Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 21. Dezember 2016, 18:33
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Gemeinsamkeiten

von  Dieter_Rotmund


Schon vor Jahren sagte mir eine Bekannte, sie gehe nur ins Kino, um dann "mit einem guten Gefühl" wieder aus dem Film zu kommen. Ich fand und finde das fast schon schäbig, die Kunstform Film in dieser Weise zu mißbrauchen. Schließlich ist der Film kein Aufhellungsmittel für Depressive.
Dieser Mißbrauch würde mir nie einfallen, allerdings muss ich bekennen, dass ich TV-Serien fast nur zum Zwecke der seichten Berieselung sehe. An seichten TV-Serien besteht ja kein Mangel, ganz im Gegenteil und sie sollen mich nur für eine Weile in harmloser Gefilde berechenbarer Handlungen von altbekannten Figuren führen.
Wiederum ein anderer Bekannter sagte mir einmal, dass er nur ein Fußballspiel gucken wolle, wenn er für eine der beiden Mannschaften sei. Das finde ich schade, wenn das eine Vorbedingung sein muss, ich habe schon viele spannende Spiele gesehen, ohne dass ich für das eine oder andere Team gewesen wäre.
Die Handlungen beider Bekannter haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben den Willen, das Geschehene unbedingt mit persönlichen Emotionen aufzuladen. Nach dem Motto: Wenn ich nicht emotional involviert war, so hatte es keine Wert. Es war nutzlos. Film und Fußball näherten sich in diesem Punkt in den letzten Jahren an: Kaum gibt es noch eine (reale) Geschichte, in der es ordentlich menschelt und die nicht schon fürs Kino verfilmt wurde. Auf der anderen Seite wollen viele Fußball-Fans der Profi-Mannschaften nur die inszenierte Wirklichkeit vorgeführt sehen, an Hintergrundinformationen haben sie kein Interesse.
Es gibt auch schon ein schönes Beispiel für die Gemeinsamkeiten von Film und Fußball: der DFB-Imagefilm Die Mannschaft, der nur sehr geringen dokumentarischen Wert hat und dem geneigten Nationalmannschaftsanhänger das vermittelt, was er haben will: Ein gutes Gefühl.

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag

Festil (59)
(22.12.16)
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 Dieter_Rotmund (22.12.16)
Also anspruchsvolle Filme, bzw. besser gesagt Filme, die nicht so dämlich sind, wie das Allermeiste, was uns im Multiplexkino vergesetzt wird, sind nicht per se schwermütig. Jüngstes Paradebeispiel: Toni Erdmann. Der Kinosaal hat gebebt vor Lachen!
Wieso ist Dein Kommentar so vorwurfsvoll formuliert? In einer Kolumne darf man (auch) seine Meinung ausdrücken. Man muss natürlich nicht meiner Meinung sein.
Der Bekannte guckt auch im Fernsehen Spiele nur, wenn er für eine der beiden Mannschaften fiebern kann. Auch wenn er alleine guckt. Wo kommt da ein Zugehörigkeitsgefühl her? Aber Du hast recht, was Fußball im Stadion betrifft: Wenn die Fans da so zusammen ihren Gitterpferchen stehen, kommt natürlich Zugehörigkeitsgefühl auf, dafür ist es einfach zu ungemütlich dort.
Die Bekannte ließ sich aus reiner Realitätsflucht/Eskapismus nicht auf andere Film ein.

 keinB (22.12.16)

Die Handlungen beider Bekannter haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben den Willen, das Geschehene unbedingt mit persönlichen Emotionen aufzuladen. Nach dem Motto: Wenn ich nicht emotional involviert war, so hatte es keine Wert. Es war nutzlos.

Wie kann ich in irgendetwas NICHT emotional involviert sein?

Das hier:
Schließlich ist der Film kein Aufhellungsmittel für Depressive.
ist übrigens ein Schlag ins Gesicht jedes Depressiven.

Gruß
KB

 Dieter_Rotmund (22.12.16)
Neee, liebe keinB, ich ziehe mir hier nicht den Schuh an, Stimmung gegen Depressive gemacht zu haben, der Vorwurf ist haltlos. Das Thema der Kolumne ist sowieso ein anderes!

Und ja, man kann durchaus an etwas teilhaben, ohne es sogleich emotional aufladen zu müssen - als stiller Betrachter eben, der/die sich nicht für den Nabel der Welt hält, um den/die sich alles dreht...!

 Skala (22.12.16)
Ob die besagte Äußerung jetzt gleich ein Schlag ins Gesicht eines jeden Depressiven ist, möchte ich lieber nicht beurteilen, so extrem empfinde ich die jetzt nicht, aber, was ich mich frage, ist Folgendes:

1) Der Autor gibt selbst zu, sich von Fernsehserien nur berieseln lassen zu wollen. Fallen Serien insofern nicht unter die Definition "Kunst"?
2) Der Autor empfindet es offenbar als ein Sakrileg, sich irgendeiner Kunstrichtung (Serien einmal ausgenommen) nur über ihren Unterhaltungswert zugetan zu fühlen. Heißt das, Unterhaltungsliteratur, U-Musik, sagen wir, Pop-Art, etc.pp. sind somit komplett für die Tonne?
3) Sollte ein Film antidepressivische Wirkung haben, wäre das nicht umso mehr ein Zeichen seiner enormen Wirkungskraft?
4) Zitat aus Harry Potter and the Order of the Phoenix (O-Town Hermione Granger): "Just because you have the emotional range of a teaspoon doesn’t mean we all have." (Kann die Seite jetzt nicht angeben, ich hab das Buch nicht hier.) Ich finde, das fasst das Problem hier ganz gut zusammen. Menschen reagieren nun mal unterschiedlich emotional auf Ereignisse, Kunsterzeugnisse, whatever. Unter uns: Ich selbst könnte niemals bei einem Fußballspiel Emotionen zeigen, wohl aber bei Filmen, Büchern, Erlebnissen nicht sportiver Art und so weiter. Macht mich das jetzt zu einem guten Fußballverfolger, aber zu einer schlechten Leserin, Kinobesucherin, etc.? Und zuguterletzt:
5) Mißbrauch? Dein Ernst?

Zusammenfassend allerdings trotzdem gern gelesen, würdest du dieses Thema länger ausführen und nicht nur auf eine kurze Meinungsäußerung reduzieren, könnte ich dem, wenn auch nicht aus inhaltlicher, aber aus literarischer Sicht vielleicht sogar etwas abgewinnen.

 Dieter_Rotmund (22.12.16)
Ja, eine Kolumne ist eben nur ein "Streiflicht", um mal den Titel einer der bekanntesten deutschen Kolumnen zu nennen, eine umfassende Erörterung gelingt da kaum.

1) Der Autor gibt selbst zu, sich von Fernsehserien nur berieseln lassen zu wollen. Fallen Serien insofern nicht unter die Definition "Kunst"?
Nein.

2) Der Autor empfindet es offenbar als ein Sakrileg, sich irgendeiner Kunstrichtung (Serien einmal ausgenommen) nur über ihren Unterhaltungswert zugetan zu fühlen. Heißt das, Unterhaltungsliteratur, U-Musik, sagen wir, Pop-Art, etc.pp. sind somit komplett für die Tonne?

Sie sind nicht "für die Tonne", sondern einfach nur keine Kunst. Im besten Falle sind sie aber sehr ordentlich gemacht und damit durchaus viel wert.

3) Sollte ein Film antidepressivische Wirkung haben, wäre das nicht umso mehr ein Zeichen seiner enormen Wirkungskraft?

Nein. Wir reden hier ja über Fiktion, oder? Antidepressivisch wäre es nur insofern der Patient dafür die Wohnung mal verlassen hat.

4) Zitat aus Harry Potter and the Order of the Phoenix (O-Town Hermione Granger): "Just because you have the emotional range of a teaspoon doesn’t mean we all have." (Kann die Seite jetzt nicht angeben, ich hab das Buch nicht hier.) Ich finde, das fasst das Problem hier ganz gut zusammen. Menschen reagieren nun mal unterschiedlich emotional auf Ereignisse, Kunsterzeugnisse, whatever. Unter uns: Ich selbst könnte niemals bei einem Fußballspiel Emotionen zeigen, wohl aber bei Filmen, Büchern, Erlebnissen nicht sportiver Art und so weiter. Macht mich das jetzt zu einem guten Fußballverfolger, aber zu einer schlechten Leserin, Kinobesucherin, etc.?

Gute Frage! Es geht hier aber wohl nicht um gut oder schlecht, sondern inwiefern man einfach nur seinen Trieben/Emotionen folgt (Tier) oder die Fähigkeit zur Reflexion hat (prinzipiell ja: Der Mensch). Anders gesagt: Wer (wenigstens nach einer Weile) keine bisschen Distanz zu Ereignissen aufbauen kann, um dann klar(er) darüber nachdenken zu können, wäre ein schlechter Kinofilmgucker, ja sicher.

5) Mißbrauch? Dein Ernst?

Nun, natürlich kein sexueller Mißbrauch, wie Du vielleicht andeuten wollest. Aber ansonsten: Ja, Mißbrauch ist da durchaus der passende Begriff, finde ich.
Graeculus (69)
(22.12.16)
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 Skala (23.12.16)
@Dieter:
Vielen Dank für deine Antworten. Noch kurz von mir dazu (wirklich ernst gemeint): Warum zählen Serien für dich nicht zum Kunstbereich? Und gilt das für alle serienmäßig produzierten Werke, sprich: auch Comics, Romanreihen, etc.pp.? Und was ist mit Journalismus?

(Ich versuche gerade nur irgendwie, deine Haltung nachzuvollziehen, sorry, deswegen meine Fragerei. )

Wenn ein Film zum Wohlbefinden des Betrachters beiträgt - inwiefern hat er dann keine aufmunternde Wirkung? Depression bedeutet ja nicht nur, sich in der Wohnung zu verschanzen, das Einigeln in der eigenen Gefühlswelt spielt da doch eine viel größere Rolle ... okay, abschweifend, ich glaube nicht, dass das noch ausgeführt werden muss, was mich wirklich mehr interessiert, ist der Kunstbegriff, das ist ja immer eine ewigwährende Diskussion.

Im Übrigen habe ich Missbrauch nicht in sexueller Hinsicht gedeutet, überhaupt nicht. Ich finde das Wort nur sehr stark, wenn man bedenkt, dass es um Filmkonsum geht. Kann man einen Film, ein Buch, ein Kunstwerk oder Musikstück überhaupt missbrauchen (außer das Machwerk zu zerfleddern, draufzu...dingsen, was auch immer)?

 Dieter_Rotmund (23.12.16)
- Ja, warum zählen Serien nicht zum Kunstbereich?

Da gibt es ja die zwei zerstrittenen Lager: Die einen halten alles für Kunst, was ein Mensch, der sich selbst zum Künstler ernannt hat, geschaffen hat. Und die anderen, wo Kunst erst durch die Rezeption des Betrachter entsteht. So gesehen möchte ich nicht ausschließen, dass Teile der Serien (z.B. Lichtsetzung, Fotografie) rezeptionsästhetisch (heisst das so?) zur Kunst erhoben werden können.

- Und gilt das für alle serienmäßig produzierten Werke, sprich: auch Comics, Romanreihen, etc.pp.? Und was ist mit Journalismus?

Also dass Journalismus Kunst ist oder auch nur könnte, das habe ich ja noch nie gehört. Selbst die aufgeblasesten Journalisten würden sich nie Künstler nennen. Journalismus ist Handwerk, andere sagen treffend "Fast-Food-Literatur".
Mit Comic kenne ich mich nicht aus.

- Wenn ein Film zum Wohlbefinden des Betrachters beiträgt - inwiefern hat er dann keine aufmunternde Wirkung? Depression bedeutet ja nicht nur, sich in der Wohnung zu verschanzen, das Einigeln in der eigenen Gefühlswelt spielt da doch eine viel größere Rolle ... okay, abschweifend, ich glaube nicht, dass das noch ausgeführt werden muss, was mich wirklich mehr interessiert, ist der Kunstbegriff, das ist ja immer eine ewigwährende Diskussion.

So ist es. Sicher ist: Wer sich Kunst aussetzt, ums mal so zu nennen, darf nicht sicher sein, seine persönliche Wohlfühlblase gestellt zu bekommen.

"draufzudingsen" gefällt mir gut.

 Skala (11.01.17)
Mir fiel eben ein, dass ich hier noch eine kurze Antwort schreiben wollte.

Ich tu mich mit dem Kunstbegriff ja selbst auch etwas schwer und finde nichts weiter dabei, sich, egal welche Kunstform, unter dem Aspekt der Unterhaltung zu Gemüte zu führen. Wahrscheinlich zielt ein großer Teil der Serien eben darauf ab, aber ich denke, dass es durchaus einige mit künstlerischem Anspruch geben mag (bin da kein Experte, ich schaue nicht viel fern und/oder Serien, und wenn, dann meistens nur die gleichen zur Berieselung).

Beim künstlerischen Anspruch in punkto Journalismus dachte ich da an journalistische Textformen wie z.B. Glossen, oder eben auch Kolumnen - manchmal finde ich die ausgefeilter und pointierter, als literarische Texte, und die haben ja durchaus einen anderen Zweck, als die reine Information. Aber bevor ich noch irgendeinen Journalisten als "Künstler" verunglimpfe, halte ich lieber die Klappe. :D

Wer sich Kunst aussetzt, ums mal so zu nennen, darf nicht sicher sein, seine persönliche Wohlfühlblase gestellt zu bekommen
Dem habe ich nichts hinzuzufügen, allerdings fällt auch wohl kaum jeder Film unter den Oberbegriff "Kunst" ... Da für sich selbst zu differenzieren ist in meinen Augen völlig in Ordnung.

Frohes neues Jahr, noch, bisschen verspätet.
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