KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Montag, 06. Juli 2020, 20:28
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Anmerkung zu Celans berühmtestem Gedicht

724. Kolumne

1970 erlebte ich als Student in Bonn in einer Vorlesung Benno von Wieses (Thema der Vorlesungsreihe: Realität und Roman) den bemerkenswerten Versuch eines ersten Nachrufs. Benno (so nannten viele ihn, es war so eine Art liebender Anerkennung und Kritik am Professor, der sich in den späten 30er Jahren recht und schlecht durchwurschtelte im politisierten Uni-Betrieb) erzählte von seiner freundschaftlichen Beziehung zu Paul Celan und trug die „Todesfuge“ vor, die er das vielleicht größte deutsche Gedicht des Jahrhunderts nannte. - In seiner Gedichtanthologie (‚Echtermayer/Wiese‘), die in Schulen sehr gebräuchlich war (und ist) steht das Gedicht (erweiterte Neuausgabe 1973).
Mit meinen Schülern besprach ich das Gedicht - wie auch meine Kollegen - immer wieder. Auch Adornos (polemische) These, die wir im Kollegium diskutierten; und bis heute bleibt die Frage virulent. Celans Selbstzweifel an dem Gedicht ist verständlich. Wenn die besten Gedichte die sind, die bewirkt werden durch die schlimmsten Katastrophen und Unmenschlichkeiten, dann bleibt ein ungutes Gefühl. Nur: Es ist so (in Anlehnung an Sesemi Weichbrod am Schluss der „Buddenbrooks“). Leider - und gottseidank, denn immerhin wird etwas von dem Unbeschreiblichen doch ein wenig sagbar. Und das ist viel.

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 DanceWith1Life (18.07.20)
Erinnere mich daran "strange fruits" von Billy Holiday nochmal anzuhören, setzen wir Teewasser auf, solange wir dunkle Träume schüren. Als ich 16 war, bin dieser Einstellung zur Lyrik zum ersten Mal begegnet. Ich war ziemlich überrascht von der Wucht und dem "heiligen Ernst".
Ich muss gestehen, ich habe viel darüber nachgedacht, aber immer irgendwo abgebrochen.
Aber eines hab ich mitgenommen, ich war froh, in einer anderen Zeit zu leben.
Und jetzt 2020.

 Bergmann meinte dazu am 18.07.20:
Ich bin auch froh, in einer anderen Zeit zu leben ...
Du meinst wahrscheinlich: Du hattest nur Frieden und Wohlstand erlebt in deinem Leben. Meine beiden Brüder sind in der Zeit wie du geboren und sagen das auch. Für die meisten in D stimmt das ungefähr. Auch ich habe an Leib und Seele keine wirkliche Not erfahren.
Ich denke, die Corona-Seuche ist (bei aller Gefahr) nicht im Entferntesten das, was die Generation meiner und deiner Eltern an Not erfahren musste.
Ich vermute, dass Corona an unserem Leben in Mitteleuropa auf Dauer nicht viel ändert.
Andererseits gibt es die Todesfuge immer noch und immer wieder auch jetzt, wenn auch in anderen Formen ...

 DanceWith1Life antwortete darauf am 19.07.20:
Es gibt Berichte über Flüchtlinge aus aktuellen Kriegsgebieten, die einen ahnen lassen, was Menschen dort miterleben müssen. Es gibt auf Lebzeit arbeitsuntaugliche Veteranen in Amerika und anderswo, und nicht wenige, es gibt Bilder aus Syrien, die erinnern an jene aus dem Zweriten Weltktieg. Und es gibt jedes Jahr ein neues Model, vom Handy, Auto, PC, ect.
Ach ja, Corona gibts auch noch.
Ich weiß noch nicht mal, was ich von diesem ganzen Spuk haltren soll.

 Ralf_Renkking schrieb daraufhin am 20.07.20:
Wenn ihr Euch in der heutigen Zeit gleich um die Ecke mal richtig in die Scheiße setzen wollt, dann lacht Euch doch einfach dieses kleine Haustierchen namens Krebs an, wobei das nicht mal das Problem ist, sondern die Ärzte, die ihre Patienten wie Schlachtvieh behandeln, die Chemo,- und Strahlentherapien sowie die Operationen. Als ich das letzte Mal zu einer Nachuntersuchung in einer Uniklinik war, lag neben mir ein junger Mann, der durch die Behandlung am Körper schwarze Flecke aufwies, unter starken Schmerzen litt und so geschwächt war, dass er das Bett nicht einmal mehr verlassen konnte, selbst sein Lebenswille war ihm abhanden gekommen, ja, durchaus könnte auch das als eine Form der Todesfuge durchgehen.
HerrNadler (33) äußerte darauf am 20.07.20:
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 DanceWith1Life ergänzte dazu am 20.07.20:
@ Ralf Renking
sorry, ne war nicht als Misthaufen angedacht, sollte eine Kommentarversion zu einer aktuellen Aufführung von Krieg & Frieden werden, ein paar "Gedanken in Zeiten der Colera, sorry, Corona, natürlich, usw. aber danke für die Krebse, hab mich sschon gewundert, warum ich Vorgestern an Flamingos dachte.
@ Herr Nadler
Also das ist natürlich ein Kapitel, das grenzt zum einen an die Weiterentwicklungen der Waffenindustrie und zum anderen an Alpträume mit denen in Hollywood viel Geld gemacht wird.

p.s.:
Den Schulmedizinischen, bzw. pharmazeutischen Teil deines Kommentars habe ich bewußt gemieden, meine Mutter ist vor ein paar Jahren daran gestorben.

Antwort geändert am 20.07.2020 um 15:46 Uhr
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