KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 01. Oktober 2010, 09:13
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Drei Erfindungen zu Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe

217. Kolumne



Walt Jamin, Die Schlachtung der Ideale
(in: Filetstücke. Sezierende Gedanken zum Markt der Ideale im Zeitalter der Überproduktion. Frankfurt am Main 1965, S. 124)

Nachdem Jeanne d’Arc das französische Königtum gerettet hatte, geriet sie in die Gefangenschaft der feindlichen Engländer; die machten ihr den Prozeß und verbrannten sie auf dem Scheiterhaufen. Der deutsche Dramatiker Friedrich Schiller verklärt den Tod der von Gott sich berufen fühlenden Jungfrau und verherrlicht die idealistische Haltung jener Frau, die Geschichte gemacht hat. Brecht greift Schillers Dramenschluß ironisch auf – in der letzten Szene läßt er die Bühne von einem rosigen Schimmer, der auf Johanna liegt, beleuchten; doch meint Brecht hier keinen göttlichen Schimmer, sondern Hymnen absingende Geldmacher und ihre freiwilligen und unfreiwilligen Helfer und Helfershelfer. Die Ideale der Johanna sind in den Besitz des Kapitals übergegangen. Kurzum: Johanna wurde verraten, geschlachtet und verkauft. Der rosige Schimmer ist die Farbe der Schlachthöfe.


Georg Kaczul, Kapitalismus als Gunstgewerbe
(in: Spieltrieb und Abreaktion in der deutschen Literatur. Berlin 1947, S. 239)

Der Kapitalismus ist dem System des Gunstgewerbes vergleichbar. Pierpont Mauler schickt als Ober-Louis seine Proletarier auf den Strich; seine Schlachthöfe sind die Bordelle der bürgerlichen Gesellschaft. Das Geld ist das Maß aller Menschlichkeit; die Menschlichkeit wird in Dollars, Mark oder Pfund gemessen, der Mensch hat Marktwert.
Doch die Prostitution der Proletarier ist erzwungen, und dies befriedigt letztlich nicht. Und so sehnt sich auch der Zunftmeister des Gunstgewerbes nach echter Liebe. Diese Liebe soll Johanna, die unbewußt aus ihrer religiösen Prostitution herauskommen will, erfüllen. Mauler will Johanna befreien, nicht die Proletarier. Die Liebe zu Johanna ist das schlechte Gewissen des großen Verbrauchers tausender ungekannter Körper, sie ist die Kompensation der schlechten Tat – aber diese Kompensation genügt nicht, sie ändert die Welt nicht. Welche Ironie: Mauler kann sich seine echte Liebe nicht kaufen.


Federico Martini, Das Bewußtsein ändert nichts an den Verhältnissen
(in: Brechts Bewußtsein der Bewußtlosigkeit, Köln 1979, 3. Aufl. S. 188)

Brechts Johanna ist beileibe keine Heilige, sie hat menschliche Fehler, wie sie Kreti und Pleti auf den Schlachthöfen der Arbeitswelt ebenso eignen. Aber Kreti und Pleti sind nun einmal nicht prädestiniert, heilige zu werden, obwohl sie doch die wahren Märtyrer im Sinne des heiligen Brecht verkörpern. Und so ist Johanna eine Märtyrerin ihrer Gattung, der proletarischen also, denn auch sie wird geschlachtet, obzwar in anderer Weise als die Proletarier, jene nach Brecht ausgebeutete Klasse: Johanna wird ideologisch ausgebeutet, nicht physisch oder materiell.
Im Unterschied zu den von Brecht geheiligten Proletariern ist sie eine Arbeiter-Evangelistin mit dem direkten Draht zu Gott – und genau da ist sie verwundbar: Johannas Religiosität, ihr Antrieb zu gesellschaftlich-solidarischem Handeln, wird von den Kapitalisten, die sich nicht ändern lassen, gegen die Arbeiter pervertiert. Die Großmäuler geben ihr den Heiligenschein, um sie zu vernichten.
Am Ende beweist Brecht – und hier zeigt er sich nicht als Marxist, sondern als Dichter –, daß alle Menschen sich eben nicht ändern lassen.

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