KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
Montag, 10. August 2026, 23:01
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896. Kolumne
In unserer Zeit, in der das Wünschen selten hilft, musst du deine Welt selber erschaffen. Wie lange sie hält, was du dir versprichst, ist eine andere Frage. Aber in Bayern, wo die Sonne auf grüne Auen und Berge scheint, die kühle Schatten aufs Land werfen, ist die Welt noch so natürlich, dass keiner staunt, wenn alle Sorgen wie Morgentau vergehen; falls man sich zu helfen weiß. Denn der liebe Gott wohnt nicht im Himmel, wo er sich langweilt, sondern in den Menschen. Manchmal passiert auch ein Wunder, das bei Licht besehen gar kein Wunder ist...
Die Geschichte, die sich wirklich ereignete, begann vor guten fünfundzwanzig Jahren, als ein junger Architekt seine Braut küsste und zu ihr sagte: „Bald blüht unsere Liebe noch stärker auf. Wir heiraten und bauen uns ein eigenes Haus.“ „Und Friede und Liebe soll darin wohnen,“ sagte die schöne Braut liebevoll lächelnd, „du bist mein Ein und Alles, ohne dich möchte ich lieber...“ „Schsch ...“, unterbrach er sie. Und ein Frosch aus Samt mit gläsernen Augen war ihr heimlicher Trauzeuge. Zum Zeichen seiner Liebesfeigheit hatte sie ihm den Frosch geschenkt: „Quak quak, ich bin der Wasserpatscher!“ Da hatte er laut lachen müssen, sie in seine Arme genommen und endlich geküsst ...
Er lernte sie lieben und teilte seine Kräfte – denn zuviel ist auch zuwenig – immer besser ein. So gingen die Jahre dahin, sie bauten ein Haus in der Stadt, sie gebar einen Sohn und eine Tochter, und sie hatten viel Liebe und Frieden.
Als die Kinder aus dem Haus waren, fragten sich die Liebenden, was sie zu ihrem Glück noch brauchten. Und weil nichts fehlte, meldete sich die Kälte, und zwischen ihnen öffnete sich das Nichts. Er schlug sein Bett – der Frosch blieb auf dem Regal über ihrem Bett – im Arbeitszimmer auf. „Du schnarchst zu laut“, sagte er. Er klopfte zwar noch einmal an ihrer Tür und sagte ihr guten Abend, aber bald keinen guten Morgen mehr.
Inzwischen war die Dresdner Frauenkirche wiederaufgebaut worden; und die erste Frau wurde Kanzlerin in Deutschland; Papst Woytyla starb, ihm folgte der Kardinalpräfekt der Heiligen Kongregation des Heiligen Offizium; deutsche Truppen kämpften in Afghanistan gegen den Terrorismus; in Amerika wurde ein Schwarzer zum Präsidenten gewählt; die Schweinegrippe ging um in Europa; ein fürchterlicher Tsunami zerstörte Städte an der japanischen Ostküste und brachte die Atomreaktoren von Fukushima zur Kernschmelze; Osama Bin Laden wurde gejagt und in seinem Versteck erschossen; die arabische Revolution brach aus und die Diktatoren stürzten; und der Freiherr von und zu Guttenberg fälschte seine Doktorarbeit; das Ozonloch wird größer und größer, und die Türen im Hause gehen auf und zu, die Frau schnarcht, und der Architekt trägt seine Gedanken immer wie Kleider.
Einmal, in tiefer Nacht, stoßen sie im Flur aufeinander, als er ins Bad will. Er hat die Klinke noch nicht berührt, da öffnet sich die Tür, und keiner sagt ein Wort zum andern. Ihm fällt einfach nichts ein. Sie schaut ihn mit kalten Augen an. Schweigend gehen sie wieder zu Bett, jeder in sein Zimmer. Er kann nicht wieder einschlafen und weint, bis die Sonne durchs Fenster scheint. So will ich nicht enden, sagt er sich, ich will noch einmal die Liebe spüren. Am nächsten Tag geht er im Internet auf die Suche nach einer Frau. Er staunt, wie sich ihm die Herzen der Frauen öffnen; er gefällt sich in ihren Worten und wählt die liebsten aus. Ich will meine Liebe teilen, mehr will ich nicht, guter Mann, und willst du mehr, so will ich dich satt machen. Er vereinbart ein Treffen auf dem Markt. Morgen um sieben bin ich am Obelisken, schreibt er, du erkennst mich an dem Frosch, den ich in der Hand halte ... Schon von weitem sieht er sie am Obelisken stehen, die Beschreibung passt genau, der blaue Mantel, das schwarzrote Halstuch, aber als er näher kommt, erschrickt er – es ist seine eigene Frau. Schnell steckt er den Frosch in die Manteltasche zurück, geht in das Lampengeschäft, und durchs Schaufenster beobachtet er sie. Aber es kommt kein Mann, auch nicht als die Rathausuhr sieben Mal schlägt. Und es kommt auch keine andere Frau. Er fasst sich ein Herz, geht zum Obelisken und fragt sie, auf wen sie warte. Auf ihre Freundin, antwortet sie, aber sie komme wohl nicht mehr. Es ist wie in der Nacht, als sie sich stumm begegneten, nur noch schlimmer.
Das gibt ihm zu denken, und er sagt sich, ich habe meine Frau zwei Mal ausgesucht. Warum nicht ein drittes Mal. Er nimmt den Frosch, setzt sich zu ihr aufs Sofa und lässt ihn sagen, wie jugendlich sie da stand, angelehnt ans Eisengeländer des Obelisken. „Du hast bestimmt auf deinen Geliebten gewartet?“, quakt er. Da muss die Frau lachen, nimmt ihm den Frosch aus der Hand, quakt zurück: „Das stimmt vielleicht, aber mein Geliebter traute sich nicht“, und muss wieder lachen. Der Frosch antwortet: „Wenn du mich lieb haben willst, so will ich unser Glück wieder herauf holen.“ „Was will der Frosch von mir?“ „Schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen“, sagt er. Und eine Weile später: „Ich habe mich satt gegessen und bin müde, mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.“ Sie streichelt ihn sanft mit zwei Fingern und sagt ihm in seine schönen und freundlichen Augen: „Du hast dich verwandelt, so verwandle ich mich auch.“ Niemand hätte ihn erlösen können als sie allein. Dann schlafen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckt, sind sie wieder in Liebe zusammen; doch über ihr Geheimnis am Obelisken verraten sie kein Wort.
Aber es geschieht noch etwas. Eines Tages – sie nehmen den Frosch auf jede Reise mit – besteigen sie einen hohen Berg in den Alpen. Oben auf dem Gipfel holen sie den Frosch aus dem Rucksack, stellen ihn auf einen Stein und wollen den zweifachen Zeugen ihrer Liebe fotografieren. Da erfasst ein Windstoß den Frosch und weht ihn weg vom Stein auf den felsigen Boden und von dort weiter zum Rand der Klippe, wo er abstürzt. Sie sehen, wie er im Wind nach unten treibt und immer kleiner wird, bis sie ihn aus den Augen verlieren. Sie steigen hinab ins Tal und rufen die Bergwacht zu Hilfe. Am nächsten Morgen klettert ein Bergführer auf den Gipfel und seilt sich mit Schlingen und Steigklemmen ab. Eine halbe Stunde vor dem Einbruch der Dunkelheit findet er, fast schon auf dem Talgrund, den Frosch in einem Felsspalt, den Kopf angelehnt an den Schnee.
„Er ist unser Wächter“, sagt sie, „er soll immer über unserem Bett stehen.“
Als sie das Schlafzimmer verlassen und sich noch einmal umschauen, starren die zersplitterten Augen des Froschs stumpf ins Leere.