KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
Montag, 10. August 2026, 23:19
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Brief an mich selbst
901. Kolumne
Lieber Damonte, nun ist es soweit: ich schreibe mir selbst. Nicht weil ich einsam bin. Sondern um meine Gedanken zu filtern ... Meine Hoffnung tanzt hinter den Kulissen. Die Bühne dreht Sommer in meinen Schädel. Ich bin aus Papier. Da schlägt mein Schatten dem Schlaf ins Gesicht. Kopfhaut zuckt in spitzer Überforderung der Gedanken unterm Knochen. Da flimmern weiche Ionen. Und irgendein großer fremder Mann hoch über mir nennt die Buchstaben: Gewaltige Bilder. Aus seinen Wimpern zuckt es kritisch, bis die Blicke brennen. Das ist alles bloß ein assoziatives Ereignis und nicht einmal Kunst. Ich fahre durch mich selbst, schiebe das Eis weg von meinem Weg. Ich weiß nicht, ob ich ankomme und kenne auch kaum ein Ziel. Stolperanfälligkeit ist mein Wahrzeichen. Ich suche den Ort, wo ich Halt finde in meiner Sucht nach Verlorenheit im Unterholz meiner – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll: Seele? Keine Ahnung. Das ist eine Geschichte ganz anderer Gewalt.
Der Himmel hat die Farbe von Pommes frites. Ein drohendes Grau mischt Sommergelb. Die Sonne fällt mir vor die Füße, als ich barfuß und ohne eine gravierende Erwartung über den Platz laufe und einfach nur atme. Die Farbe von Pommes frites, flüstern meine Ionen, die Stäbchen tanzen partizipiell. Aber ich habe keinen Hunger, keinen Durst, und schieße alle meine Nachmittagstermine tot. Nun rennen sie allein durch die Zeit, die sich mit sich selbst verschwört, und der eine Termin redet über den anderen, während mein Lenker sich einen abstrakten Orgasmus vorstellt: So gebar sich die Welt. Und wie ich entstand, das ist natürlich eine weit herzuholende Geschichte, wie immer. Die erzähl ich mir aber heute nicht, ich kann sie mir nicht mehr glauben, und so ist das mit allen Geschichten, man kann sie nicht glauben, und das Spiel der Worte und Gedankenverwerfungen, alle diese Extrapolierungen und Abbrüche langweilen mich. Heute will ich mit der Haut parlieren, will dem Blut unter ihr Zeichen geben. Ich schaue zu, wie sich kleine Perlen bilden mit den eingekapselten Ideen von morgen.
Am Nachbartisch im Bistro eine mitteljunge Frau, Fliegerjacke, schwarzer Igelkopf, ganz sicher vom Theater gegenüber. Als wäre ich in eine Hardcore-Situation gerutscht ... Sie lippt am Espressotässchen, als wäre es eine ganz spezielle Muschel in der Rolle, die sie gerade spielt. Garantiert so eine dekonstruktivistische Regieidee für ein Tennessee-Williams-Stück mit Slapstick am Schluss. Ob sie kapiert, wie sie da vergewaltigt wird als Körper narzisstischer Projektionen? Glaube ich kaum. Als ich ihr ins Gesicht sehe, bläst sie eine riesige Luftmatratze mit exorbitanten Gumminippeln auf. Als ich nach ein paar Minuten noch einmal hinsehe, legt sie Hand an ihr erigiertes Ego. Ich glaube, Frauen tun den ganzen Tag nichts anderes. Sie brauchen nur ein paar arme Kulissen, um sich als Oper zu inszenieren. Wir sehen ihre Träume und Wunden ... da springt ein Mädchen im kurzen bunten Schmetterlingsrock übers Seil und durch Himmel und Hölle, ein Junge reitet auf einem Drachen, der Feuer speit. Im Hintergrund eine Yacht unterm rostigen Himmel an irgend so einer kleinasiatischen Touriküste.
Ich rauche die ungezählte vorletzte Zigarette, falle ins Schwarze Loch meines inneren Rauschens und rede wieder mit mir und frage mich: Was will ich von dieser Frau da in ihrem schwarzbraunen Fascholeder, wenn ich sie sowieso gleich tot schieße, und frage sie einfach:
„Warum spielst du überhaupt mit in diesem Scheißstück?“
Sie sagt: „Das Stück spielt mit mir.“
Ich werde kalt, spüre, wie ich anfriere, wie sich Eis bildet zwischen meiner Haut und dem Stuhl, wie das Vakuum zwischen mir und dieser Schauspielerin zusammenzischt und mich innerlich wegbläst irgendwohin, wo das Nichts zusammenschrumpelt zur Minierbse, wo die Oper, die eben noch lief, aufhört. Wenn das Stück zu fad ist, läuft das Gehirn aus. Das Schwarze Loch rauscht weg, ich dividiere mich perpetuierend, bis der frittige Sekundenwind meine Asche aufwirbelt mitten hinein ins Neonlicht über mir ... CINZANO.
Und dann schlägt auf einmal alles wieder um, ich wachse, das Eis rinnt zu Boden, ich sitze federnd im Stuhl – und da, wo die Schauspielerin saß, wächst ein Olivenbaum. An dem hängen lauter tote Mäuse. Und über mir das heiße Blechdach. Als ob es zu mir gehört. Diese ganze aggressive Autosuggestion, sage ich mir, die kann mich mal. Da fliegt zwischen den Neon-Buchstaben ein kleiner Hai, der sperrt sein Maul auf, ein Elektrorasierer, denke ich, der mäht die Oliven, wenn sie wachsen, und legitimiert alle Zufälle, die wir uns erzählen ...
Pronominale Neurosen, mehr habe ich nicht gegen den Wahnsinn der Sozietät. Ich habe nichts, an das ich glauben kann. Ich habe nichts, an das ich nicht glauben kann.
Ich brauche Zeit. Ich will eine Formel, die mich erklärt.
Bald bin ich richtig alt. Das Gute am Altsein: Dass man Narrenfreiheit hat und nicht mehr lernen muss zu leben. Das Schlechte ist alles andere ... Erlösungsgelaber. Gott hat Alzheimer. Er ist nicht bei mir. Er ist vermutlich scheintot. Den überlebe ich, das weiß ich. Der Schnitter aber ist bei mir, sein Stecken und Stab trösten mich. Und sein Strahl ist hoch und weit.
Ich bin stärker als der rippige Portier der Toteninsel, das weiß ich: Mein Kahn legt an deinem Ufer nicht an. Ich lasse dich links liegen, deine Hippe macht mir keine Angst. Wo ich ankomme, spielst du keine Rolle.
Eine Amsel kippt vom Baum, während ich mir sage, du musst dein Chaos streicheln. Ich renne durch den Schnee, an Autos vorbei und so weiter und Passanten mit Mützen und Schuhen und lachenden Mundwinkeln. Das Atmen tut weh im Hals. Ich muss mich an der Mülltonne abstützen, fliege fast hin, und das Ziel wird verschwommener bei jedem Meter. Ich muss mich hinsetzen, um zu überleben. Im Kopf natürlich.
Dann öffne ich das Fenster, und die Farben draußen sind ganz anders als auf dem Bildschirm.
Bist du nun schlauer, lieber Damonte? – Ich weiß es nicht. Ich schweige jetzt. Ich habe schon zuviel gesagt – und ahne: Es bedeutet nichts.