Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Donnerstag, 30. Januar 2020, 08:42
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75 Jahre Auschwitz vs. Prinzessin Glitzerpups

von  Dieter_Rotmund


In Le mystère Henri Pick (Frankreich/Belgien 2019), den ich Anfang des Jahres in einem Programmkino einer altehrwürdigen deutschen Studentenstadt sah, gibt es eine "Bibliothek der abgelehnten Buchmanuskripte". Ein Bibliothekar hatte in dieser Fiktion einst von den Verlagen abgelehnte Manuskripte gesammelt und sie in einem Hinterzimmer einer ländlichen, öffentlichen Bibliothek zugänglich gemacht bzw. ausgestellt.
"Aha!", dachte ich in diesem Augenblick, als ich das sah, an diesen Ort gingen also diesen ganzen drögen Fantasyepen, Depressions-Romane und öden Selbsterfahrungsberichte hin, bevor es "Book on Demand" gab. In Le mystère Henri Pick wird eines dieser abgelehnten Manuskripte zum Beststeller und Welterfolg, eine geradezu märchenhafte Erfolgsstory entwickelt sich. Wie sich zum Schluss herausstellt, ist es aber alles doch nur Lug und Betrug. Diese dem Realismus verpflichtete Gesellschaftskritik ist aber nur ein Randaspekt von Le mystère Henri Pick. Im Grunde ist der Film eine Detektivgeschichte in Form ein angenehm leichten französischen Komödie, wie es nur die Franzosen können. Die Amerikaner machen zum Thema Bibliothek eine moralinsauer-sentimental stinkendes Werk wie The Public (2018), wie er Ende letzten Jahre in den deutschen Kinos zu sehen war. Zum Thema "Bibliotheken in deutschen Filmen" fällt mir spontan zunächst gar nicht ein.
Nach längerer Internetrecherche stoße ich auf eine gute geschriebene Analyse von einem Martin Hermmann aus dem Jahre 2012 zum Thema "Bibliothek im Film", die als deutsches Beispiel nur Wim Wenders furztrockenen Der Himmel über Berlin (1987) anführt.
Nun ja, nicht weiter schlimm, dass der Deutsche Film kaum relevante Anknüpfungspunkte bietet - eine Bibliothek an sich ist ja zunächst nur einen Büchersammlung in Regalen und kein in situ spannender Ort.
Außerdem sah ich am letzten Donnerstag in einer Wiederaufführung in einem Programmkino die Marukami-Verfilmung Burning von 2018, die mir sehr gut gefallen hat. Zwischendurch sah ich in einem Blockbusterkino Knives Out (USA 2019), der sich vor allem dadurch hervorhob, dass er holprig von Whodunnit? zum Whathappendreally? wechselte und keinen ordentlichen Abschluss fand. Filme wie dieser, die typischerweise immer im Programm von Blockbustermultipelxkinos laufen,. habe diese Da-setzten-wir-nochwadrauf-undnochwas-undnochwas!-Attitüde, das ist enervierend. Immerhin ein nettes Wiedersehen mit Don Johnson (Miami Vice) und Toni Collette war auch wieder toll. Aber wirklich beeindruckt hat mich neben Ed Wood, den ich ebenfalls in einer sog "WA" sah, nur Burning.
Wer noch ganz oldschool ist und Fernsehen schaut, kann ich derzeit The Rookie (zdf neo) empfehlen, ist nichts überragendes, aber flott und unterhaltsam. Der Tatort vom letzten Sonntag (München, mit Batic und Leitmayr) war auch spannend, möchte ich hier noch anfügen. Eher bieder war Lauf, Junge, lauf (2013) von Sportfilmer Pepe Dankquart, oder etwa nicht? 75 Auschwitz-Befreiung und keiner traut sich Son of Saul (2015) zu zeigen - der ging mir richtig, richtig an die Nieren.

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