Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 31. Januar 2013, 14:28
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Heldenquatsch

von  Dieter_Rotmund


über Die Männer der Emden von Berengar Pfahl (Deutschland 2013)

Der Erste Weltkrieg ist heute weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Zur Erinnerung: Er fand von 1914 bis 1918 statt und steht in seiner Heftigkeit seinem Nachfolger ab 1939 kaum nach, damals standen sich wie rund 30 Jahre später Millionenheere gegenüber und es wurde viel gestorben.
Der ersten, früheren Weltkrieg wird vor allem mit einem zermürbenden Grabenkrieg, Stacheldraht und Maschinengewehrfeuer in Verbindung gebracht. Schlussendlich traten noch die ersten Panzerfahrzeuge auf den Plan, besser gesagt: auf das Schlachtfeld, die nach aktuellem Forschungsstand der Geschichtsschreibung jedoch keine kriegsentscheidende Rolle mehr spielten. Diese weitgehende Mechanisierung macht den ersten Weltkrieg als inhaltlicher und visueller Steinbruch für heutige PC- und Konsolenspiele noch halbwegs interessant. In der Welt des stundenlang computerspielenden, mutmaßlich leicht übergewichtigen und an sozialen Umgangsformen mangelhaft ausgestatteten Jugendlichen ist er deswegen noch leidlich bekannt, auch wenn er deutlich im Schatten seines jüngeren Bruders von 1939-1945 steht. In der Welt der Geeks und Nerds heißt der zweite Weltkrieg in dessen albern anmutenden, alles nur nur noch in Akronymen ausdrückenden Universum „WWII“ - Immerhin mögen sich deswegen vielleicht doch einige wenige fragen, was den der erste war, wenn es einen zweiten („II“) gab. Der typische Worldofwarcraft-Spieler mag zwar keine lateinischen Ziffern kennen, aber das zwei Striche eine „2“ bedeuten, das kriegt er noch hin.
Die Geschichten aus dem Grabenkrieg von 1914 bis 1918 indes scheinen weitgehend auserzählt zu sein, kaum eine Kino- oder Fernsehfilm stellt ihn mehr in den Mittelpunkt. Allenfalls Reminiszenzen sind erkennbar, je nach Bedarf bedient man sich der Bilder, die in den Gedächtnissen noch abrufbar und damit verwertbar sind, zuletzt etwa in Zack Synders Sucker Punch aus dem Jahre 2011. Zunehmend werden als Zentrum neuer Geschichten sogenannte Nebenkriegsschauplätze gewählt. Das gab es allerdings schon früher, man erinnere sich zum Beispiel an Robert Parrishs The Purple Plain von 1954, in dem ein großartiger Gregory Peck einen britischen Luftwaffenpiloten mimt, der über Burma gegen die Japaner kämpft. Aber seit Jean-Pierre Jeunets Un long dimanche de fiançailles (der den banalen deutschen Verleihtitel „Mathilde – Eine große Liebe“ trug) von 2004 ist mit dem Grabenkrieg nicht mehr so richtig Geld zu verdienen, so scheint es.
Medias in res: Die Männer der Emden greift eben eine Geschichte auf einem dieser Nebenkriegsschauplätze des ersten Weltkrieges auf. Die „Emden“, damit ist nicht die ostfriesische Stadt gemeint, sondern der Kreuzer gleichen Namens, sie ist ein Kriegsschiff der deutschen Marine. Der Schauplatz der Geschichte ist der indische Ozean und der Nahe Osten. Das Schiff an sich spielt in dieser Geschichte keine allzu große Rolle, wie der Titel des Films, der am 31. Januar 2012 Bundesstart hat, schon aussagt, geht es um die Besatzung, also die Marinesoldaten, die sich auf der „Emden“ befanden.
Ein Teil der Besatzung schlug sich nämlich von einer kleinen Insel im indischen Ozean auf einer monatelangen Reise bis nach Deutschland durch. Diese Geschichte erzählt der Film.
Pfahls Spielfilm-Aufbereitung geht aus drei Gründen tüchtig in die Hose: Das Werk ergötzt sich mehr an klischeehaften Bilder der exotischen Schauplätzen als dass er die Menschen in die Mittelpunkt setzt. Es nimmt sich in der Figurenfindung zu viele Freiheiten, diese verleihen dem Film ein Attitüde von zwanghafter Aufdringlichkeit. Die eigentliche, mutmaßliche Botschaft der Geschichte, nämlich das Kamerad- besser gesagt Freundschaft mehr wert ist als der damals übliche deutsche Kadavergehorsam, wird nur zaghaft angeschnitten und nicht vollzogen.
Die Männer der Emden durchzieht visuell eine bleierne „Traumschiff“-Ästhetik. Das kommt nicht von ungefähr, ist Regisseur Pfahl doch ein erfahrener Macher der reichlich trivialen ARD-Serie „Sterne des Südens“, die man getrost als „Traumschiff“-Spin Off bezeichnen kann. Die Geldgeber für Die Männer der Emden wollten wohl lieber einen Filmemacher, bei dem sie aufgrund seiner Erfahrung sicher seien konnten, dass ihnen die Kosten nicht über die Köpfe wuchsen als einen Regisseur zu nehmen, der das Thema qualitativ hochwertiger umgesetzt hätte. Deshalb hat man bei Die Männer der Emden ständig das Gefühl, dass gleich Traumschiff-Kapitän Heinz Hansen (Heinz Weiss) um die Ecke kommt und sich alles sofort in allgemeinem Wohlgefallen auflöst.
Das Drehbuch mutet uns einige rein erfundene Charaktere zu, die entsprechende Schablonen ausfüllen: Ken Duken (fünf Folgen „Nachtschicht“ und kürzlich zwei Folgen „Adlon“) ist der rechtschaffene, blonde und schneidige Karl Overbeck und Jan Henrik Stahlberg („Muxmäuschenstill“) so etwas wie sein dunkler Widerpart. Stahlberg spielt das Arschloch und das tut er man wieder sehr überzeugend, aber diesem Charakter wird ohne Not die Rehabilitation eines kitschigen Heldentotes zugemutet. Besonders schade ist es um Sibel Kekilli (im Film „Salima“), deren Figur so sperrig dazu erfunden wurde, dass sie ständig hölzerne Dialoge in die Kamera sprechen musste. Einzig Sebastian Blomberg (Hellmuth von Mücke) gelingt es, seiner Figur etwas Tiefe zu verleihen, was daran liegt, dass von Mücke eben nicht erfunden ist. Mücke, im Ersten Weltkrieg Marineoffizier, ist auch ohne die Emden-Geschichte eine äußerst interessante Person, war er doch bekennender Gegner des Nationalsozialismus und setzte er sich doch bis zu seinem Tod 1957 gegen die Wiederbewaffnung in Deutschland ein. Im Film ist dies völlig unerwähnt, im Abspann nimmt man sich Zeit für so manche Nachrede, dies spart man aber aus. Eigentlich konsequent, gelingt es Die Männer der Emden doch nicht, den Dreh von der Heldentruppe zum Freundeskreis zu zeigen. Als die Mannschaft einmal nach einiger Irrfahrt in einer arabischen Stadt eine Pause einlegen kann, liegt ihnen mehr an neuen Uniformen als daran, die medizinische Versorgung der todkranken Kameraden zu verbessern, so jedenfalls im Film. Selbst die letzte Chance, die martialisch-militärische Ordensverleihung an die Durchgekommenen in Berlin (mit Kurzauftritt von Peter Sodann) verpasst Pfahl. Da wäre es noch möglich gewesen, die Ohnmacht des Individuums vor der kaiserdeutschen Vernichtungsmaschinerie zu zeigen. Doch: Perdú.
Die Männer der Emden: Insgesamt viel zu glatt, zu gefällig und vor allem viel zu pathetisch. Heldenquatsch eben. Wer die an sich spannende Geschichte um die Gruppe erzählt haben möchte, sollte lieber die sehr gutgemachte, zweiteilige Dokumentation „Unter kaiserliche Flagge sehen“, die 2006 auf arte gezeigt wurde und anlässlich der Neuerscheinung des enttäuschenden Spielfilms (von dem es auch eine TV-Version von zweimal 90 Minuten geben wird) hoffentlich wiederholt wird.

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (31.01.13)
Sorry, gestern abend nicht fertig geworden und nur was hingerotzt, nun (14:30 Uhr) den fertigen Text eingestellt.

 ViktorVanHynthersin (31.01.13)
Man muss nicht auf die Wiederholung warten: https://www.youtube.com/watch?v=aIjXC_KGck8
Herzliche Grüße
Viktor
P.S. Die Doku ist sehenswert.

 Dieter_Rotmund (31.01.13)
Nun ja, das youtube-Filmchen ist, wie leider oft, ein unscharf vom Fernsehbildschirm - inklusive Senderlogo (sic!) - abgefilmtes Werk...
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