Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Mittwoch, 23. Mai 2012, 16:23
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Abstiegsagonie

von  Dieter_Rotmund


Aus der Innenstadt steigt Rauch von Feuer sich wärmender Obdachloser auf, die Fenster mit den zerschlagenen Scheiben starren hohläugig in eine schäbige Fußgängerzone, in der sich der Müll meterhoch türmt. Kaum jemand hat Arbeit, Bandenkriminalität beherrscht die Viertel. Verwahrloste Jugendliche spritzen sich Marihuana, Man bekommt leichter eine Packung Crack als eine Packung Cracker. Es kommt noch schlimmer: Aus dem Rest von Deutschland kommt kein Fünkchen Solidarität angesichts dieser apokalyptischen Situation, ja nicht einmal Mitleid. Sondern nur Hohn und Spott.
Ist das so, wenn die in der höchsten Fußballiga spielende Mannschaft in der kommenden Saison eine Liga tiefer spielt? Kommt es zum kompletten sozialen Abstieg einer Stadt, wenn das passiert?
Nein, so ist es nicht. Ich lebe in einer dieser Städte, deren Fußballmanschaften absteigen, wobei es hierbei immer um nur eine Einzige geht. Die Stadt ist auch nach dem beschlossenen Abstieg weiterhin die unaufregende mittelgro§e Stadt mit den halb zugeparkten Gehwegen und zwei großen Universitäts-Campi, durch die hoffnungsfrohe Studenten mit großen Augen geschleust werden. Wenn man durch die hiesige Angeberstraße schlendert, sieht man zufriedene Gesichter in den Cafés sitzen; es wird viel gebaut; die Arbeitslosenrate ist moderat; in den Grünanlagen lassen die Besitzer teurer Rassehunde ihre Tölen gemütlich Kacka machen. Muttis schieben ihre Kinderwagen in Bio-Supermärkte, um für viel Geld Brennnesselsalat von glücklichen Kühen zu kaufen. Väter laden Kisten voller frischer Gerstenkaltschale, die wie ehemalige Ministerpräsidenten heißen, in ihre Familienkutschen. Diese sog. Kombis sind am Heck mit den Aufklebern wie "Chantal" oder "Lukas" verschönt, die vom Stumpfsinn jungen Elternglücks künden: Friede, Freude, Eierkuchen. Das dürfte, das sollte aber so nicht sein, unmöglich!
Es besteht nämlich der unumstößliche Konsens, dass die erste Fußball-Herrenmannschaft des bekanntesten Stadtvereins landesweites Aushängeschild und gesellschaftliches Spiegelbild der Stadt ist. Ihr Schicksal sei unlösbar mit dem Schicksal der Stadt verbunden, heißt es. Millionen Steuergelder für ein neues Stadion: Kein Problem, wenn man an die Stadt X denke, falle ja einem nur die zughörige Fußballmanschaft Y ein.
Und es heißt, wenn die erste Fußball-Herrenmannschaft schlecht spielt, gehe es der gesamten Stadt schlecht. Nun befindet sich die hiesige erste Fußball-Herrenmannschaft abgeschlagen auf einem sog. Abstiegsplatz. Wieso fühlen sich dann die Bürger nicht wenigstens entsprechend? Wird sich noch ein tiefes, schwarzes Loch auftun und die Stadt für immer verschlingen?
Vielleicht muss man einfach nur genauer hingucken. Die Fußball-Junioren dieses Vereins: Klasse Ergebnisse. Die Leichtathletikabteilung: Einen super Volkslauf veranstaltet. Die Fußball-Frauen: Herbstmeister und Fast-Aufsteiger (das ist noch nicht entschieden). Offenbar orientiert sich der hiesige Bürger lieber an erfolgreichem lokalem Amateursport mit Herz, anstatt in Agonie zu versinken. Im Grunde ist diese Erkenntnis ja eine gute Nachricht: König Fußball ist noch nicht ganz Diktator, Fußballglück und -unglück nicht totalitär. Höchst abstoßend sind allerdings die Fußballzuschauer, die diese Gelegenheit nicht auslassen, zu pöbeln und sich zu prügeln. Das dringt ebenso stark nach draußen wie die reine Abstiegsmeldung. Dann lese ich doch lieber was über Leichtathletik oder Radfahren, über Eishockey oder Boxen. Oder ich gehe ins Kino. Gestern habe ich einen Film gesehen, der ebenso belanglos war wie der Abstieg einer Fußballmannschaft. Er hieß The Avengers (= Die Rächer). Nun ja.

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 süßerMacho (24.05.12)
Karlsruhe?

 Dieter_Rotmund (25.05.12)
Nun, das hier ist kein Rätsel. Wenn es eines wäre, hättest Du gewonnen. Was hat Dich draufgebracht?

 süßerMacho (25.05.12)
Zuerst hab ich überlegt welche "mittelgroße Stadt" aus den oberen Liga abgestiegen ist. (Wobei sich über die Größe einer Stadt bekanntlich streiten lässt) dann hab ich auf deiner Autorenseite gesehen, dass du aus Baden-Württemberg stammst. Noch ein kurzer Check ob die Frauenmannschaft um den Aufstieg spielt.
In deiner Kolummne lässt du aber geschickt die Ausschreitungen aus, die kurz nach dem entscheidenden Spiel im Wildparkstadion stattgefunden haben. Und das sage ich jetzt nicht nur weil ich aus dem selben Regierungsbezirk wie der Aufsteiger komme.

 Dieter_Rotmund (26.05.12)
Zweifellos gehören diese "Ausschreitungen", ein pöpelnder und prügelnder Mob eigentlich in diese Kolumne und als das verurteilt, was sie sind: Offenbar privat und/oder beruflich frustrierte Menschen suchen und finden ein Ventil, das höchst abstoßend ist.
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