Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Montag, 26. Oktober 2020, 18:06
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Eine hinterhältige Krankheit

von  Dieter_Rotmund


Gastkolumne von  Nika über Essstörungen

Viel zu oft geht man davon aus, dass einem so etwas nicht selbst passiert und dann sind es plötzlich diese kleinen Fragen, die man sich selbst stellt. Immer öfter und immer lauter. Sie fangen an, dich zu kontrollieren, dich einzunehmen und nicht mehr loszulassen. Ein vergeblicher Versuch, die Kontrolle zu übernehmen, wird zu einem Kontrollverlust.
Irrationale Ängste verbreiten sich in meinem Kopf und erinnern mich jeden Morgen und jeden Abend daran, dass Essen schlecht ist. Dass die Gefahr besteht, zuzunehmen und dass das einzig Sinnige die Restriktion ist. Wenigstens habe ich alles unter Kontrolle.
Wie viel ich esse, wann und was. Wie ich aussehe und was ich zu tun habe. Und doch zerrt es an mir. Eine dicke Wolke hängt über mir und die durchsichtigen Schnüre an meinen Armen steuern mich, wie eine herzlose Marionette, die vergessen hat, was sie eigentlich ausmacht. Wer sie ist und was sie einmal leidenschaftlich und mit vollem Herzen am Leben geliebt hat.
Ich lebe ein ernstes und ein kleines Leben. Ein viel zu in sich hineingekrochenes Leben. Die einst so fröhliche und glückliche Person, schaut mir nun mit ängstlichen und traurigen Augen ins Gesicht und fleht nach Befreiung. Während mein Verstand genau weiß, was jetzt zu tun ist, bewege ich mich in die entgegengesetzte Richtung und denke kaum daran, umzudrehen. Zurück zu gehen zu diesem glücklichen Ort, an dem ich mir kaum Gedanken machen muss. An dem ich frei und unbekümmert sein kann, denn die einzige Katastrophe in meinem Leben, habe ich mir selbst angetan.
Eine Essstörung ist ein ernst zu nehmendes Thema, dass viele junge Frauen in Deutschland betrifft. Die obsessiven Gedanken über Essen und die falsche Vorstellung der eigenen Figur, sowie der Verlust an Lebensfreude und Energie sind dabei grundlegende Anzeichen einer Erkrankung.
Ich persönlich habe gespürt, was eine solche Krankheit mit einem anrichten kann. Wie sie einen mental und physisch an die Grenzen bringt und einem alles abverlangt, was man dachte, so sicher bei sich zu haben. Ich kann froh sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist und ich mich mit sicherem Gefühl auf dem Weg der Besserung befinde. Einen Weg den ich ohne den Mut, über meine Krankheit zu reden und sie anderen mitzuteilen, nicht so einfach hätte beginnen können. Die Heilung, wie ich sie nenne und das Ziel, mich selbst so sehr zu lieben, dass ich nur das Beste für mich und meinen Körper will, jeden Tag und mein ganzes restliches Leben lang, wird eine schwierige Challenge, die ich jeden Morgen erneut annehmen muss. Ich schaue der Krankheit und den energiezerrenden Gedanken in die Augen, erkenne sie und gestehe mir selbst ein, dass ich so nicht glücklich bin und es meinem Körper nicht gut geht. Ich danke mir selbst, für die Möglichkeit zu heilen.
Denn ich bin mehr als eine Essstörung und das Leben besteht nun einmal aus Risiken und unbekannten Wegen. Sonst wäre es kein Leben, dann wäre es nur ein Plan, der strikt befolgt wird und am Ende eine hohle Hülle zurückließe. Eine Hülle, die nichts zu erzählen hätte, nichts gefeiert und nichts betrauert, sondern nur aufgepasst und gezählt hat.
Plötzlich fühlt man sich kraftvoll, energiegeladen und die Gedanken um Dinge, die einem keine Bauchschmerzen bereiten sollten, sondern das Leben erst lebenswert machen, werden immer kleiner, bis sie letzten Endes ganz verschwinden.
Niemand ist mehr ein Gefangener, als der, der das Gefängnis nicht sehen kann.

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