KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 04. Januar 2007, 15:45
(bisher 3.655x aufgerufen)

Zauberbergmann

Die Geburt eines Off Topic Threads.
Ein Ausschnitt aus dem Forum „Was lest ihr gerade?“

Das Vorspiel:

(hüllenlos, 29.12.2006, 03:38)
… wenn jemand einen Tip hat, wie mir Manns Zauberberg gefallen kann, so bitte: hier hinterlassen. habe ihn zweimal angefangen
und beide Male wieder ins Regal geräumt. ich finde ihn langweilig und zäh.

(BrigitteG, 29.12.2006, 17:46)
Ich habe nicht geschrieben, dass ich ihn toll fand *g*. Puh, ist schwierig mit dem Zauberberg.
Auf der einen Seite hat Mann für mich eine Wortgewaltigkeit, die seinesgleichen sucht, einen Sprachschatz, vor dem ich nur beklommen stehen kann. Und was mich auch beeindruckt hat: die atmosphärische Darstellung des Sanatoriums, dieses seltsame Gefühl der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit, ein Leben, das die reale Welt weit wegschiebt, keinerlei Interesse mehr an "draußen" hat, süchtig danach, sich nur noch mit sich selber zu beschäftigen, mit der Gesundheit als zentralem Punkt des Denkens - die Atmosphäre wirkt selbst auf Besucher sogartig, so dass sie entweder schnell abreisen oder 7 Jahre bleiben *g*.
Auf der anderen Seite finde ich seinen Sprachstil sehr "betulich", und das hat wirklich nicht mit dem Entstehungsdatum zu tun. Es ist nicht das, was ich selber als Sprachstil gerne lese, es ist mir zu langatmig, zu geschraubt.
Von daher kann ich Deine Einschätzung mit "langweilig und zäh" durchaus nachvollziehen. Aber ich wollte ihn halt einfach mal grundsätzlich lesen, und dann habe ich mich gelegentlich durchaus durchgequält *g*.

Erste Provokation durch Polemik

(mica, 29.12.2006, 17:51)
@hüllenlos. -
also mir persönlich bist ja schon mal sehr sympathisch und was Th.Mann betrifft: wir verstehen das nicht. Er hat schliesslich den Nobelpreis eingesackt und da muss das Buch wohl gut sein.
Also, merke: wenn Dir ein Zauberberg nicht anspricht, d a n n v e r s t e h s t Du den tieferen Sinn nicht! 
bonsoire.

(hüllenlos, 29.12.2006, 19:26)
@ Brigitte
;o) .. über seinen Sprachschatz will ich mich gar nicht beklagen, geschweige denn über die Geschichte an sich. Gott weiß, ich bin schon anmaßend genug. *g* doch ich komme nicht umhin, den Berg mit ganz ambivalentem Blick zu beschauen. ich will ihn ja lesen, ja wirklich. durchkämpfen .. ja ja. doch dann denk ich: nicht jeder Kampf muss bis zum bitteren Ende gefochten werden - nur um sich danach ein wenig zu laben. ich lese eh langsam - bin erstaunt über manchen Bücherwurm, der in kürzester Zeit zig Bücher lesen kann. und dann noch langsam den Berg erklimmen? ach, da geht mir immer die Puste aus. danke aber für deine nette Reaktion, Brigitte. ich hadere also weiter :o)
@ mica
ach ja, immer diese Zwänge. manches muss eben. zum anderen: verstehen ist ja eine tolle Sache, wirklich. besonders, steht auch noch der tiefere Sinn auf dem Präsentierteller, den man zwar nicht sieht, ihn aber doch aus dem Lob vieler erkennen kann. weißt, ich bin eine Bäuerin, sozusagen - und verstehe nicht viel von all den Tiefen der Gelehrten. doch lieber ist mir eine aufregende Zeit, ein verschlingen von sinnlosen - aber beschaulich schönen Worten .. als ewig zu graben, um doch nur meine Unpasslichkeit zu finden.  ich grüße euch beide - und leider nicht französisch.
nicht mal damit könnte ich dienen.
die hülli

Jetzt geht es langsam los! Anheizung mit Gegenpolemik.

(Bergmann, 01.01.2007, 17:21)
Zum Zauberberg:
Wer die unheimliche Ironie und Lebensmetaphorik nicht durchschaut, wer schon total versaut ist von den political-correctness-Ansichten wie fast alle hier!, wer längere Sätze noch lesen kann, wer bemerkt, wie der Erzähler mit der Zeit und mit dem Leser spielt, im Guten wie im Bösen (aber das schafft hier ja kaum einer außer mir - und selbst Andrea mica und andere intelligente Autoren wie Dum.Mumbuse und Co. fallen mir mit ihrer unverzeihlichen Ablehnung Thomas Manns, den sie nicht kapieren wollen, in den Rücken), - dem ist nicht zu helfen! Punkt.

(mica, 01.01.2007, 17:40)
Also, was längere Sätze betrifft, steht Grass an der Spitze und: ich liebe ihn. Ich würde doch von mir behaupten, ich besitze die Kondition einen Satz zu lesen und ihn auch zu interpretieren bzw. kognitiv zu verwalten. Sprache spricht an oder spricht nicht an. -
Und, ich nehme mir das Recht heraus, festzustellen, dass Mann in seinem Erzählen nicht mit mir spielt, nein, sogar bei maximaler Hinwendung und Sorgfalt schläfert er mich ein. -
Ich lese gern dicke Bücher. Ich habe u. a. die Karamasows gelesen, ebenfalls ein Buch aus der Zeit der Erzähler. Und, was Mann nicht schafft, schafft Dostojewski: er ist seiner und unserer Zeit um soviel Geist voraus, dass das Buch, dass sein Werk sich selbstredend überdauert ohne - so wie es bei Mann der Fall ist - sich durch einen Namen bewerben zu müssen.
Th. Mann hat Geist, ja. Aber nicht Geist genug, ein Werk von siebenhundert Seite auszufüllen.
Ich falle Mann nicht in den Rücken, nein schlimmer, ich lasse ihn links liegen und ziehe weiter; Fazit: Sprachfülle, ja, jedoch Inhaltsleere. - Th. Mann - überbewertet, völlig überbewertet
Es gibt eine ganz einfache Regel, die erkennen lässt, welche Bücher 'gut' sind und welche nicht: Wenn du Bücher verleihst:
- die guten bekommst du nicht mehr zurück
- die schlechten bekommst du zurück und zumeist findest du zwischen Seite hundert und 200 einen Papierstengel klemmen.. lg

(Bergmann, 02.01.2007, 09:45)
Liebe a-mica,
du übersiehst die Zeit und deine eigene Abhängigkeit von Zeittendenzen. Dostojewski war nicht immer so en vogue wie jetzt wieder, und viele sehr begabte Leser in deinem Alter halten von Dostojewski nicht viel.
Angesichts deiner Begabung aber muss ich sagen: Du liest Th. Mann nicht richtig, jedenfalls bewertest du ihn total falsch. Er gehört in die allererste Reihe der Erzähler. Ich könnte auch behaupten: Bei Dosto wird verdammt viel geschwätzt und vertan - aber das gefällt dir. Du bist verliebt in dein eigenes Lesen, das ist es.
Wenn du Th. Mann Betulichkeit vorwirfst, dann sage ich zu Dostojewski: Viel zu viel Geschwätz und bloß Zeitkolorit oder metaphysischer Schmus.

Und jetzt geht es richtig los!

(don.mombasa, 02.01.2007, 14:30)
Thomas Mann ist - ebenso wie Herr Goethe - absolut überbewertet. Musterbeispiele für das unsägliche Attribut der Deutschen, den schärfsten Blick für das Falsche zu haben. So, und nun lese ich Zeitung. Wenn ich da was Literarisches drin finde, melde ich mich nochmal. (Ansonsten würde ich den Thread auf brigitteske Weise ins off topic stürzen...)
Gerettet! don

(Bergmann, 02.01.2007, 14:49)
Thomas Mann und Goethe überbewertet...?
Solche Aussagen kommen zustande, wenn der Leser unter Wert liest.
Sag(t) einfach nur, ihr mögt TMs Romane nicht, dann ist es gut. Aber so ein Werturteil und dann noch die Verbindung zu einer absolut unsinnigen Pauschalaussage über uns Deutsche - das bringt nichts. …

(Sektfrühstück, 02.01.2007, 15:00)
Gibt es so etwas wie eine kritische Masse an Behauptungen?

(Bergmann, 02.01.2007, 16:54)
Ja, Secke, in der Demokratie - aber das ist nicht gut für die Kunst.

(don.mombasa, 02.01.2007, 17:40)
@ Bergmann: … Jedenfalls würdigen wir die einen zuviel (Mann, Goethe, auch etwa Politiker wie Heuss oder "Sportler" wie Schumi) und andere wiederum - du gebrauchst das richtige Wort am falschen Platze - unter Wert: siehe nur Arno Schmidt. Und Pauschalaussagen muß man nun einmal treffen, wenn man über eine größere Menge Menschen spricht. Wenigstens triffst du eine Aussage über die Demokratie, die Zustimmung verdient. Und damit...

(Bergmann, 02.01.2007, 18:01)
Thomas Mann, Heuss, Schumi - das ist postmodernes Denken auf den Hund gekommen, quasi Donismus.

(don.mombasa, 02.01.2007, 18:04)
Ja, der Hund - auch so ein deutsches Phänomen. Jemand sollte mal all die Teckelvereine zählen, die es bundesweit gibt. Ich tippe auf fünfstellig.
Was mich ein bisschen ärgert an der Diskussion, nein, dem Meinungsaustausch dort oben, ist dieses ganze überheblich wirkende Behaupten. "Mann ist überbewertet". "Dostojewski ist viel zu viel Geschwätz". Das ist wertlos, weil ich nicht weiß, ob es nicht doch bloße Egopflege ist, ein Pfauenrad geschlagen aus der eigenen Meinung. Das wäre gar nicht mal so schlimm, aber, verzeiht mir bitte diese kleine Schwäche, wenn Geister, denen ich so viel mehr zutraue, sich allen Ernstes (oder bin ich jetzt ironieblind?) so herablassen, dann enttäuscht mich das, so dass ich das Hadern anfange und mich in eine leichte Ärgerlichkeit hereinsteigere.
Zugegeben, ich habe mich verstiegen.
Aber sagt mir doch bitte, wieso Ihr denn die Herren Mann oder Goethe für überbewertet haltet beziehungsweise wo Ihr die "unheimliche Ironie" des Zauberberg liegen seht. Das würde mich wirklich interessieren.
So. Genug der epischen Breite. Verzeiht, bitte. Weitermachen.

Erste Entladung des Zorns

(hüllenlos, 02.01.2007, 20:19)
@ Bergmann:
Wenn Sie nur halb so gut wären, wie Sie sich selbst interpretieren, könnten Sie andere an Ihrem ach so beneidenswerten Wissen teilhaben lassen, nicht nur als Lehrkörper. Im Übrigen scheint mir "wer längere Sätze noch lesen kann" nicht passend in der
Aufzählung. Und wer hier was kann, das mögen doch sicher nicht Sie beurteilen wollen, oder?
Ferner möchte ich noch antworten: Jedem das Seine, lieber Bergmann. Einzig an Ihnen scheint jedwede Hilfe verloren... bei solch Übermaß an Selbstverherrlichung. Und: Mir, die ich die Frage in den Thread stellte, war eine Wertung des Inhalts völlig fern. Mir ging in erster Linie um die "Verpackung", die ich überbrücken müsste, um an die Inhalte des Zauberbergs zu kommen. Es ging lediglich um den Zauberberg, nicht um Mann selbst. Doktor Faustus hingegen empfand ich nämlich als eine Erfüllung beim Lesen. Auch wg. der "Verpackung".
Ich für meinen Teil mag nicht ein solch begnadetes, altes und weises Menschenkind sein, wie Sie selbst eines zu sein scheinen, doch sind lange oder kurze Sätze beim Lesen unerheblich (m. E. ). So also: an der Fragestellung vorbei. Sechs. Setzen!
@ andere: Weitermachen. lG, hüllenlos

(mica, 02.01.2007, 21:39)
Hmhmhm.. ich denke nach. - Ich mag Polemik nicht sonderlich. Hingegen einem Meinungsaustausch bin ich nie abgeneigt. Wohl, weiss ich, dass es ein wenig leicht gemacht ist, einen Autor, eine Epoche Literatur über den Kamm zu scheren.
Jede Zeit bringt ihre Autoren hervor, jede Zeit ihre Sprache. Jede Zeit ihren Geist. Meine Aversion Mann gegenüber gewichtet sich bestimmt auch darin, dass ich sämtliche Autoren im Zeitalter des Realismus nicht sonderlich gern lese. Und nochweniger gern Lese ich die Spreche des Bürgertums. - Wenn ich an Fontane denke, an Hesse, an Goethe. - Es ist die Sprache, dieses gespreizte Winden um filigranes Erzählen. Dieses träge, langatmige, dieses ewige Würgen an einem Bild, bis es endlich geboren ist und doch nicht das darstellt, wie ich es mir in einem Lesegefühl wünsche.
Themen, auch Geist und Leben wiederholen sich im Schreiben. Das Geschriebene findet nur immer wieder ander Kleider und ist nebenher durchdrungen von unmittelbarer Bewegungen (gesellschaftlichen, politischen, zwischenmenschlichen, objektiv-subjektiver Art) die eine Zeit mitbringt, die den Schriftsteller beschattet und einnimmt.
Ich habe, weil es mich interessierte, vor einiger Zeit mal in einer Buchhandlung gefragt, wie die Absätze bei diversen Erzählern sind. Weil es mich interessierte. [Natürlich ist eine derartig triviale Meinung und Auskunft keine statistische Erhebung, dennoch fand ich den Gedanken merkenswert.. ] - Die Verkäuferin meinte: auch bei den Lesern entwickelt sich immer mehr eine Zweiklassengesellschaft. Die einen sind jene Leser, die sich Unterhalten lassen Wollen, entführen, abschalten. Die Sprache muss schnell sein, Bilder müssen rasch ineinander fallen, hohes Tempo in der Sprache, Bewegung, Dynamik in der Handlung. Die anderen hingegen sind jene, die gezielt denkbares, anspruchsvolleres, auseinandersetzendes wollen. Nennen wir es im (bedingten) Gegensatz zum Unterhaltenden, - geistreicheres. Das Problem an den großen Erzählern, und damit meine ich, die langlangatmigen Mindestenssechshundertseitenschreiber - von damals: die Leute haben nicht mehr die Zeit sich 900 Seiten einzuverleiben, sie möchten 'zu sagendes' komprimiert. Eine Erzählung ja, aber eben nicht verdünnt mit filigraner Handlung und Beschreibungsneurotik, die leicht ausgespart sein kann ums Wesentliche. - Das ist ein Problem für einen wie Mann z.B., so denke ich. Er hält nicht Tempo mit unserer Zeit, weil sein geistiges Material (das ich ihm ja nicht absprechen möchte) zu ausgedünnt ist, zu gestreckt.
Mann hat eine breite Leserschaft erreicht. In seiner Zeit. Nach seiner Zeit. - Sei ihm zugestanden, dass er was zu sagen, zu erzählen hatte und Gehör fand. Findet.
Ungeachtet dessen ob nun geistreich oder nicht, es sei dahingestellt, so mäßige ich mich und sage: Ich lese Mann nicht gerne. Ich mag seine Sprache nicht und auch seine Zeit nicht sonderlich.
Sei es dies, .. lg

(Bergmann, 03.01.2007, 00:15)
Ein Thread ist ein Meinungsaustausch und keine Unterrichtsstunde. Ich bin hier nicht Lehrer und sehe keine Schüler vor mir - das Problem haben andere hier, ich nicht.
Ich will die feine Ironie Th. Manns hier nicht philologisch erklären, ich schreibe hier (wie gesagt) als Leser und Autor, und ich muss voraussetzen, dass das, worüber hier diskutiert wird, einigermaßen bekannt ist.
Dr. Faustus von Th. Mann ist wesentlich dichter und komplexer als Der Zauberberg. Viel schwieriger zu verstehen. Vom Leser wird erwartet, dass er historische Kenntnisse hat und über Bildung verfügt. Es ist keine veraltete Bildung, die das wesentliche in beiden Romanen Th. Manns ausmacht.
Es ist auch nicht so, dass Th. Mann als bürgerlicher Autor des Spätrealismus filigrane Metaphorik drechselt und seinen Stoff verdünnt. Liebe Andrea, das trifft so auch nicht zu für Dostojewski und Goethe. Die 1000 Seiten Zauberberg (oder die 600 Seiten Doktor Faustus) sind auch viel mehr als ein Spiegel der Zeit, in dem sie entstanden.
Ich erwarte von einem intelligenten, aufgeklärten Menschen unserer Zeit, dass er sich nicht nur der Zeitkürze unserer Zeit folgt und dann schnelle Erzählungen liest. (Ich kenne viele gar nicht so hyperintellektuelle Leser, die ohne Schwierigkeit dicke Romane lesen, auch 'verdünnte' - noch ist der Roman die absolut dominierende epische Form und nicht die Erzählung, Andrea!)
Ich erwarte, dass ein Leser die anfängliche Fremdheit, die ein anspruchsvoller Roman in den ersten 50 Seiten bietet, aushält und überwindet.
Ich erwarte, dass ein Leser bereit ist, längere und größere, komplexere Zusammenhänge zu akzeptieren, ja zu genießen, und dass er mit der Zeit sich als ein Lernender versteht (wie auch ich, bis heute).
Ich denke, es ist unbedingt zu erwarten, dass ein Leser nicht nur die Sprache unserer Zeit versteht, sondern sich auch um ältere Literatur bemüht, aus der unsere heutige hervorgeht.
So geht es mir mit der Kunst - ich liebe Gerhard Richter oder Beuys wie auch die romanische Kunst und die Meister der Renaissance etc.
Wer nicht viel weiß, sollte nicht den beschimpfen, der mehr weiß, - denn dann kann er ja fast gar nichts lesen!
Kritiker Thomas Manns, geht nicht so sehr von euch und euren bescheidenen Standpunkten aus (die euch keiner wegnehmen kann, seid ohne Sorge!), sondern denkt viel mehr an die Erweiterung eures Horizonts! Und denkt dabei nicht an mich, denn indem ihr den vermeintlich arroganten Bergmann ablehnt, habt ihr ja eine wunderbare Entschuldigung für die eigene Borniertheit. Alles was euch nicht ähnlich genug ist, lehnt ihr ja gern als arrogant oder besserwisserisch oder elitär oder sonstwas ab. Euren Fremdenhass halte ich aus. Ich verteidige nur die Literatur eines Thomas Mann, eines Jovan Jovanovic, einer Sarah Kane.

(mica, 03.01.2007, 00:26)
Uli, Literatur mit Fundament verteidigt sich selbst. - Was den hier an|diskutierten Herrn Mann betrifft, - wird die Zukunft weisen.
Ich vertrete meine Meinung, sonst würde ich sie ja nicht herschreiben.
So ist das manchmal: Meinungen sind unterschiedlich - und, es ist wohl das beste was einer Zeit passieren kann: es bewegt sie.. Gute Nacht

(Bergmann, 03.01.2007, 00:33)
Liebe Andrea, nein, so leicht ist es nicht. Wenn sich Literatur allein verteidigt (wie soll das ohne Leser gehen?), hätten wir hier nicht diskutieren müssen.
Natürlich kannst du meinen, was du willst. Tu ich ja auch. Vielleicht meinst du in 10 Jahres was anderes. (Ich in diesem Punkt nicht.) Ich habe schon viele Moden erlebt. Schlaf schön!

(hüllenlos, 03.01.2007, 00:42)
"ich schreibe hier (wie gesagt) als Leser und Autor" … Ach wenn man das nur merken könnte, nur merken könnte... das Wortspiel mit dem Körper wurde zumindest gut übergangen. Im Übrigen muss man kein Schüler sein, um von anderen lernen zu wollen/können. das hat ein menschliches Miteinander so an sich.
Phrasendrescherei, Arroganz und Mutmaßungen allerdings blockieren die Kommunikation, wohl wahr. und diese Einschätzung kommt nicht durch vermeintlichen Neid oder die eigene Dummheit, sondern vielmehr durch den (nicht hörbaren - aber ganz sicher nicht fehl zu deutenden) Ton. …
hmm - lieben Gruß.

(mica, 03.01.2007, 00:42)
Natürlich werde ich in 10 Jahren etwas anderes meinen (sofern ich noch lebe)!
Uli, du weisst genau, wie ich es meine, wenn ich sage: Literatur verteidigt sich selbst. Natürlich setzt es voraus, dass (sie) gelesen wird. Wird sie das, ist es ein Siegeszug, wird sie es nicht: geht sie unter.
Dass Mann ein Spiegel seiner Zeit ist, sagte ich, so wie Du selbst es sagst. Ich bestreite es nicht. Ich sagte nur: ich mag seine sprache nicht und sein stilistisches Geschick.
Was hat das mit Intellekt zu tun?

(Bergmann, 03.01.2007, 00:55)
Andrea, wir (du und ich) streiten hier über keine Kardinalfrage, das ist mir klar.
Zur letzten Frage: Ich bin überzeugt, dass einer, der Literatur liebt, viele verschiedene Stile lieben kann (soll) - und das traue ich dir zu wie mir. Das hat mit dem Intellekt durchaus etwas zu tun. Denn wir können durch Übung und Ausdauer uns mit vielem anfreunden, das wir zunächst total ablehnen. Und daraus erwächst oft Liebe - wie auch nicht selten zwischen Menschen.
Es gibt nur Weniges, das ich - im Bereich der anspruchsvolleren Literatur - aus stilistischen Gründen ablehne, mir fällt auf Anhieb gar nichts ein, selbst Stefan George kann ich gelten lassen, und bei den neueren Autoren will ich noch nicht einmal von Stuckrad-Barre nennen.

(Sektfrühstück, 03.01.2007, 11:04)
@Bergmann:
"Ein Thread ist ein Meinungsaustausch und keine Unterrichtsstunde."
Das will ja auch keiner. Gott bewahre! Das hier fand ich gut:
"Dr. Faustus von Th. Mann ist wesentlich dichter und komplexer als Der Zauberberg. Viel schwieriger zu verstehen. Vom Leser wird erwartet, dass er historische Kenntnisse hat und über Bildung verfügt."
Jetzt weiß ich, warum Du meinst, Dr. Faustus sei dichter als Der Zauberberg, auch wenn ich die Begründung mangels Kenntnis nicht nachprüfen kann. Jetzt habe ich einen Hinweis darauf, was mich in den Romanen erwartet. Weiterhin zwar "nur" deine Meinung, aber so mag ich der doch viel mehr Vertrauen schenken, als wenn sie sich auf ein "Mann ist toll und wer ihn nicht mag ist unfähig" beschränkte.
Den Hinweis auf "bescheidene Standpunkte" bei den Kritikern Thomas Manns finde ich dann wiederum schwach. Das klingt, als wärst Du beleidigt, weil jemand deine Religion infrage stellt, als fändest Du die Standpunkte allein deswegen bescheiden, weil sie wider den Propheten Thomas Mann sind.
Come on, hin und wieder ein kleines Wörtchen der Begründung, ein Hinweis darauf, dass Du nicht bloß zeterst, dürfte Dich nicht überfordern.
Das gilt im Übrigen nicht nur für Dich: Auch bei don bin ich mir nicht sicher, ob er die Herren Mann und Goethe nicht allein deswegen ablehnt, weil ihre Akzeptanz etabliert ist. Ich habe das "nä—dö—nä—dö—nä—dö—nä—dö—nä—dö—nä—dö—…"-Spiel noch nie gemocht.

(don.mombasa, 03.01.2007, 16:03)
@ Secke: Goethe konnte Tiefsinniges in beachtliche Reimform packen; Prosa schreiben konnte er - soweit ich das beurteilen kann, alles habe ich nicht gelesen - kaum. Th. Mann war ein exzellenter Schreiber, aber er hat sehr wenig Unterhaltungswert. Schon bei "Tod in Venedig" vermurkst er das delikate Sujet, die "Buddenbrooks" mußte ich, allem guten Willen zum Trotz, abbrechen, weil es einfach ein einziges Gähnen ist, obwohl auch da ein vielversprechendes Plot zugrundeliegt.
Sie gehören beide anerkannt und beachtet, aber sie bekommen etwas zu viel des Guten ab. Thomas ist meiner Meinung nicht der herausragende Mann, sondern sollte nur neben Klaus und Heinrich stehen, nicht über ihnen. Und Goethe ist vielleicht in seiner Gesamtheit etwas bemerkenswerter als andere Dichter und Denker, weil er nebenbei noch ein begabter Naturwissenschaftler war. Aber daß nun sein literarisches Schaffen bemerkenswerter sein soll, daß er überall an erster Stelle genannt wird, wenn es um großew deutsche Schreiber geht - nö. Was ist mit Schiller, Lessing, Kleist, Storm?
@ Herr Bergmann: Geben Sie dem hohen Roß ruhig die Sporen; wenn Sie absteigen, wird's hier langweilig.

Und nun kommt’s – der gleichzeitige Off Topic Orgasmus!

(Bergmann, 03.01.2007, 16:44)
Lieber Don,
dein Beitrag zeigt wieder einmal, dass du absolut keine Ahnung von Literatur und Literaturgeschichte hast, sondern irgendeiner Trotzideologie folgst, die sehr wahrscheinlich noch postpubertär in dir steckt.
Lessing, Kleist, Büchner, Schiller... sind doch alle da! Sind doch geschätzt! Was willst du? Thomas Mann neben Klaus und Heinrich - sag mal, wo bist du denn zur Schule gegangen, wo hast du denn solche Trotzideen her?
Heinrich Mann ist doch ebenfalls sehr bedeutend! Er hat den Henri Quatre, den Untertan und den Professor Unrat (Der Blaue Engel) geschrieben. Aber das ist nicht annähernd das, was Thomas leistete: Th. Mann schrieb DEN europäischen Roman des Bürgertums (das ja als Klasse noch längst nicht abgedankt hat!). Der Zauberberg und Doktor Faustus sind zwei weitere Romane mit solch einem europäischen Zuschnitt - und Felix Krull auch!
Weißt du was dich stört: Dich stört es, wenn Leute nicht so wie kleine Pinscher daherwackeln mit dem eingeklemmten Bescheidenheitsschwanz. Dich stört, wenn das Genie sich vor dir aufstellt wie ein schöner, starker Pfau - weil du Angst hast vor seinen großen Flügeln!
Da verkriechst du dich lieber in deiner Kleineleute-Demokratie-Haltung und spielst den schlauen Proletarier und Polizistenschreck, demonstrierst deine Kindlichkeit, als wär das was Tolles und Verteidigenswertes.
Alles was nicht so klein wie du ist, das ist dann alt und weise und langweilig und derlei mehr, - ja weil du selbst dich zu klein hältst!
Du wolltest eine Antwort - hier hast du sie!

(don.mombasa, 03.01.2007, 17:00)
Na also.
Wer, werter Herr Bergmann, flüstert dir denn ein, daß es sich bei dem öden (wenn auch handwerklich guten) Schinken um "DEN europäischen Roman des Bürgertums" handelt? Du selbst, ein Standard-Lehrwerk oder das Kultusministerium NRW?
Dein Problem ist die Bequemlichkeit. Kleist, Büchner, sind ja alle da. Und Thomas' Verwandtschaft auch, super, dürfen sie ja auch alle. Aber nur, solange die unumstößliche Wahrheit nicht angerührt wird, sie hätten nicht annähernd das geleistet etc. blabla. Da hst du es dir gemütlich gemacht. Ich - postpubertär? Du - altersschwach. Ich habe den Eindruck, daß du hier genau das von dir gibst, was du seit Urzeiten irgendwelchen desinteressierten Schülerbanausen einzutrichtern suchst. Die sollen ja auch lernen, welche ihrer landsmännischen Vorfahren Großes vollbracht haben, und sicher sorgt es nur für Derangiertheit im Gefüge, wenn man vom Vorgefertigten abweicht.
Es mag durchaus sein, daß du mehr Ahnung hast von Literaturgeschichte, hast sie ja studiert und bist knapp siebzig Jahre älter als ich, das schlägt sich nieder. Ich aber habe noch eine lebendige Wahrnehmung und Meinungsbildung. Ich bin kein Wiederkäuer und wohne auch nicht unter einer Staubschicht.
Zur Schule gegangen bin ich übrigens da, wo solche Herrlichkeiten wie du sich tummeln, auf ein staatliches Gymnasium, wo auch sonst. Weder Klaus noch Heinrich haben dort eine Rolle gespielt, ebenso wenig Büchner oder Storm. Thomas Mann. Goethe. Schiller. Ein klein wenig Lessing. Aber hauptsächlich Goethe. Achja, und Effi Briest, also auch ein kleine wenig Fontane.
Auf sämtliche deiner themenfernen Abstürze (Demokratiehaltung, Trotzideologie) gehe ich jetzt mal nicht ein. Hast du (dich) schon für den off-topic-Award gewählt?

Langsames Abklingen der Erregung - Nachspiel

(Bergmann, 04.01.2007, 03:30)
Tja. Don, merkst du nicht, dass du ein Selbsttor nach dem anderen schießt?
Du musst ja verdammt schlechte Lehrer gehabt haben, wenn ich so deine Unterstellungen lese - oder, was viel wahrscheinlicher ist, du warst (und bist) ein absolut lernunfähiger Schüler, der nichts blickt.
Du bist aus deiner schülerhaften Ablehnung von Selbstdisziplin und Lernbereitschaft noch nicht herausgekommen. Schlimm.
Du bist in deinem Literaturverständnis noch nicht einmal bis zum Jahr 1900 vorgedrungen, und dieses Schicksal teilst du in populistischer Selbstzufriedenheit mit den meisten KV-Autoren. Schlimm.
Mich verstehst du nicht einmal im Ansatz.

(don.mombasa, 04.01.2007, 08:44)
Wobei angemerkt werden muß, daß du deinerseits schon seit drei Beiträgen nicht über Unterstellungen hinausgelangst und - das ist wirklich schlimm - nun wieder an dem Punkt angelangt bist, an dem du bejammerst, die ach so niedrigen Mituser verstünden dich nicht. Ein Schicksal, daß du sicher mit vielen anderen Größenwahnsinnigen teilst.

(Bergmann, 04.01.2007, 10:55)
Don, es ist, wie es ist, nimm dich an in deiner Kleinheit und versuche nicht, über deine Möglichkeiten hinauszuwachsen, diese Erektion gelingt dir nicht. Aber selig sind auch die Armen im Geiste, denn sie wissen kaum, was sie tun. Te absolvo. Gott liebt dich in seiner großen Güte trotzdem. Amen.

Fazit
Die Sachlichkeit blieb auf der Strecke – nur kommunikativ lief was ab. Der alte Streit, der alte Spaß. Die Verteidigung Thomas Manns: Wieder mal gescheitert.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (05.01.07)
Ich habe natürlich auch noch mal darüber nachgedacht. Gut, die Sprache, der Stil des allwissenden Erzählers behagt dir nicht, dir ist ein subjektiver Erzähler zeitgemäßer, authentischer. Das verstehe ich gut - gerade in unserer Zeit. Allerdings: Wenn wir es genau betrachten, gelangt Thomas Mann, der allwissende "Erzähler des raunenden Imperfekts" über den Gültigkeitsanspruch des subjektiven Erzählens nicht hinaus. Am Schluss des Zauberbergs scheint das auf: Da lässt der erzähler zwar seine Figur fallen wie ein enttäuschter Gott, aber er ist nicht frei von Gefühl.
Ich kann es nicht ändern, du wirst von der Sprache Thomas Manns nicht er-griffen. Mir geht es genau umgekehrt (aber es ist in meinem fall kein Generationenproblem, denn ich liebe ja auch Autoren, die du liebst): Ich kann das letzte Kapitel des Zauberbergs (oder der Buddenbrooks) laut lesen und komme fast in Rausch wegen der musikalischen Gestaltung und der humanistischen Ironie des Erzähltons.
Aber Streit darüber lohnt sich allemal. es geht ja nie nur um ein Detail, sondern immer um das Verständnis und den Begriff von Literatur - und um die Bestimmung des eigenen Standpunkts.

 Theseusel (05.01.07)
Diese Zusammenstellung ist allemal lesenswert; war sie schon in ihrer Dramaturgie in den Foren! Ich stelle mir jetzt einen Interessenten vor, der sein erstes "richtiges" Buch lesen will.

Wenn er Bergmann glaubt, besorgt er sich sofort das Buch und beginnt zu lesen ... wenn er der ablehnenden Fraktion glaubt, spart er sich die Zeit, das Geld und läßt Thomas Mann weiter an seinen müffelnden norddeutschen Kaufmanns-Socken schnüffeln.

Wozu sollte man ihm raten?*grübel*

 Bergmann (05.01.07)
Die Ablehnung Thomas Manns hier auf KV tut mir weh, ich kann es nicht leugnen. Aber es tut mir nicht weh, weil ich TM so schätze, sondern weil eine solche Literatur es einfach nicht verdient, so ignoriert zu werden.

 Bergmann (08.01.07)
Warum mir Thomas Mann so wichtig war und immer noch ist, und warum ich denke, dass er immer noch bedeutend ist und NICHT ZEITGEBUNDEN, das schreibe ich bald in einem Text auf meiner Autorenseite (oder in einem Thread), mal sehen.
Ich weiß es genau - es sind vier Themen, das sage ich schon hier:
Weltflucht - Wissen und Erkenntnis - Ich-Werdung - Liebe.

 Theseusel (11.01.07)
Bitte in einem Thread! In den letzten Tagen habe ich das Buch nach vielen Jahren noch einmal (diesmal nicht widerwillig) gelesen ... ich brauchte keine 50 sondern nur 37 Seiten, um mich fangen zu lassen!

 Bergmann (02.03.07)
Meine Ähnlichkeit mit Settembrini?
Ja, vielleicht - Schüler haben mich vor 7 Jahren in einem Abi-Zeitungsartikel Uli Settembrini genannt...

 apple (11.05.07)
Sicherlich ist mein Kommentar hier völlig unzureichend und wird der ganzen Diskussion auch überhaupt nicht gerecht; aber da Du sagst: Die Ablehnung, die dem großen Meister hier entgegen schlägt, tue Dir weh. Ich liebe ihn. Sentimentalst: D.

 Bergmann (13.04.08)
Dostojewski ... eine andere Welt, ich würde beide nicht gegenüberstellen... Aber ich freue mich, dass der Zauberberg(mann) dich erreicht
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