KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 03. November 2009, 10:31
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TAGSCHLÄFERIN - Ravna. II. Lyrik (3)

Ich stelle heute Ravna vor, eine kraftvoll formulierende Lyrikerin. Ihre sehr dichten Texte sind subtil in ihrer Sprache und in den literarischen Kontexten, in denen die Inhalte stehen. Trotz aller Klarheit in solchen Bezügen bergen und entfalten die Gedichte eine weitgreifende Polyvalenz. Es sind Gedichte mit existentiellem Kern. Ravna ist noch jung – wenn sie so weiterschreibt, werden ihre Gedichte immer (ge)wichtiger. Ich halte sie für ein großes Talent.

Ravna, 1986 geboren, von Beruf Studentin und z. Z. „tätig als Tagschläferin“, kommt aus Berlin. Sie bezeichnet sich selbst als „intelligent, schön, atemberaubend, [eine] egoistisch motivierte altruistin.“


von den rabenklippen

I


das schlafverschleierte meer
ist mir zur heimat geworden.

meine ulmen und ebereschen
brauchen keine wurzeln mehr.

an die grenzen rudernd
finde ich keinen horizont.

dies ist mein winterblau.


II

das jahr zählt kalte tage heim
in meiner bitterung geboren.

das holz hat kerben geschlagen,
schon trägt die zeit tiefe wurzeln.

rettungslos alles rudern, rufen,
fernblick stößt an engere wände.

dies ist mein sommerblau.


Dieses Diptychon gefällt mir gleich, aber beim zweiten Lesen noch besser. Ich wage es kaum zu deuten – der erste Teil endet im „winterblau“, dabei ‚erzählen’ die Verse zunächst vom Gelingen einer Suche: Ich habe Heimat gefunden. Aber es ist keine Heimat, wie die meisten sie suchen. Dem hier Suchenden wird ein schlafverschleiertes Meer zur Heimat – das ist ein Bild für das Unbewusste und die Nichterkenntnis. Gleich danach heißt es: „meine ulmen und ebereschen / brauchen keine wurzeln mehr“ – der Angekommene wird wie seine Bäume selber keine Wurzeln mehr brauchen, könnte man denken. Aber es ist noch anders: Er hält es nicht aus im Unbewussten und will weiter, rudert an die Grenzen und findet keinen Horizont – ich denke, das ist ein Bild für das Prozessuale unseres Lebens, für die Rastlosigkeit und Heimatlosigkeit. So klar und schön wie Winterblau ist Erkenntnisunmöglichkeit.

Der zweite Teil endet mit den Worten: „dies ist mein sommerblau“ – aber das Leben ist hart: „das jahr zählt kalte tage heim“ – wortspielerisch wird heimzählen auf Heimat rückbezogen. Immer deutlicher wird: Das Leben ist kein Spiel ohne Grenzen, ich bin „in meiner bitterung geboren“. Anfangs dachte ich, dass das lyrische Ich aus der Perspektive Jesu Christi spricht: Ich bin der vom Leben Gekreuzigte (imitatio Christi). Der letzte Vers erschien mir wie eine Einbildung – dass ich noch verschont bin von Tod und Enge. Aber: In der erneuten Spiegelung zum ersten Teil schlägt nun die Zeit Wurzeln, findet Heimat, die ist begrenzt, irgendwann wird der Zeitbaum sterben. Zeitlosigkeit gewinnen wir nur im Vorwärtsschreiten, in der Transzendierung aller Wurzeln. Aber auch das scheitert: „rettungslos alles rudern, rufen, / fernblick stößt an engere wände.“ Es gibt nichts, was wir erkennen könnten: Keinen Lebenssinn, der gegeben wäre, es gibt keinen Gott, es gibt nur den Sinn, den wir selbst setzen – vielleicht ist diese Einsamkeit die conditio sine qua non für die Freiheit, die mich wärmt: „dies ist mein sommerblau.“



Maria Aegyptiaca

asche gewordenes nimbusfeuer
rankt noch an deinem haupt
im tod erst gibt der wolf
gibt erst das tier sich auf
47 verbrannte jahre
an drei broten gezählt
maria und dein vermartertes


Das Gedicht bezieht sich auf das burned out des Heiligenscheins, Maria verbraucht - dann das Thema des Todes, wieder Endzeit, hier das Ende der animalischen Lebenskraft - dann kommt das Wort: verbrannt, jetzt bezogen auf menschliches Leben, ein Bezug zum biblischen Brot (und eventuell zur Trinität) wird hergestellt, die 47 Jahre beziehen sich auf die Heiligenlegende der Maria Aegyptiaca. Im siebten Vers zeigt sich ein lyrisches Ich, das sich einem allgemeinen Du zuwendet - jetzt wird unser Leben bezogen auf ein heiliges. Dein Leben ist vermartert, vielleicht eine Anspielung auf Christi Nachfolge. Das Gedicht überwindet jedoch die theologische Dimension.

Anmerkung:
Maria Aegyptiaca , Maria v. Ägypten, Heilige und Büßerin.

Nachdem sie aus Neugierde Pilger nach Jerusalem begleitet hatte, wurde Maria von einer unsichtbaren Macht daran gehindert, die heilige Stätte zu betreten. Durch ein Marienbild bewegt, wurde sie sich ihrer Sündhaftigkeit bewusst. Von drei Münzen, die ihr ein Unbekannter geschenkt hatte, kaufte sie drei Brote und zog sich in die Wildnis jenseits des Jordan zurück. Maria lebte dort ein Leben in strenger Buße, bis sie nach siebenundvierzig Jahren, vollkommen mit Haaren bedeckt, von dem Mönch Zosimus gefunden wurde. Nachdem sie die Kommunion empfangen hatte, bat sie den frommen Mann, nach einem Jahr wiederzukommen. Nach Ablauf dieser Zeit suchte sie der Mönch auf und fand sie tot am Boden liegend, neben ihr die Bitte in den Sand geritzt, dass man sie begraben möge.
Einer anderen Version nach hielt Maria Aegyptiaca einen Brief in der Hand, in dem die Bitte stand und ihr bis dahin unbekannter Name dem Mönch mitgeteilt wurde. Während Zosimus noch überlegte, kam ein Löwe und grub mit seinen Pranken das Grab für die Büßerin. Attribute der Heiligen sind drei Brote und ein Fellkleid.

(K. KUNZE, Studien zur Legende der hl. M. im dt. Sprachgebiet, Berlin 1969.)

Ulrich Bergmann

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 BrigitteG (02.02.07)
Deine Kolumne erinnert mich daran, dass ich meine alten ravna-Empfehlungen mal wieder auffrischen muss... (auch wenn es sicher andere sind als bei Dir).
Sektfrühstück (41)
(02.02.07)
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 apple (20.02.07)
Ravna schätze ich sehr (altertümeldn gesprochen). Am stärksten finde ich ja übrigens  Das Mahl in der Vollversion. - Aber klar: Hier geht es um Lyrik, hab' ich gerade die Überschrift vergessen. Verzeih - Der §§-Stau. - Macht immer Spaß, Deine Kolumne.
j.
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