KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Dienstag, 21. April 2009, 14:11
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DIE UNRUHE DER JUGEND

141. Kolumne

„Volksverhetzung begeht, wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt, zur Gewalt und Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder sie beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet." (1)

So lautet ein gezielter Vorwurf des Republikanischen Clubs in Köln gegen die Springer-Presse. Denn ein Jahr zuvor, im Sommer 1967, kam es nicht nur zu „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen" (2), wie BILD propagierte, sondern der Berliner Student Benno Ohnesorg wurde von den Pistolenschüssen eines Polizisten getötet. Spätestens seit diesem Vorfall kennzeichnet der Ausdruck Studentenunruhen kaum noch die Situation der politischen Unruhen in Westdeutschland - die inneruniversitären Auseinandersetzungen sind längst auf weite Teile der Jugend übergesprungen und haben immer größere Teile unserer Gesellschaft, unabhängig von Alter und sozialem Status, ergriffen. In die Gesellschaft kam soviel Diskussionsbewegung, daß vielfach von einem Prozeß der Bewußtwerdung gesprochen wird, wie er zur Zeit Lessings die Schichten der europäischen Bourgeoisie erfaßte.

Stehen wir heute im Zeitalter einer Zweiten Aufklärung? Bislang sprechen alle Anzeichen mehr für eine politische Sturm-und-Drang-Bewegung, deren Konsolidierung allerdings schon bevorzustehen scheint - der Vergleich mit der literaturhistorischen Entwicklung drängt sich auf, was die politische Atmosphäre angeht, - nur verläuft diese Entwicklung in entgegengesetzter Richtung: Die Zweite Aufklärung hat erst noch stattzufinden.
Denn weitgehend entspricht nun die Praxis der Bewußtmachung einer politischen Guerilla-Taktik, deren Provokationen und Gewaltmaßnahmen die Mißstände der westdeutschen Republik entlarven sollten, um die Voraussetzungen einer Bewußtwerdung erst einmal zu schaffen. Die Beweggründe solcher genauso gezielten wie symptomatischen Unruhen sind vielgestaltig, und im selben Maße scheinen dies auch die Ziele zu sein, die vielfach an den Beweggründen abgelesen werden können.

Das problematische Wechselverhältnis von Autorität und Mitbestimmung nimmt im Bereich der Beweggründe und Zielvorstellungen wohl eine zentrale Stellung ein: Das betrifft nicht nur die individuelle Sphäre der zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern - sich von hier aus fortpflanzend - auch das Problem von Verfassung und Gesellschaftsstruktur.
Mit einer spekulativen Ausweitung des allgemeinen Generationenproblems ist denn auch das Verständnis antiautoritärer Verhaltensweisen jugendlicher Kritiker nicht nachzuvollziehen. Vielmehr erfordert die Beantwortung eine historische Betrachtungsweise der Situation, in der unsere Jugend sich heute befindet: Hier bezeichnet das Wort von der unbewältigten Vergangenheit immer noch eine unbewältigte Realität.
Denn in der Meinung und Erfahrung vieler Jugendlicher lebt die ideologische Kraft des Dritten Reichs, welche vom Scheitern der Weimarer Republik nur gestärkt wird und zudem das Mißtrauen gegenüber demokratischer Verfassungswirklichkeit schürt, im autoritären Verhalten großer Teile der Erwachsenenwelt weiter. Wenn Langbehn im vorigen Jahrhundert noch meinte, ein Volk lerne aus seiner Geschichte, so scheint den Jugendlichen gerade die Zeit des CDU-Staates diese Auffassung zu widerlegen. Die Negierung geschichtlicher Entwicklungen und Resultate, wie sie sich in der Nichtanerkennungs-Ideologie der CDU-Außenpolitik ausdrückte, vollziehen sie nicht mit. So neigen sie dem Geschichtsbewußtsein aus der Epoche der Aufklärung zu, welche den geschichtlichen Lernprozeß nur für realisierbar im Einzelmenschen hält - es ist dies der Kantsche Aufklärungsgedanke von der Mündigkeit des Einzelnen (3)
Nicht von ungefähr wurzelt die Bewegung kritischer Jugendlicher also auch in der Aufklärung, die als erste Geistesbewegung den Abstieg von „Autorität“ zu „autoritär“ verurteilte und in ihr Programm (eines allerdings noch bürgerlichen) Bewußtmachungsprozesses aufnahm.

Die im Erziehungs- und Schulungsprozeß stehende Jugend spürt die aus wilhelminischer und nationalsozialistischer Zeit genährte Ideologie einer weitgehend autoritären Erziehungsweise umso empfindlicher, als die staatlichen Organe sich heute vom Geist des Dritten Reiches zu befreien versuchen. Gerade in diesem geschichtlichen Wandlungsprozeß setzt jede einzelne konkrete Diskrepanz zwischen geschriebener Verfassung und tatsächlichem Handeln der Erziehungsverantwortlichen das Grundgesetz in ein fragwürdiges Licht. Das öffentlich ermöglichte kritische Bewußtsein der Jugendlichen sieht daher in autoritär erziehenden ‚Autoritäten’, welche ihr Gewissen nicht mehr zu akzeptieren vermag, ganz konsequenterweise falsche, nur eingesetzte Autoritäten. So erscheint ihnen die Verfassung oft nur als Bemäntelung wirklicher Zustände. Hinzu kommt der parlamentarische Machtschwund, auf den noch einzugehen sein wird.

Mit autoritärer Erziehung geht autoritäre Schulung, Ausbildung und in jüngster Zeit auch die „Meinungsdiktatur“ konzentrierter Pressekonzerne einher.
Kaum ein anderes Beispiel aus dem Bereich der öffentlichen Meinung weist so deutlich auf die Monopolisierung der Meinung des einzelnen hin wie die Springer-Presse, nirgendwo konnte sich jugendliche Kritik denn auch so engagiert entzünden wie an der Verflechtung von Kapital und den Meinungsdirektiven des Presse-Cäsaren. Viele Jugendliche sehen das konservative Weltbild Axel Springers und seiner Redakteure eingewickelt in ein plebiszitär anmutendes panem et circenses, das in ihren Augen keine demokratische Grundhaltung aufweist. In der Tat zeigen sich staatliche Instanzen und die übrige Presse immer weniger gewachsen, den ochlokratischen Tendenzen des expansionsmächtigen Presse-Imperiums Einhalt zu gebieten. Zu sehr kam es in den letzten Jahren zu einem gegenseitigen Manipulationsverhältnis.

„Die Losung ‚Enteignet Springer!’ zeigte zunächst den Punkt an, wo dieser moralische Protest politische Züge gewinnen konnte. Er schloß die Erkenntnis der Komplicenherrschaft zwischen den herrschenden Machteliten und dem Springer-Konzern mit ein.“ (4)

Die Losung zeigt aber auch an, wie die Kritik an den Autoritäten übergeht in eine Kritik an der westdeutschen Gesellschaftsstruktur. Wenn sich die Jugendlichen nämlich fragen, wie denn Autorität im meinungspolitischen Bereich derart mißbraucht werden könne, so sehen sie den Nährboden für solchen Mißbrauch in einer kapitalistischen Gesellschaftsstruktur, was auch immer sie darunter verstehen mögen.
Ohne Zweifel existiert nicht nur eine geistesgeschichtliche Grundlage für das Walten von Autorität, sondern auch eine rein formale, will heißen, gesellschaftsstrukturelle. Und die steht in inniger Wechselwirkung mit der jeweiligen Verfassung, die sich ein Volk gibt. Aber daran schließt sich gleich die Frage, ob denn überhaupt ein contrat social stattgefunden habe.
Am allerwenigsten können jugendliche Kritiker einen contrat social in den Universitätsverfassungen erkennen. Als ob es nach geschichtlicher Gesetzmäßigkeit zuginge, rekrutierte sich reformwillige Kritik zunächst in den Reihen der lernenden Elite, und genauso gesetzmäßig wächst sich das Reformstreben in eine revolutionäre Theorie aus.
Wenn nämlich bewußte Provokation mit dem Ziel der Bewußtmachung in der Erkenntnis endet, die Massen seien lethargisch und mithin unmündig, so kommt es eigentlich ganz zwangsläufig dazu, daß eine Ideologie geschaffen wird, welche die Massen ergreifen soll - und diese Ideologie kann nur revolutionären Inhalt aufweisen: Die Mündigen zwingen den Unmündigen ihr Glück auf.

Drei Jahrzehnte hat die jugendliche Lernelite an die evolutionäre Idee geglaubt, oder sie hat einfach resigniert, je nachdem, wie sie Camus, Sartre und Heidegger aufgefaßt hat. Nun aber legten die Mißstände an den Universitäten immer mehr die Fragwürdigkeit professoraler Autoritäten an den Tag. Das Schlagwort von der repressiven Toleranz (5) grassierte wie eine Pest: die aufbegehrenden Studenten sahen in der Ordinarienstruktur ihrer Universität nur eine wissenschaftlich neutrale Toleranz verwirklicht. Nicht länger wollten sie die Unterordnung der Toleranz unter autoritäres Verhalten dulden.
Als sich zudem herausstellte, daß ihnen jegliches Recht auf Mitbestimmung verwehrt wurde, faßten sie die Situation, die sie an den Universitäten vorfanden, als in die gesamte Gesellschaftsstruktur eingebettet auf.
So kam es zu einer Ausweitung der zunächst isolierten Studentenunruhen auf allgemeine Jugendunruhen. Die Forderung nach Mitbestimmung drang in den Theaterbereich, und neuerdings werden auch viele Lehrlinge von ihr erfaßt. Heute können wir beobachten, wie immer mehr Minderheiten verschiedener Gesellschaftsschichten mobilisiert werden, ihrem Verlangen nach Mitbestimmung und Mitverantwortung - und das bedeutet doch stets antiautoritäres Denkverhalten - Ausdruck zu verleihen.

„... Die Waffen der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein, ist die Sache an der Wurzel zu fassen. Die Wurzel für den Menschen aber ist der Mensch selbst ...“ (6)

Es ist bezeichnend, daß die Neue Linke sich vor allem auf den früheren Marx bezieht, und sich dadurch in einen prinzipiellen Gegensatz zum dogmatischen Marxismus östlichen Musters stellt. (7) Sie sucht zu den Wurzeln des ursprünglichen Marxismus zurückzustreben, wie es dem Franzosen Jean Lefèvre vorschwebt, der die westdeutsche Jugendbewegung ebenso beeinflußt hat wie Marcuse, Abendroth und Adorno.
Denn gerade in einer Welt fragwürdiger Wertmaßstäbe kommt jene Paradiesvorstellung nach Marcuse-Muster wieder zum Zuge, wie sie Marx mit der Auflösung des Staates umschrieben hat. Daher gewinnt die Radikalisierung als Mittel, diese fragwürdigen Werte zu entlarven, an Bedeutung.
Wieder gilt es, die elitäre Auffassung des Begriffes Autorität zu bekämpfen, und der parlamentarische Autoritätsschwund während der Zeit der Großen Koalition bietet hierfür einen der greifbarsten Ansatzpunkte, zumal die SPD immer mehr auf das Plebiszit breiter Wählermassen angewiesen war und in den Augen der jugendlichen Kritiker zur reformuntüchtigen Volkspartei geriet. Mit anderen Worten: sie sahen nur die kapitalistische Gesellschaftsordnung mit ihrem elitären Überbau fest garantiert. Aber auch mit ihren Verfassungsvorstellungen, die sich an das Rätesystem anlehnte (8), konnten sie die westdeutsche Verfassung als eine nach aristotelischem Prinzip gemischte Verfassung nicht mehr vereinbaren. (9)

Eben all dies aufzudecken, hat sich eine jugendliche Minderheit entschlossen, den revolutionären Weg zu gehen, in dessen Vorstadium die Provokation und Unruhe steht, mit dem Ziel, den bürgerlichen (Zuschauer-)Massen zu zeigen, daß es die staatlichen Institutionen sind, die letzten Endes für die Jugendunruhen verantwortlich zu machen sind.
Immer wieder wird den jugendlichen Kritikern vorgeworfen, sie hätten kein konkretes Reformmodell anzubieten. Aber gerade hier liegt neben ihrer Schwäche, tatsächlich die Massen zu ergreifen, die qualitative Stärke der Bewegung: En partieller Ideologieverdacht, der sich gegen Ideologie als imperialistisches Instrument richtet und „onjunkturell-empirische Politik“ (SacharowMemorandum) in Nahost, Nigeria, Südamerika und Vietnam ablehnt. Allerdings hat man hier zu unterscheiden zwischen der bewußten Konzeptionslosigkeit Dutschkes, den einzelnen dogmatisch-marxistischen SDS-Zellen und dem Teil der Jugendbewegung, den man den „allgemeinen“ nennen mag. So stellt sich die revolutionäre Guerilla-Taktik der kleinen Schritte, wie sie der weitaus größte Teil der aufbegehrenden jugendlichen Minderheit verfolgt, im Grunde genommen auf eine evolutionäre Basis, nämlich zunächst einmal die Massen zu aktivieren.

Insgesamt sind also die Beweggründe der Jugendlichen vielschichtiger Natur: Es korrespondieren hier geschichtliche Motive mit gesellschaftspolitischen, marxistisch genährten Vorstellungen; Mißtrauen gegenüber der westlich-demokratischen Verfassung; autoritäres Bewußtsein und Fragwürdigkeit gesellschaftlicher und religiöser Werte; Ideologieverdacht und doppelte Moral der Kriegspraxis. Die Ziele, meist prinzipieller Natur, richten sich je nach den Beweggründen und bestehen zunächst einmal in der Verneinung der kritisierten Zustände. Keine Einzelkritik kann isoliert betrachtet werden, sondern alle sie stützenden Beweggründe sind aufeinander bezogen und hängen voneinander ab.

Der Grundton der Jugendunruhen scheint aufklärerisch zu sein, in ihrem Zentrum steht über allem dominierend die Frage nach der Autorität. Und dies mag in der Tat dazu berechtigen, zumindest von Ansätzen einer Zweiten Aufklärung zu reden.


A n m e r k u n g e n:

(1) „Warum wir gegen Springer demonstrieren“, in: „Kölnische Rundschau“ vom 24.4.1968
(2) BILD vom 14.12.1968
(3) Immanuel KANT: Was ist Aufklärung?, Werke XI. Frankfurt/M. 1968, S. 51-62
(4) Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition. Eine Analyse von Uwe BERGMANN, Rudi DUTSCHKE, Wolfgang LEFEVRE, Bernd RABEHL, Hamburg 1968, S. 174
(5) Ebd. S. 73. Vgl. auch R.P. Wolff, Barrington Moore, H. Marcuse: Kritik der reinen Toleranz. Frankfurt/M. 1967, 3.Aufl S. 93 (Marcuse-Beitrag)
(6) Karl MARX: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung 1844, in: Karl MARX/Friedrich ENGELS, Studienausgabe in 4 Bänden, herausgegeben von Iring Fetscher, Band I S. 61-81. Frankfurt/M. 1966
(7) vgl. Rebellion a.a.0. S.33
(8) vgl. PANORAMA, Nr. 197 vom 22.4.1968, S.3
(9) vgl. Kritik der reinen Toleranz, a.a.0. S.96 (Marcuse)


Ulrich Bergmann

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