KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 01. Januar 2008, 22:31
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GIGANTISCHE MINIATUREN - I. Prosa (1)

Es gibt einige gute Schreiber hier, deren Texte zu lesen sich lohnt – unter den z. Z. 1965 Autoren und ‚Autorinnen’ habe ich die Texte von 50 Autoren abonniert. Ich werde aber hier nicht alle aufzählen, sondern nur einige Namen nennen, um die Haupttypen der hier erscheinenden Texte zu charakterisieren.

Grundsätzlich: Die Literatur, die hier geschrieben wird, passt sich dem Medium an: Wenn der Text auf dem Bildschirm ganz erscheinen kann, dann ist das ideal. Das bedeutet, dass besonders Gedichte geeignet sind, aber auch kleine Prosatexte, die Tagebucheintragungen sind oder ihnen ähneln, Gedanken-Skizzen, Satiren …

Ein beliebter Texttyp ist der innere Monolog für Gedanken und Gefühle in bestimmten Lebenssituationen. Sehr oft dominiert hier die Liebe. Gut formulierte Prosaminiaturen schreibt vor allem mica, die junge Grande Dame der KV-Poesie. Ihre inneren Monologe sind farbenreich und tragen Bilder voller Witz; oft sind lyrische Partien eingewoben; diese Texte entfalten sich manchmal aus der Tradition von Texten Ingeborg Bachmanns ("Malina"), sie sind aber eigen, originär, ganz vielfältig strukturiert, manchmal auch optisch. Ich denke, mica ist die Variantenreichste in diesem Genre.

Auch die inneren Monologe von Alpha (viele Formen und Ideen!), alois5 (Neigung zu mystischen Bildern), minze (Balance von Sexualität und seelischer Nähe), LunAe (auf der Suche nach der Idealität der Liebe), ichi-jo, mondenkind und bratmiez (die Kleinmeisterin der melodramatischen Situationen, oft eingebettet ins ganz Alltägliche und mit viel Humor angemischt) bieten viel Abwechslung und sind sehr lesenswert.

Die Gefahr solcher Texte ist die schnelle Ermüdung des Lesers: Der hat – vor allem wenn es um die Liebe geht, alles schon mal so ähnlich gelesen, und oft geht es um allzu Gleiches: Neue Liebe, Nichtverstehen, Trennung… Nicht selten geraten solche Texte allzu sehr wie selbsttherapeutische Maßnahmen. Da wäre es oft besser, wenn sich die AutorInnen nicht permanent unter Zwang zur Veröffentlichung sähen.

Ein anderer Typ ist die experimentelle Kurz-Prosa. Hier ist für mich einer der kühnsten und einfallsreichsten Schreiber darkjoghurt. Bei ihm ist alles möglich. Träume werden zu comic-artigen Surrealkonstrukten verarbeitet. Sexualität und alles, was der Körper braucht, wird angesprochen. Der junge Autor ist sehr gebildet und räumt z. B. der klassischen Musik einen guten Platz in seinen Gedanken ein. Andererseits sind ihm die modernsten Fragmente des Seins nicht fremd, und so kombiniert er seine Texte mit Fotos aus dem Alltag, er dimensioniert die kleinen Dinge des Haushalts neu, es entstehen manchmal kleine Phantasy-Geschichten, ironische Pillenromane, und die Atmosphäre von SPUN (diesem grandiosen Crystal-Film zum Leben im Rausch der Vitamin- und Medikamenten-Destille) kann hier aufscheinen…
Mir fällt in dieser Hinsicht nur noch eldude ein, der schreibt auch solche gigantischen Miniaturen.

Schließlich die Kurzsatire mit einer gewissen Ausweitung zum Comical – dieser Typ wird vor allem gepflegt von Don.Mombasa. TomMüller schrieb früher auch Satiren, oder vain. Manche Texte von darkjoghurt oder eldude, ja sogar Elias, gehen in die satirische Richtung. Jedenfalls ist Don.Mombasa hier wohl der Auffälligste. Er kombiniert seine oft politischen Satiren gern mit eigenen Zeichnungen (über deren Qualität ich hier lieber nichts sage) und Fotos. Er liebt und lebt seinen Narzissmus teils sehr originell aus. Die Haltung seiner Satiren, darunter funkelnder Kunstdiamantenstaub, ist oft die des underdog, der sich gegen die da oben richtet. Die Übertreibung gelingt ihm immer, und das geht in dieser Textart auch nicht anders. Satire darf alles, sagte Tucholsky - Don.Mombasa sagt außerdem: Sie kann alles! Und das sehen wir dann etwa in der Apotheose seines von ihm designten Küchenrollenhalters…

Für mich fängt die interessante Literatur da an, wo ich mich wundere, wenn ich nicht gleich alles verstehe... Viele finden leider nur das gut, wo sie sich gefühlsmäßig abgeholt fühlen, und das zeigen auch oft die Kommentare („Oh, ich kenne das gut, was du da beschreibst...!“ oder „Ja, ich hab das auch schon erlebt“ oder „Ich weiß, Herzschwester, wovon du sprichst…“).

Ich bin für das Ungewohnte - und davon gibt es zum Glück viel hier. Ich entdecke immer wieder Neues und verfolge den Werdegang mancher Autoren mit dem größten Interesse, vor allem wenn ich sehe, wie gerungen wird um neue Formen, Stile, Veränderungen...


Ulrich Bergmann

[Nächste Woche folgt Teil II. Lyrik]

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

Sektfrühstück (41)
(12.01.07)
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 Theseusel (12.01.07)
Da bleibt eigentlich nur noch sich dem Kommentar von Secke anzuschließen. Die Verknüpfungen, die Du hier zu den jeweiligen Autoren ziehst, Klicks & Cliquen mit Leben füllst, lassen mich Deine Kolumne nicht erst mit diesem Beitrag wie den "Spiegel" erwarten. Sie wird immer interessanter und sollte kein Nischendasein fristen!
Jonathan (59)
(12.01.07)
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 Bergmann (13.01.07)
Dank für die Ermutigung!
Und, lieber Don, ich habe mich über deine Worte sogar mal gefreut, ein bisschen jedenfalls. Vom Zapfenstreich hast du aber keine Ahnung, denke ich. Und von meiner Hingabe, die das Beamtengesetz von mir verlangt und die ich leidenschaftlich gern hergebe, hast du keinen Schimmer. Sapere aude!
Elias† (63)
(13.01.07)
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 Bergmann (14.01.07)
Ja, nächsten Freitag kommst du dran.

 Bergmann (15.01.07)
Wie? Wir sind schon verheiratet!

 Bergmann (17.01.07)
Keiner, wir waren beide keine Jungfrauen mehr, wenn du verstehst, was ich meine.
Elias† (63)
(19.01.07)
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