Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Montag, 26. November 2018, 14:31
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Geistige Thixotropie

von  Dieter_Rotmund


Gast-Kolumne von  Gast-Iltis

Den Begriff der Geistigen Thixotropie gibt es nicht. Noch nicht. Zumindest ist er mir nicht bekannt. Dagegen die Thixotropie. Sie stellt einen Begriff dar, der lt. Wikipedia von ἡ θίξις, „das Berühren“ und τροπή, „Wendung; Änderung“ hergeleitet worden ist, und der von Tibor Peterfi (1883–1953) und Herbert Max Finlay Freundlich (1880–1941) eingeführt worden sein soll.

Damit bezeichnet man unter anderem, das weiß ich persönlich aus meiner Tätigkeit beim Erdöl, den Zustand einer Flüssigkeit, die ohne dynamischen Einfluss einen festen Zustand einnimmt oder umgekehrt eines (scheinbar) festen Stoffes, der unter Hinzufügung von dynamischen Einflüssen, sprich Bewegung, flüssig wird. Was hat das nun mit dem Erdöl zu tun?

Zumindest soviel, dass erst einmal gebohrt werden muss. Dazu wird der Bohrer gekühlt und das Bohrklein nach oben gefördert. Und genau das übernimmt die thixotrope Flüssigkeit. Ginge das nicht auch mit einer ganz normalen Flüssigkeit? Nein! Und warum nicht? Weil darin das hochzufördende Bohrklein herunter sinken würde, wenn der Dreh- sprich Bohrvorgang einmal aussetzt, um dann folgerichtig den Bohrer und die unteren Bohrrohre fest zu verkeilen.

Wie komme ich nun dazu, den Begriff in die Gesellschaft integrieren zu wollen und mit einer einfachen Vokabel, nämlich der, die im Wesentlichen die Geschichte und die Entwicklung mit geprägt haben, das Geistige (nicht zu verwechseln mit: das Geistliche) zu verbinden? Gibt es eine Veranlassung oder Gründe dafür bzw. ist die Einführung überhaupt erforderlich? Nein, ist sie natürlich nicht. Wir, d.h. die Menschen, bleiben von allem unberührt, und eine geistig-moralische Änderung, eine Wendung vom Ich-Denken, vom Sich-selbst-zur-Schau-stellen, von der Sucht zur Bereicherung auf Kosten der anonymen (geistig) minder bemittelten Gesellschaft hinweg und damit hin zu einer auf Würde, Achtung, Toleranz und mit Respekt zu behandelnden Gemeinschaft ist offenbar nicht vorgesehen; der Impuls dazu fehlt.

Die Berührung! Nun wurde der Begriff der Berührung jahrzehntelang allein schon mit Formeln wie: „Fass mich nicht an!“ oder „Das ist mein Liegeplatz!“ oder „Geh mir aus dem Weg!“ oder „Steh mir nicht in der Sonne!“ überstrapaziert, wenn nicht sogar rechtlich geregelt.
Allein der Gedanke, dass sich jemand anmaßt zu sagen, dieses Stück Land ist mein Eigentum. Und das kann mir niemand nehmen, während der Nächste kommt, bietet und es aufkauft, weil höhere Interessen zu erwarten sind, um daraus Kapital zu schlagen, nur weil er/sie Kenntnisse hatten, die anderen verwehrt geblieben sind/bleiben mussten, allein der Gedanke ist verwerflich!

Im Wort „Berührung“ steckt natürlich viel, viel mehr. Rührung zum Beispiel. Wen berührt heute noch etwas? Kaum jemand. Ein blinder Straßenmusikant? Ähh! Fass mich nicht an!

Ach der …, die Karte für zweihundert Euro? Ja, kein Problem. Wann, natürlich. Unbedingt. Sehen und gesehen werden.

Und „Rühren!“ Ein Ruf, der Jahrhunderte verunstaltet hat, der aus der strammen Haltung, die Generationen abverlangt worden ist, nie die Leichtigkeit und Lockerheit werden lassen hat, die ihm eigentlich zugestanden hätte. Und warum nicht? Weil es nur ein vorübergehendes Rühren war, ein zeitweiliges Verharren, ein außerplanmäßiges Luftholen, bevor die nächsten bevorstehenden Stechschritte ins Unheil beginnen mussten. Ein Ruf, der uns als Nation anhaftet und den wir auf große Teile der Menscheit übertragen haben. Mit unserer Vollkommenheit, Perfektheit, Pünktlichkeit, Präzision. Und was ist davon übrig?
„Rühren!“

Bleiben die Wendung, die Änderung.
Nun, die Wendung haben wir mit der Wende hinter uns. Blühende Landschaften sind entstanden. Alles wurde wie durch einen plötzlichen Impuls, die „Berührung“, ausgelöst. Hat es eine Änderung gegeben? Nein. Die Starken sind die Starken geblieben und die Schwachen schwach. Ein paar haben die Rollen getauscht, von denen sicher einige, so oder so, rückfällig werden.

Der Bohrvorgang ist gerade unterbrochen; die Thixotropie verhindert Schlimmeres.

Gibt es jetzt geistige Prozesse, die diese Thixotropie verändern, verhindern, vermeiden könnten? Und was hieße das überhaupt?

Die Veränderung bedeutete eine bewusste Einflussnahme. Und worauf? Auf die für die Gesellschaft, die Gemeinsamkeiten, die Entwicklung, die Globalisierung, eigentlich für alle die Menschheit betreffenden Prozesse der Annäherung, der gegenseitigen Achtung, der Aufhebung von Bevormundungen und Missdeutungen, genau genommen der nicht abgeschlossenen Aufklärung.
Die Veränderung ist oder darf kein abstrakter Vorgang sein, sondern muss konkrete, präzise und gezielte Maßnahmen enthalten bzw. erfassen, die zur Durchsetzung notwendig sind.

Zur Verhinderung solcher Vorhaben werden dann sofort Begriffe wie Freiheit und Selbstbestimmung, möglichst in all ihren Nuancen ins Feld geführt. Mit dem Begriff der Freiheit kann und hat man Menschen erschlagen, mit dem der Selbstbestimmung verstümmelt, körperlich und geistig. Geistig-moralisch. Die „geistliche“ Thixotropie, die extra ausgeklammert bleiben sollte, hat genau dies über Jahrtausende hinweg praktiziert und damit ad absurdum geführt.

Verhinderung und Vermeidung? Bedarf es immer wieder eines Impulses, eines Anstoßes, einer Berührung, um Veränderungen im großen Stil zu erwirken? Ja! Wer sollte sie geben, auf wen könnte man hören? Auf die Medien, denen es nur um die eigene Präsenz geht, die Größen der Finanzwelt, die den Hals nicht voll genug bekommen können, die Politiker, deren Einfluss nur ein scheinbarer ist, weil sie nicht erkennen, dass sie nur Marionetten sind, der Wirtschaft, der scheinbar jedes Mittel recht ist, sich die Erde untertan zu machen, um sie dann neu zu verteilen?

Sicher nicht.

Vielleicht die Philosophen. Gewiss. Die geballte Kraft an Wissen und Voraussetzung, an Weitsicht und Deutungshoheit. Im Einzelnen sicher nicht unfehlbar. Aber komplex bestimmt schon. Wenn man es denn wollte. KV hat da zuletzt nicht gerade geglänzt! Will man es? Warum denn?

BlackRock z.B. verfügt über Werte von sechs Billionen Dollar und besitzt so viele vernetzte Computer, dass jede Kursschwankung sekundengenau festgestellt wird. Zitat, Teil 1: „Sie verkaufen Liquidität. Aber es ist keine Liquidität da.“ Warum sollte denen eine Welt am Herzen liegen, die am Gemeinnutz interessiert ist. Apropos Gemeinnutz: Der Spruch auf den Münzrändern, den die Nazis damals aufprägen ließen - Gemeinnutz geht vor Eigennutz - war ein Beispiel dafür, wie man die geistige Thixotropie, das Verharren am scheinbaren Glauben an eine Kraft bzw. die erhoffte Besonderheit dieser Kraft nutzen kann, um eine Gesellschaft, wenn es sein muss, die Menschheit, ins Verderben zu führen.

Zitat, Teil 2: „Darum geht es. Und das ist es, was es in die Luft sprengen wird“ (von Carl Icahn, Hedgefondsinvestor)

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