Auch eine Kopfsache
Kurzprosa
von Fridolin
Meine Enkelin animiert mich seit einiger Zeit, Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. In diesem Zusammenhang bin ich auf zwei schulbezogene Anekdoten gestoßen, die vielleicht auch Euch amüsieren könnten. Beide handeln davon, wie mir bewusst wurde, dass auch Lehrer Menschen sind.
Studienrat Wolf (Deutsch und Latein) hatte im Krieg ein Bein verloren. Er liebte es, mit elegant geschwungener Prothese durch die Bankreihen zu tingeln und dabei rechts und links nach Fehlern zu fahnden und gegebenenfalls Kopfnüsse zu verteilen. Eines Tages muss er dabei bei mir fündig geworden sein, und das veranlasste ihn, in meinen Haarschopf zu greifen, um meinem Kopf mit kräftigem Schütteln zu intensiverer Tätigkeit zu verhelfen. Anschließend tingelte er, vom Erfolg seiner Intervention befriedigt, weiter, wohingegen ich mich veranlasst fühlte, nachzuforschen, ob da oben bei mir noch alles in Ordnung war. In der Tat fand ich etliche gelockerte, um nicht direkt zu sagen ausgerissene Haarbüschel, die ich sorgfältig vor mir auf meinem Schreibpult deponierte. Es kam ein ordentliches Häufchen zustande, das ich sinnierend betrachtete.
Wolf befand sich inzwischen auf dem Rückweg von seiner Tour, sah, was ich gesammelt hatte, und - es gefiel ihm nicht. Er sagte tatsächlich, öffentlich, für alle hörbar, es tue ihm leid, was er da angerichtet habe, während ich mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte. Womit der Friede zwischen uns wiederhergestellt war.
Einige Jahre später unterrichtete uns Edmund R. in Mathematik, ein Fach, das mir leicht fiel, weil es mir, im Unterschied zu anderen, Spaß machte. Das Lehrbuch enthielt lange Reihen von Textaufgaben, die der Lehrer eine nach der anderen an der Tafel lösen ließ, und manche zu Demonstrationszwecken auch selbst löste. Da es mir zu lange dauerte, rechnete ich für mich schon mal die nächste Aufgabe, und hatte bald einen Vorsprung von etwa 2-3 Aufgaben. Das reichte, um mich zufrieden zurückzulehnen und mich wieder dem Geschehen an der Tafel zu widmen, und, wenn mir etwas auffiel, was man auch einfacher als mit dem korrekten Rechenweg lösen konnte, wie ein echter Streber den Finger zu heben. Beim ersten Mal lobte unser Lehrer mich, und auch ein zweites Mal machte er gute Miene zu diesem Spiel. Beim dritten Mal konnte er aber nicht mehr anders als mir einen ausgesprochen gequälten Blick zuzuwerfen.
Nun gut, ich verstand, es gefiel ihm nicht wirklich. Nonverbale Kommunikation nennt man das wohl am besten. Und vermutlich fand der eine oder andere Mitschüler das auch nicht so toll. Ich kann Euch versichern: Es wird nicht wieder vorkommen.