KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 17. Dezember 2009, 16:16
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Todessymbolik - Thomas Mann ad infinitum

176. Kolumne

Todessymbolik in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“

Klausur einer Schülerin der 13. Klasse im Grundkurs Deutsch, 11.12.2009

„Und seine Seele kostete Unzucht und Raserei des Untergangs.“

In seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ stellt der Autor Thomas Mann den Leidensweg eines Menschen bis zur wahren künstlerischen Entfaltung (und dem schließlich nahezu unvermeidlichen Tod) anhand der tragischen Künstlerfigur Gustav von Aschenbach dar.

Die Kunst erfordert einen schweren Kampf mit sich selbst und der Gesellschaft bzw. ist die Reibung mit der Gesellschaft und ihren Normen an sich. Qual, Auseinandersetzung und sogar Einschränkung sind Bedingungen, um Kreativität zu ermöglichen, zu steigern, „denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender Kampf, für welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der Selbstüberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und enthaltsames Leben […].“ Der schaffende Mensch muss seine Zartheit und Krankheit überwinden (so auch Aschenbach, der zur „[…] ständigen Anspannung nur berufen, nicht eigentlich geboren war.“), welche allerdings die notwendige Bewandtnis haben zum Nachdenken (eventuell auch philosophischer Natur) im schwächelnden und daher möglicherweise isolierten Zustand anzuregen, da Kranke Leid und Langeweile erfahren. Dennoch sind Isolation und Fleiß (ausgeprägt in eingehaltener Form) nicht von alleiniger Bedeutung für das Ermöglichen einer Kreation, sondern bilden vielmehr eine (geringfügige) Voraussetzung für das Werk, das letztendlich nur aus tiefgehender Erfahrung entstehen kann.

Genuss und Rausch erst eröffnen dem Künstler seinen Geist und seine Seele („[…] und es schien ihm, als ermangle sein Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der Freude mehr als irgendein innerer Gehalt, […] die Freude der genießenden Welt bildeten.“ Thomas Mann entwirft den wunderschönen, gottgleich anmutenden Knaben Tadzio, welchem Aschenbach während seines Fluchtversuches aus dem Alltagsleben in Venedig begegnet, um diesem in seiner Bewunderung Tadzios den Ideenquell neuer Arbeit und (weit besonderer noch) den Zugang zur höchsten geistigen Ebene zu erlauben. Tadzio wird zum begehrten Objekt der homoerotischen Neigungen des Künstlers („Ich liebe dich!“), sodass sich dieser aufgrund der gesellschaftlichen Verachtung (und einer zu erwartenden abweisenden Reaktion Tadzios, sollte Aschenbach diesem seine Gefühle gestehen) genötigt sieht, seine Liebe distanziert und platonisch auszuleben („[…] es war dahin gekommen, dass der Verliebte fürchten musste, auffällig geworden und beargwöhnt zu sein.“). Somit erlebt dieser einen Sinnesrausch, geprägt von anfänglicher Angst und Unsicherheit („Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier […]“).

Obwohl Aschenbach durch die (kontaktarme) Nachstellung des Knaben zunehmend einen Entwürdigungsprozess durchlebt, sind Berauschung und Hingabe in (geistigem) Empfinden, ausgelöst durch seine Muse Tadzio, notwendige Inspiration für sein Werk. Einerseits ist Tadzio Anregung (für Kunst), andererseits wird er selbst von Aschenbach ästhetisiert: Jener sublimiert seine ungewöhnlichen, Norm und Moral widersprechenden Wünsche, indem er Tadzio (in seinen Augen) selbst zum Kunstwerk macht bzw. erhebt („[…] mochte es das Alltäglichste sein, es war verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben Rede zur Musik.“).

Die in Venedig einbrechende Seuche führt zu einer weiteren Erkenntnis (neben dem Wohlgefallen an seinem lästerlichen Empfinden): Das geistige Erlebnis, d. h. der Rausch und das Neue, sind für Aschenbach derart unentbehrlich geworden, dass dieser eine mögliche Infektion (körperliches Leid) und den damit verbundenen physischen Untergang erlaubt oder sogar willkommen heißt („Wer außer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich zu gehen.“). So Gefahr und eigenes Laster verschweigend („Man soll schweigen.“), die Todeserkenntnis erlebend und akzeptierend, erreicht Aschenbach (nach der Ansteckung mit Venedigs Krankheit - auch im übertragenen Sinne, weil die Gefühle und Hingabe auch als Krankheit betrachtet werden können) die Vollkommenheit: Er stirbt, streift körperliche Schwäche ab und findet die Vollendung seines Werkes „Tadzio“, nachdem ihm bewusst wird, dass nun der Zeitpunkt der Trennung eintritt: Die zunehmende Hinwendung zur Sinnlichkeit wird gekrönt durch das eingebildete Geleit Tadzios („Psychagog“) in die reine Geistigkeit.

Folglich sind nicht nur eigene Animalität und Loslösung von Normen („Denn du musst wissen, daß wir Dichter den Weg der Schönheit nicht gehen können, ohne daß Eros sich zugesellt und sich zum Führer aufwirft.“) und damit verbundene Entwürdigung (Nachstellen und Verkleiden, um Gunst des Knaben zu gewinnen und den Selbstekel zu überwinden) unumgänglich im Künstlerdasein, sondern der Tod (eventuell Selbstmord) zugleich Flucht vor der Gesellschaft und künstlerische Optimierung zugleich („Die Kunst ist ein erhöhtes Leben. Sie beglückt tiefer, sie verzehrt.“).

Thomas Mann selbst wandelte homoerotische Empfindungen in Kunst (d. h. die Novelle „Der Tod in Venedig“) um, jedoch ohne den Tod anzustreben. Im Kontrast zu Aschenbach, dessen geistige Schönheit (das Werk bzw. der Spiegel Tadzio) für niemanden als ihn selbst sichtbar ist (er ist also der in diesem Fall unerkannte Künstler und der einzige Betrachter in einem), gelang es Mann seine Anomalität durch Berühmtheit (bzw. Veröffent-lichung) zu heilen: Eine große künstlerische Schwierigkeit liegt zudem darin, seinem Werk eine Form zu verleihen, sie dem Betrachter zugänglich zu machen, ohne die Sinnlichkeit zu verfälschen, denn Form und Rausch sind in Wirklichkeit fast widersprüchlich zueinander.

„Aschenbach empfand mit Schmerzen, daß das Wort die sinnliche Schönheit nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.“

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (18.12.09)
2-3

(Welche Note hast Du gegeben, Herr Bergmann?)

 Dieter_Rotmund (19.12.09)
Inzwischen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass man eine Note begründen sollte, wenn man sie gibt.

Nun bin ich nicht nur kein Lehrer, ich wäre auch sicher ein schlechter Lehrer und außerdem so gar kein Fan von Thomas Manns blasiert geschriebenen Romane, aber ich will trotzdem versuchen, eine Bergründung für die zweibisdrei abzugeben. Inzwisschen ist mir auch eingefallen, dass in der 13.Klasse (sofern es sie noch gibt) 0-15 Punkte vergeben werden, aber anyway. Zudem hat uns Herr Bergmann die eigentliche Fragestellung der Klausur verheimlicht!

Positiv: Die Schülerin hat nicht nur das Buch gelesen, sie hat das Gelesene auch reflektieren können. Nicht lachen, das ist für 18jährige nicht selbstverständlich! Das Reflektierte ist recht ordentlich in vollständige, überwiegend korrekte Sätze gepackt.
Die These, dass nur leidende Genies "echte" Kunst hervorbringen können, halte ich zumindest für umstritten, aber durchaus anführungswert.

Negativ: Aufbau und Struktur. Die Schreiberin sagt zu Beginn nicht, wo sie hin will und man muß sich das im Nachhinein selbst halb-ratend erschließen. Vor allem fehlen viele Belege für ihre Interpretationen, ich hoffe doch sehr, dass sie während der Klausur in den Roman reinschauen konnte, also hätte sie auch mehr zitieren oder zumindest Seitenzahlen nennen können. Einzwei Rechtschreibfehler ("Anomalität").

Insgesamt besser als befriedigend, aber nicht 100%ig gut. Also dazwischen.

 Bergmann (19.12.09)
"Anomalität" ist richtig geschrieben.
Die Seitenzahlen habe ich gestrichen, weil die Zitate aus der Erzählung korrekt sind und für sich selbst sprechen.
(Noch mehr zitieren??? - Es handelt sich im übrigen um eine dreistündige Klausur: 145 Minuten.)
Die Aufgabenstellung geht zwar verkürzt, aber genügend aus dem Titel hervor.
Die Sätze sind nicht nur überwiegend, sondern alle korrekt.
Die "anführungswerte" (!) These vom leidenden Künstler stellt die Schülerin offenkundig interpretierend dar. Sie greift dabei Gedanken auf, die Th. Mann in der Erzählung (später vor allem im "Doktor Faustus" vollendeter) entwickelt.
Wer Thomas Manns meisterhafte Erzählung gelesen hat, kann die Auseinandersetzung der Schülerin nachvollziehen.
Mit dem nebenbei erwähnten Urteil, Thomas Mann schreibe blasiert, desavouiert sich der Kritiker.
(Vermutlich ist so manchem Thomas Manns Intellektualität suspekt, weil er sie nicht recht versteht.)

 Dieter_Rotmund (22.12.09)
Nun ja, Bergmann, wahrscheinlich hast Du recht.
Inzwischen habe ich auch ein Fremdwörterbuch gefunden, in dem "Anomalität" verzeichnet ist, in einem ersteren habe ich es nicht entdecken können.
Ich würde als Lehrer auch niemals Mann lesen lassen, ich bin ja ganz offensichtlich sehr voreingenommen, in negativer Weise. Ich stehe aber weiterhin zu meiner Meinung, daß Thomas Manns Schreibstil von fast unerträglicher Blasiertheit ist.

Jetzt aber mal Butter zu die Fische, Bergmann: Welche Note hast Du gegeben. Offenbar eine 1, oder?
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