Akramil

Erzählung

von  hehnerdreck

Akramil war sehr einsam. Er ließ sich auf niemanden ein. Der Grund dafür war die krankhafte Überfürsorglichkeit seines Onkels, eines ehemaligen Profikillers, der für einen geheimen Geheimdienst der Regierung gearbeitet hatte. Dieser Onkel konnte es nicht ertragen, wenn Akramil von seinen Mitmenschen schlecht behandelt wurde. Obwohl Akramil das Gesicht seines Onkels nie mit eigenen Augen gesehen hatte, wusste er durch die Erzählungen seines Vaters viel über ihn.

Wer sich mit Akramils Vater anlegte, und sei es noch so harmlos, fand sich bald als zerstückelte Leiche in den dunklen Tiefen des Meeres oder in einem Säurebad aufgelöst wieder. In der Umgebung seines Vaters verschwanden viele Menschen - immer mehr Wohnungen standen leer und verwaisten, obwohl in der Stadt Wohnungsnot herrschte. Als Akramils Vater schließlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und der Unfallverursacher kurz darauf spurlos verschwand, wandte sich der Onkel ganz seinem Neffen zu.

Wie besessen beschützte er Akramil vor den Gefahren der Welt - einer Welt, die nun auch für den jungen Mann zunehmend vom plötzlichen Verschwinden von Menschen geprägt war, Menschen, die ihm einst begegnet waren und mit denen er die banalsten Streitigkeiten ausgefochten hatte. In den stillen Stunden der Nacht dachte Akramil oft an die Geschichten seines Vaters. Er erinnerte sich an seinen besorgten Gesichtsausdruck, wenn er von den Verschwundenen sprach - von Nachbarn und Bekannten, deren Abwesenheit nie erklärt wurde. "Es gibt Dinge ... ", hatte sein Vater einmal gesagt, "... die man besser nicht weiß!" Akramil begann zu ahnen, dass ihm dasselbe widerfahren wird.

Akramil wagte es nicht, neue Bekanntschaften oder Freundschaften zu schließen, denn tief in ihm saß die ständige Angst, dass die kleinste Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und einer neuen Bekanntschaft zu deren baldigem Verschwinden führen könnte. Die Vorstellung, dass ein harmloses Wort oder eine unbedachte Geste dazu führen könnte, dass der andere plötzlich aus seinem Leben verschwindet, wie so viele andere vor ihm, wurde für ihn immer unerträglicher. Er stellte sich vor, wie er eines Tages in einer vertrauten Runde saß, umgeben von Lachen und Gesprächen, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass einer der Anwesenden nicht mehr da war - als hätte es ihn nie gegeben.

So lebte Akramil in selbst gewählter Isolation. Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe war stark, aber immer überlagert von der bitteren Erkenntnis, dass diese Nähe auch die Tür zu unberechenbaren Gefahren öffnen konnte. In seinen Träumen suchte er oft Nähe, doch sobald er erwachte, kehrte die Realität zurück - kalt und erbarmungslos. Die Straßen seiner Stadt wurden zu einem Labyrinth namenloser Gesichter, und die Menschen um ihn herum blieben für ihn bloße Silhouetten. Er beobachtete sie aus der Ferne, studierte ihre Gesten und Mienen, wagte es aber nicht, sich ihnen zu nähern.


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