Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 17. März 2016, 08:12
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Intolerance, D.W. Griffith, USA 1916

von  Dieter_Rotmund


Der Stummfilm bzw. die Filme der Stummfilm-Ära gelten in Deutschland als bedeutungslos. Nur ein kleiner Kreis weiss, dass sie es nicht sind. Der Rest ergötzt sich weiterhin an den Albernheiten von Stan Laurel und Oliver Hardy und kennt sie nur unter dem furchtbaren deutschen Titel Dick und Doof.
Die Möglichkeiten, einen Stummfim im Kino sehen zu können, sind begrenzt, wer sie nutzen kann, ist privilgiert. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, D.W. Griffiths Intolerance in der Fassung von 1916 auf der Leinwand zu sehen. Um es vorweg zu nehmen: Der Film ist trotz seiner etwas monströsen Überlänge von 187 Minuten (immer noch) unterhaltend.
Der Wikipedia-Entrag zum Film strotzt vor Hörensagen, es ist ein Jammer. Zugeben: Die Rezeption eines nun genau 100 Jahre alten Films ist schwierig. Der Mensch mag seine Konstanten haben, aber bei Filmen schwingt doch immer der Zeitgeist mit, denn jeder halbwegs gelungen Film hält der aktuellen gesellschaftlichen Situation einen Spiegel vor, man muss es nur erkennen.
Nun, um was geht es in Intolerance? Der Begriff der Intoleranz soll der Kitt sein, der die vier unterschiedlichen Erzähltstränge zusammenhält, soll das Schlagwort sein, dass alles zusammenhält. Das funktioniert nicht so richtig. Ich persönlich hatte oft das Gefühl, das Thema des Films sei Sexuelle Belästigung von Frauen. Aber kein Wort davon in den Zwischentiteln.
Stellenweise ist Intolerance schlampig gemacht, die Titel sind voller oberlehrerhaftem Idealismus, er endet in unverhohlenen Kitsch. Und doch: Man möchte sehen, wie es ausgeht, irgendwie funktioniert er. Eins ist nämlich Intolerance nicht: seelenlos - schon allein deswegen, weil eben alles handgemacht ist. Von richtigen, echten Menschen. Ein Meisterwerk der Prä-CGI*-Zeit.
Ein gewisse Ironie offenbarte sich auch darin, den Film im Rahmen der "Wochen gegen Rassismus 2016" zu zeigen. Rassismus war überhaupt nicht Thema des Werks, dies war eine eher ungeholfene Aktion der beflissenen Veranstalter, die aber dazu geführt hat, dass Cineasten die Möglichkeit hatten Intolerance zu sehen. So weit, so gut.
Ich persönlich fand die Figur des "Mountain Girl" (Constance Talmadge) im antiken Babylon am interessansten. Aber dies nur am Rande.

*computer generated imagery

Außerdem kürzlich gesehen:

Nichts passiert, Schweiz 2015
Klasse. Ein Film, hilflos im Trailer als laue Familienkomödie und im Werbetext des Verleihs als "Kriminalfall" dargestellt. Von beiden Kategorisierungen Lichtjahre ist er weit weg. In Wirklichkeit ein tiefschwarzer Abrgund, der sich zuerst nur ganz klein zeigt und zum Schluß den Zuschauer verschlingt und nach dem Ende mit einem ganz miesen Gefühl zurückläßt. Herrlich!

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag

Graeculus (69)
(17.03.16)
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 Dieter_Rotmund (18.03.16)
Bei Panzerkreuzer Potemkin, den ich vor ca. 3 Jahren im Kino sehen konnte, waren mir entschieden zu viele Zwischentitel - der Film stellenweise ist grandios, aber insgesamt etwas überberwertet, finde ich.
Graeculus (69)
(20.03.16)
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