KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
(bisher 2x aufgerufen)
Du Fu
899. Kolumne
Der Schrei – Ein existenzialistisches Gedicht vor 1200 Jahren
杜甫:孤雁
孤雁不饮啄
飞鸣声念群
谁怜一片影
相失万重云
望尽似犹见
哀多如更闻
野鸦无意绪
鸣噪自纷纷
Du Fu: Die einsame Wildgans
Ganz verlassen ist sie, trinkt nicht, frisst nicht,
flattert, schnattert nach der Schar, die sie vermisst.
Niemand denkt an diesen kleinen Schatten,
der in abertausend Wolken sich verliert.
Die Gans, so scheint es, blickt in endlos weite Ferne,
als würde ihre große Trauer noch gehört.
Unbewusste Antwort, sinnlos.
Wirre Vogelschreie überall.
Das Gedicht von der einsamen Wildgans liest sich wie eine moderne Tier-Parabel. Es geht nicht nur um Verlassenheit in einer Lebenssituation, sondern um die ganze Existenz. Die Gans steht offenbar vor ihrem Ende. Die Gesellschaft entfernt sich, das Leben geht (sinnlos!) weiter. Da erreicht der vanitas-Gedanke, der typisch ist für die Lyrik in der Zeit der Tang-Dynastie, die Qualität des Absurden.
Erstaunlich, wie existentialistisch manche Verse des chinesischen ‚Mittelalters’ sind, man sieht auch Berührungen mit barockem Geist (vanitas, memento mori, carpe diem), das Parabelhafte, wie wir es in ähnlicher Weise auch in der Literatur unserer Zeit finden.