KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 04. November 2009, 14:43
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Kommunika(t)ze - theatralisch. Lyrik / Prosa (31)

170. Kolumne


Wenn ich nur wüsst, wo ich steh: Ob am Abgrund oder doch im Tal?

War zu oft auf der falschen Seite,

sah Türen fliegen wie Fliegen;

wurde bezichtigt des Betrugs -

und nun sitz ich hier -

in meinem Revier:

Nicht Alcatraz und längst nicht Vegas.

Die Typen sind zuchtlos hier,

die Frauen tragen Schuhe mit Stahlkappen,

das ist es dann also: Mein Revier.

Wer weiß, wie lang; die meinten ja,

ich würd hier noch verschmoren wie Gummi.

Soll ich denen glauben oder nett sein?

Zu den Typen und Frauen, zu mir selbst.

Zukunft oder abhaun?

Draußen wartet die Wüste und mein Grab

- es ist schon vorbestellt;

das ist besser als jeder Lottogewinn:

Ein Bett, das dann für immer ist,

und nicht nur für eine Nacht;

das kann dir schon mal den Atem verschlagen.

Und wer den Witz verstanden hat: Der versteht auch das Gedicht.

[Danke für alles.]


Das Gedicht zeigt das Duale im Leben. Nah liegt das Verderben am Wohlsein, das Scheitern am Erfolg, der Tod im Leben… Was Einstein über das Licht sagte, dass es zugleich Welle und Teilchen (Korpuskel) ist, mal das eine, mal das andere, sagt dieses Gedicht in zwei Sprachen: Der Alltagsjargon ist derart elaboriert, dass er hin und wieder umkippt in Poesie. Die Sprache ist mal Korpuskel, ganz gegenständlich, realistisch, grob, aber genau - mal Welle, also Bild und Idee, unscharf, aber in dieser Unschärfe umso genauer. Und dieses Wechselspiel funktioniert in dem Gedicht sehr wirkungsvoll. Leicht fließt das Vulgäre in den poetischen Bildern - oder auch umgekehrt.
Die Dichterin begibt sich in die Niederungen des Lebens (sie spielt sie wohl nur gedanklich durch) und nennt den Strich ihr Revier - und zugleich ist das Revier, auf anderer Ebene gelesen, das Leben überhaupt. Der Strich als Metapher, die all-tägliche Prostitution, die wir leisten müssen, im Namen unseres Über-Ichs oder im Interesse eines zu sehr domestizierten Es. Der Lohn liegt zwischen den beiden Extremen: Alcatraz und Las Vegas, zwischen Armut in schuldiger Gefangenschaft und hohlem Reichtum.
Die Gesellschaft des lyrischen Strichs ist hart: „Die Typen sind zuchtlos hier“ - die Männer unerzogen, gemein, derb, unverschämt. Die Frauen, die konkurrierenden ‚Kolleginnen’ sind rein äußerlich. Das Leben ist hier reduziert auf den sexuellen Trieb und Betrieb. Wie lange kannst du so leben?, fragt das sich prostituierende Ich. Unterwerfen? Taktieren? Weitermachen und auf eine kleine Karriere in diesem Betrieb hoffen („Zukunft“) - oder abhaun?
Völlig desillusioniert wird die Gefangenschaft im Leben, wie es ist, gesehen: „Draußen wartet die Wüste und mein Grab - es ist schon vorbestellt“. Es gibt keine Hoffnung. Wüste und Grab sind Bilder für die Leere des Lebens, das Unbefriedigtsein im Äußerlichen, Verdursten, Vertrocknen. Das Grab ist ja schon diese Wüste. Ein anderes Grab ist dann der Tod, der erlösende. Lottogewinn wird diese Erlösung sarkastisch genannt, „Ein Bett, das dann für immer ist, und nicht nur für eine Nacht“ - diese Nacht ist unser Leben.
Mir gefällt die poetische Bildlichkeit im umgangssprachlichen Bewusstseinsstrom sehr, das ist einfach gekonnt gemacht. Die letzten drei Verse können entfallen, finde ich. Der kommunikative Kamikaze braucht kein Feedback. Die frustrierte und leicht suizidale Kommunikation des lyrischen Ichs mit sich selbst endet folgerichtig im Begriff der Nacht.

theatralisch, 1988 geboren, kommt aus Berlin. Sie schreibt: „Ich mag: Schreiben und Liebe. (Letztes Amüsement anstelle der Abberufung.) Ich mag nicht: Die Welt. (Vermutlich wäre ‚alles andere’ zu rigoros und demzufolge zu phrasenhaft.) Ich legitimiere: Menschen, die mir huldigen, und manches Tier.“
theatralisch wurde vom Team „Jugendtexte“ zur Jungautorin des Monats Dezember 2008 gewählt.
Sie schreibt Lyrik und Prosa. Mehr Prosa als Lyrik. Ich weiß nicht, worin sie besser ist. Die Prosatexte, meist handlungsarme Alltagsbeobachtungen, springen mit frischer Sprache so bunt und leicht ins Auge der Seele, dass sie lesend mittanzen kann. Mühelos bilden die Gedanken, Gefühle und treffsicheren Dialoge das Alltagsleben ab. Hier wird die metaphorische Hintergründigkeit wie im Gedicht nicht oder nicht so überzeugend erreicht, hier spielt die erzählende Sprache ohne Erkenntniszielstrebigkeit, fast spielt sie mit sich selbst. Aber ich schätze auch diese Art, wo Leben ins sprachmusikalische Echo umgeformt wird. Diese Texte sind oft ziemlich lang. Ich zitiere daher ein paar schöne Stellen aus dem Text „Do ya wanna dance with me; ’cause that’s still for free!“

Heute treffen wir uns mit dem Engländer, um die Fronten zu klären. Ich weiß nicht genau, was ‚Fronten klären’ heißt, aber Sam hat es mir so erklärt: „Fronten klären heißt, dass man nicht auf der sicheren Seite ist und aufgrunddessen aufräumen muss.“
[…]
Die Blondine steht jetzt neben meinem Auto und deutet mit der Hand auf mein Gesicht. Ich runzle die Stirn, weil ich nicht weiß, was genau sie mir damit sagen will. Denke aber, sie will mir sagen, dass mit meinem Gesicht was nicht stimmt. Blicke kurz in den Rückspiegel, kann aber nichts Sonderbares erkennen. „Hm“, mache ich, „da is doch nix“, und blicke wieder zur der Frau, die jetzt die Stirn kraus zieht. Sie breitet ihre Arme aus, als wollte sie mir sagen: „Ja, was ist jetzt?“ Das hat mir Sam mal erklärt: „Immer wenn dich jemand anschaut und länger warten muss, dann die Arme ausbreitet und so schaut wie die Blondine jetzt, heißt es, dass die sich fragt, was jetzt ist.“ „Nichts“, zische ich ein wenig verlegen, weil das doch recht lange mit der Antwort gedauert hat. Die Blondine hält sich die Hand ans Ohr. Ich rufe etwas lauter: „Niiichts!“ Dann kapiere ich und lasse das Fenster runter: „Nichts“, wiederhole ich nochmal. Die leichtbekleidete Frau sieht mich verdutzt an und sagt: „Wie, nichts?“ Und ich: „Ja, nichts. Ist nichts.“ Und sie: „Hmmm, okay, ist also nichts.“ […]

Das ist eine frische Schreibe. theatralischs Können zeigt sich vor allem in den Dialogen, die steil formuliert sind, wortwitzig und humorvoll. Am Schluss kann dann doch manchmal eine höhere Ebene erreicht werden, da wird der Humor der Alltagsabbildung hintergründiger wie am Schluss des erzählenden Prosatextes, wo Sam die Ich-Erzählerin fragt:

„Weißt du, was Nutten sind?“
“Hmmm…“
“Ist nicht so wichtig, dass man immer die Wörter kennt; weißt du, wichtiger ist, dass du weißt, mit welchen Menschen du es zu tun hast, und die Marie war doch nett zu dir, oder…?“
„Ja, die war wirklich nett.“
„Na siehst du. Das ist doch die Hauptsache, dass du weißt, mit welchen Menschen du es zu tun hast und ob das welche von der guten oder von der schlechten Sorte sind.“
„Okay, Sam. Das war also eine von der guten?“
„Das war eine von der guten.“
„Und wer ist eine von der schlechten, die Dicke da drüben?“
Sam lacht und erwidert: „Ja, zum Beispiel. Aber glaub nicht, dass das immer so einfach zu erkennen ist... Aber für den Anfang reicht das völlig aus."
„Aller Anfang ist schwer“, sage ich.
„Hmmmm“, macht Sam und sagt: „Das stimmt; aller Anfang ist schwer, aber wenn das mal getan ist, kann man auch den Rest verkraften.“
„N-u-t-t-e“, buchstabiere ich. „So?“
Sam antwortet nicht mehr und schläft neben mir friedlich ein. War ein langer Tag für ihn und eine Heidenarbeit für mich, den Tag so zu gestalten, dass er endet wie jetzt. Aber was eine Nutte ist, weiß ich bis heute noch nicht. Ich gehe immer nur zu den Huren.

Ulrich Bergmann, 2.11.2009

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 theatralisch (06.11.09)
Sehr, sehr gut!
wupperzeit (58)
(06.11.09)
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 theatralisch (06.06.10)
thanks again n also a lot!

sgd.
isabella
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