der Macht ist, wird der Einfluss über fest gefügte Strukturen ausgeübt.

Ein wichtiges Mittel der AIPAC ist die Durchdringung der Medien mit islamfeindlichen und israelfreundlichen Berichterstatterinnen. Der Autor verweist darauf, dass jede Kritik an Israels Aktionen automatisch als Antisemitismus verurteilt wird, und fordert, sich endlich aus dieser Denkfalle zu befreien, indem er klarstellt, dass Kritik an Israel kein Antisemitismus ist und dass die Täterinnen in Israel und ihre Handlangerinnen in den USA keine Holocaust-Opfer sind.

Immer wieder greift James Petras das Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn auf. Er stellt sich klar auf die Seite der Palästinenserinnen und erläutert, wie Israel aggressiv gegen seine Ureinwohnerinnen vorgeht und einen Apartheid-Staat aufrecht erhält. Seit der Staatsgründung gehören „außergerichtliche Exekutionen“, Vertreibung und Erniedrigung der Palästinenserinnen zu dem Instrumentarium israelischer Politik. Egal wie grausam und menschenverachtend Israel vorgeht, erscheinen in den westlichen Medien stets gleichlautende Meldungen, dass Israel von seinem Recht der Selbstverteidigung Gebrauch mache. Der Autor erinnert daran, dass Israel palästinensisches Gebiet besetzt hält und nicht umgekehrt, dass Palästinenserinnen auch ein Recht auf Selbstverteidigung haben, dass Israel internationale Vereinbarungen und Menschenrechte missachtet. Resigniert stellt er fest, Zitat Seite 101: „Die rückhaltlose Rückenstärkung des israelischen Angriffs auf Gaza zeigt einmal mehr, dass es kein israelisches Verbrechen gibt, sei es noch so schlimm oder pervers, das nicht von respektierten Professoren, Investment Bankern, Journalisten, Ärzten, politischen Ratgebern [...] Rechtsanwälten, Schullehrern oder anderen durchschnittlichen Menschen unterstützt wird.“

Ein weiterer Themenblock setzt sich mit dem Irak-Krieg auseinander, der im Jahre 2003 begann. James Petras verfolgt, wie gefälschte Beweise für Massenvernichtungswaffen in das amerikanische Verteidigungsministerium eingespeist wurden. In der Folge entbrannte ein Krieg, von dem nur Israel profitierte, ein Krieg, den amerikanische Bürgerinnen mit dem Blut ihrer Soldatinnen, ihren Steuergeldern und ihrem Ansehen in der Welt bezahlten. Er untersucht, welche Personen an entscheidenden Positionen saßen, und zeigt auf, wie sich proisraelische Beraterinnen über Jahre hinweg in Schlüsselpositionen im Pentagon vorgearbeitet haben. Die Stimmung gegen den Iran wird aus denselben Organisationen heraus und nach demselben Schema angeheizt. Wieder sind es Massenvernichtungswaffen, diesmal Atombomben, deren Bau dem Iran nachgesagt wird.

Der Autor verurteilt die pseudowissenschaftliche Rechtfertigung der Kriege gegen islamische Staaten. Er nennt es Psychogeschwätz, mit dem das Bild der zurückgebliebenen Araberin in den westlichen Medien aufrechterhalten wird. Den Sicherheits- und Terrorexpertinnen wirft er vor, permanent Opfer und Täterin zuvertauschen. Die eigene Gier nach Macht und Geld wird auf die Opfer projiziert. Dass dem Islam hochgebildete Wissenschaftlerinnen angehören, die in modernen westlichen Berufen arbeiten, blenden die Expertinnen aus. Auch die westliche Zivilisation verehrt seit Jahrhunderten Personen, die heldenhaft Opfer für ihre Gemeinschaft brachten. Wer kennt nicht die Geschichte von Leonidas an den Thermopylen? Indem islamische Märtyrerinnen als geisteskrank eingestuft und die Anhängerinnen einer Religion dämonisiert werden, beginnt der unheilvolle Prozess der Entmenschlichung. James Petras entlarvt die Terrorexpertinnen als Komplizinnen der israelischen und amerikanischen Folterknechte. Er wagt die Behauptung, dass die Attentate arabischer Freiheitskämpferinnen ein Ende nähmen, wenn Israel aufhörte, systematisch religiöse Gefühle zu verletzen, und begänne, Araberinnen als gleichwertige Menschen zu betrachten.

Am Ende des Buches appelliert James Petras an den amerikanischen Patriotismus und an die fortschrittlichen Kräfte in den USA, sich aus der geistigen Umklammerung der proisraelischen Lobby zu befreien. Er fordert, sich nicht länger in die Ränke Israels hineinziehen zu lassen, und verlangt ein Ende der Veto-Politik zugunsten Israels im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

In der Wortwahl schreckt James Petras nicht davor zurück, Israel als terroristischen, mörderischen Staat anzuprangern. Konsequent benutzt er Begriffe, die sonst im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Verbrechen gebraucht werden. Er unterstellt Israel Nazi-Methoden. Libanesinnen werden in seinem Buch zu Holocaust-Opfern, der Gaza-Streifen zum Warschauer Getto und zu den Angriffen auf den Libanon im Jahr 2006 schreibt er, Zitat Seite 111: „Im Verhältnis zur Zerstörung des Libanons durch den jüdischen Staat war die Reichskristallnacht eine Gartenparty.“

Das Buch lässt sich nicht immer leicht lesen. Es setzt voraus, dass sich die Leserin mit der Geschichte Israels auseinandergesetzt hat, will sie allen Anspielungen und Verweisen folgen können. Der Autor springt zwischen Zeiten, Orten und Themen. Mal ist es der Gaza-Streifen, dann Irak, ein kurzer Exkurs nach Guatemala, um anschließend wieder im Iran fortzufahren.

Das Buch nennt viele Namen von Personen, die als Täterinnen an wichtigen Entscheidungen beteiligt waren oder unschuldig zu Opfer wurden. Einige der Namen von neo-konservativen, sprich proisraelischen Helfern, kehren immer wieder: Paul Wolfowitz, Douglas Feith, Richard Perle. Gelingt es der Leserin nicht, sich zu merken, welche der Personen proisraelisch und welche israelkritisch sind, geht der Überblick verloren. Die Beispiele für Rechtsbrüche und für die Zusammenarbeit Israels mit den USA sind eindringlich gewählt und mehrfach belegt. Niemand kann sich herausreden, sie habe es nicht gewusst.

Die deutsche Übersetzung des Buches hat nur ein schwaches Korrektorat und Lektorat durchlaufen. Der über weite Strecken gut geschriebene Text wird vereinzelt durch unlogische Satzungetüme unterbrochen, deren Sinn auch nach wiederholtem Lesen nicht zugänglich ist. Rechtschreibfehler und Schwächen in der Zeichensetzung werten das Buch unnötig ab. Dennoch ist es jeder, die sich für die Situation im Nahen Osten interessiert, unbedingt zu empfehlen. Auch ohne dass die Leserin allen Argumenten folgt, liefert der Text eine Fülle von Informationen über handelnde Personen, Organisationen und geschichtliche Details, die dazu anregen, Nachrichtenmeldungen aufmerksamer zu verfolgen und in der Tagespresse oder im Internet nach weiterem Material zu suchen.

*) Werden im Text sprachlich vereinfachende Bezeichnungen wie "Politikerin, Leserin, Käuferin" etc. verwendet, beziehen diese sich auf Frauen und Männer in gleicher Weise.

Kommentare zu dieser Rezension


 Ihm (18.12.10)
Also ein typisch antisemitisches Werk im "Man wird doch wohl noch"-Stil...

 asche.und.zimt (18.12.10)
"James Petras entlarvt die Terrorexpertinnen als Komplizinnen der israelischen und amerikanischen Folterknechte. Er wagt die Behauptung, dass die Attentate arabischer Freiheitskämpferinnen [!] [...] Am Ende des Buches appelliert James Petras an den amerikanischen Patriotismus [...] Konsequent benutzt er Begriffe, die sonst im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Verbrechen gebraucht werden. Er unterstellt Israel Nazi-Methoden. Libanesinnen werden in seinem Buch zu Holocaust-Opfern, der Gaza-Streifen zum Warschauer Getto und zu den Angriffen auf den Libanon im Jahr 2006 schreibt er, Zitat Seite 111: „Im Verhältnis zur Zerstörung des Libanons durch den jüdischen Staat war die Reichskristallnacht eine Gartenparty. [...] Niemand kann sich herausreden, sie habe es nicht gewusst.“

Wie bitte? Noch einseitiger ließe sich die Situation wohl nicht betrachten. Da werden Selbstmordattentate heroisiert und die Shoa, der Massenmord an 6 Millionen Menschen, relativiert, und sie wird auch entpolitisiert, indem vom Antisemitismus geschwiegen wird.

Im arabischen Raum herrscht ein latenter Antisemitismus vor und deshalb ist Israel, als Schutzraum, eine Notwendigkeit. Was nicht heißt, dass der israelische Staat nicht auch kritisiert werden darf, aber bei derart einseitigen Polemiken sträuben sich mir wirklich die Nackenhaare. Ein Interesse an einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema ist da nicht zu erkennen. Viel mehr werden die alten Feindbilder bedient, scheinbar nach dem Motto, der Feind meines Feindes sei mein Freund. Da fehlen selbst die Graustufen. Gruselig.

 Nehemoth (18.12.10)
Gut, dass der Autor vorab klargestellt hat, dass er kein Antisemit ist. Andernfalls hätte man von der Feststellung, Israel sei nicht nur ein faschistischer Staat und der Hauptaggressor im Nahen Osten, sondern habe auch noch die USA unter Kontrolle und missbrauche diese dazu, um zur Durchführung seiner finsteren Judenpläne die Welt von einem Unglück ins nächste zu stürzen, möglicherweise auf ein druch und durch antisemitisches Weltbild schließen können.

 Nehemoth (18.12.10)
Edit: Ein falsches "dazu" und ein Buchstabendreher. Korrektur nicht möglich.

 RomanTikker (20.05.11)
Politischer Zionismus und Semitismus sind zwei verschiedene paar Schuhe. Vorsicht vor den Reizwortlosschreiautomatistischen Kopfknöpfen. Doofköppe gibt's natürlich auch in Palestina, klar, machste nix, die lauern überall. Man wird sich doch wohl noch indoktrinieren lassen dürfen!
Hier, fand ich interessant:  Jews against Zionism
Wie heißt es so schön? Truth does not fear investigation.
In Liebe und so: Roman

 Rudolf (28.01.12)
Der Autor verweist darauf, dass jede Kritik an Israels Aktionen automatisch als Antisemitismus verurteilt wird, und fordert, sich endlich aus dieser Denkfalle zu befreien, indem er klarstellt, dass Kritik an Israel kein Antisemitismus ist und dass die Täterinnen in Israel und ihre Handlangerinnen in den USA keine Holocaust-Opfer sind.

Nicht vergessen: Palästinenser sind Semiten.

 Abandonero (29.01.12)
Nicht vergessen: Palästinenser sind Semiten.
Ja, das hättet ihr gerne. Sie, du und deine Gesinnungsgenossen. Dann wären einerseits die Deutschen entschuldet - da die Nazis nicht auch versucht haben, "die Palästinenser" auszurotten, können sie keine Antisemiten gewesen sein -, und andererseits könnten sich "die Palästinenser" als gerade so überlebende Antisemitismusopfer aufspielen. Und wenn dann die antizionistische Achse Berlin-Teheran endlich Israel den Garaus gemacht hat, kann der Rudolf gemeinsam mit Islamisten aus aller Welt und den widerlichsten Auswüchsen der Friedensbewegung am Holocaust-Mahnmal eines Siegestanz aufführen, derweil die lange unterdrückten, mit dem Tode bedrohten arabischen "Semiten" endlich ihre jüdischen Unterdrücker niedermetzeln. Kannst du nicht Briefmarken sammeln, Enten füttern oder deinen Enkeln mit erfundenen Geschichten auf den Geist gehen? Oder dich zum Wohle der von bösartigen Juden bedrohten semitischen Zivilisation von der Hamas entführen lassen?

Denn dass der Begriff "Antisemitismus" vom Zeitpunkt seiner Erschaffung niemals etwas anderes meinte als Feindschaft gegenüber Juden, wird deine Sorte nie begreifen - das ist eure ekelhafte Scheinheiligkeit vor.

 Rudolf (10.03.12)
Dass das Wort Antisemitismus so gemeint ist, wie Du sagst, ändert nichts daran, dass Palästinenser Semiten sind, was James Petras zu seinem Wortspiel veranlasst.

Deine anderen Aussagen kann ich nicht nachvollziehen, da ich es mir fernliegt
jüdische Unterdrücker niederzumetzeln
.

Ich fände es gut, wenn Israel die besetzten Gebiete zurückgeben und die vertriebenen Palästinenser entschädigen würde, aber außer dass ich vermeide, israelische Produkte zu kaufen, ist es mir eigentlich egal.

Ich fühle mich darüber hinaus zutiefst unschuldig in Bezug auf alles, was vor meinem dritten Lebensjahr war.

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