KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 10. September 2010, 10:39
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GRÜNBEIN IN WEIMAR (von Elias)

214. Kolumne

Grünbein in Weimar (Gastkolumne von Elias)

Der Saal im Weimarer Schloss ist hoch. Die Lüster sind eine späte Verhöhnung der oft geschmähten Farbenlehre Goethens. Die Kristalle zeigen vordergründig das physikalische Brechungsspektrum des Lichts und verraten den Schöngeist an Newton. Durs Grünbein agiert zwischen zwei monumentale Säulen dorischen Formats. Fünf Meter über der zentralen Schädelnaht des Autors schweben geflügelte Löwen mit Adlerköpfen und halten die Leier. Durs ist gut eingerahmt zwischen Realität und Möglichkeit. Er betont sein Interesse am Zwiegespräch mit Goethe, betont die hohe Ehre, am Vorabend des 261. Geburtstags einiges vorzutragen zu dürfen.

Beschultes, betuchtes Bildungsbürgertum füllt füllig und über wiegend die Stühle. Junges Volk mischt sich darunter. Irgendwo zwischen literarischer Leichenfledderei, Neugier und Schrei nach Bedeutung unter der klassischen Dunstglocke Weimars ersteht das Hologramm des Geheimrats. Farblich wird das Geschehen lediglich an den Rändern durch die neuesten Forschungsnachrichten aufgepeppt – Herr im Himmel: Goethe und die Mutter seines engen Freundes. Anna Amalia. 18 Jahre älter war sie. Die von Stein nur der Katalysator und Bote seiner Liebesbriefe. Was für ein Skandal. Wunderbar. Nun haben wir ihn doch gekriegt und das Farbspektrum seines Lebens analytisch aufgefächert. Nur das gelbe Schwarz an den Grenzen will so recht nicht passen und versaut die reine Linie des physikalischen Geschehens. Durs liest: Gedichte, etwas Prosa, aus dem neuen Werk Aroma, in welchem er Rom nachempfindet. Die Stimme klingt wie nicht freigegeben: metallische Brüchigkeit durchmischt von kurzen, weichen Sequenzen - ein Mischmasch aus unterdrücktem Wollen und feingeistiger Introspektion, die anstrengt und knapp unterhalb der Bewusstseinsschwelle die Muskulatur des Kehlkopfes der Hörer traktiert.

Links auf drei Uhr sitzt ein alter Herr mit zwei frisch gekauften Bänden Grünbein. Auf zwei Uhr die Weiblichkeit verzückter Augen über verzückten Mündern auf herausgeschraubten, verzückten Hälsen. Von den Beinen sehe ich nichts, aber sie werden gleichfalls verzückt sein, denke ich mir. Die zückenden Damen mittleren Alters wirken wie Stützpfeiler des modernen Literaturbetriebs. Der genannte Herr auf drei Uhr dagegen beginnt sich zu krümmen, röchelt Luftstöße, kontaminiert den Raum mit klanglichen Unrespektierlichkeiten. Durs macht unbeeindruckt weiter. Was hat die Welt mit ihm zu tun? Die Krümmung des krächzig Hustenden oder der Husten selbst rühren eine junge Frau auf fünf Uhr. Sie huscht gebückt nach vorn auf drei Uhr, reicht ihm ein Pillchen, huscht zurück. Der ältere Herr bekommt sich lutschend unter Kontrolle. Bravo. Nur die Atmung pfeift ein wenig nach. Grünbein liest mit zurückgeschraubter Emotionalität, hält den Durchlass eng, was die phonetische Dimension der Lesung ebenfalls in die Nähe eines leicht gekrampften Pfeifens rückt. Ich frage mich, warum er sich das antut. Ja, ein wenig gerät er nun ins Erzählen, lockert sich zumindest sprachlich auf. Die platonische Liaison zwischen dem musikalischen Wunderkind Mendelsohn und Goethen wird hübsch dargestellt. Die Damen auf zwei Uhr sind adrett anzuschauen in ihrer Verzückung. Auf zehn Uhr ein spitzes, jugendlich-munteres Hüsteln. Hinter mir auf vier Uhr zwanzig raspelnder Auswurf. Ich muss nach innen.

Mein Kehlkopf zurrt sich zusammen. Aus den Lungen kitzelt es unerträglich in Richtung Zunge. Jetzt hinausstürzen und husten, was der Körper hergibt. Einfach nur husten. Wasser schießt mir in Augen und Nase. Verzweifelt versuche ich die Kontrolle über das feuchte Geschehen zu gewinnen. Ich sitze immer noch. Betont langsam und unauffällig wische ich mir Nase und Augen ab. Auf neun Uhr vierzig ein weiterer Gast, der mit Reflexen zu kämpfen hat. Ich kann nicht mehr. Da lässt der Krampf im Kehlkopf urplötzlich nach. Durs liest nun Gedichte. Ein leises Gefühl intellektueller Sterilität steigt wie Wasserdampf zu den geflügelten Löwen auf. Grünbein endet. Auf elf Uhr fünfundfünfzig legt eine bezopfte Blondine den Kopf sanft auf die Schulter ihres Freundes.

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (10.09.10)
... Bildungsbürgertum füllt füllig und über wiegend die Stühle ...

Als Folge dieser bemerkenswerten Schreibung sehe ich wabernde Speckstreifen über die Vertikalen der Sitzfläche hinausragen. Ein eigenwilliges, eigenartiges Stimmungbild. Nur erfahre ich nichts über Grünbeins schriftstellerische Qualitäten. Vllt. soll schon die Überschrift ironisch das große Leistungsgefälle zwischen G. und G. andeuten. DG hat durchaus gute Einfälle, manchmal. Bei der technischen Umsetzung scheints zu hapern. Lo

 Bergmann (10.09.10)
Offensichtlich geht es Elias um die Atmosphäre in der Veranstaltung und um Grünbeins wenig überzeugende Art, wie er sich und seuine Lyrik präsentiert. - Abgesehen davon: Durs Grünbein schrieb, bevor er Staatsdichter Gesamtbildungsdeutschlands wurde, sehr bemerkenswerte Gedichte und lyrische Prosatexte. Die ersten Bände

Grauzone morgens 1988
Schädelbasislektion 1991
Den teuren Toten 1994
Falten und Fallen 1994

Und jetzt geht es abwärts:
Nach den Satiren 1999 (aber hier auch Gutes)
Erklärte Nacht 2002 (teils teils)

Sehr schön nach der Geburt des Kindes:
Una storia vera. Ein Kinderalbum in Versen 2002

Vom Schnee 2003 (teils Gutes)

...


Dialog mit Durs Grünbein über den Materialismus in seinen Gedichten nach einer Lesung am 5.3.1998 im Deutschen Museum und am 17.3.1999 im Akademischen Museum, Bonn:

Ich fragte, ob er wirklich primäre Texte gegen die Dekonstruktionisten und die Postmoderne schreibe, wo es doch streng genommen keine primären Texte geben könne, weil alle Literatur auf der vorhergehenden aufbaue.
Durs Grünbein relativierte seine Maxime: Er ringe, sagte er, um jede neu gesagte Nuance.
Ob er, die Laokoon-Gruppe aus Gips hinter seinem Rücken, den Triumph des Todgeweihten bejahen könne oder eher in der Absurdität der Situation, in der Laokoon sich befinde, die Sinnlosigkeit des Lebens sehe.
Lapidare Antwort: Sinn!
Später dann: Seine ironischen Epitaphe in dem kleinen Band "Den teuren Toten" sehe er als sein "unpersönlichstes Buch".
Ich entgegnete, das Spiel des Künstlers sei seine ins Allgemeine aufgelöste Person.
Aber er ging darauf nicht ein und widmete sich ausführlich lieber metrischen und anderen handwerklichen Problemen.
Elias† (63)
(10.09.10)
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 Bergmann (10.09.10)
Hier nun ein Beispiel für ein m. E. gutes Gedicht:

DURS GRÜNBEIN / SCHÄDELBASISLEKTION

Unterm Nachtrand hervor
Tauch ich stumm mir entgegen.
In mir rauscht es. Mein Ohr
Geht spazieren im Regen.
Eine Stimme (nicht meine)
Bleibt zurück, monoton.
Dann ein Ruck, Knochen, Steine.
... Schädelbasislektion

 loslosch (10.09.10)
Durch das Schildern der Befindlichkeit von Hörern bei der Dichterlesung wurde auch deutlich - jetzt nehme ich mir allen Mut zusammen - , dass DG sich vermutlich nicht gescheut hätte, vor einem Sterculinium vorzutragen.

 loslosch (10.09.10)
@Uli Mir schwant was: ... am Nachtrand im Sternensand ...

 Bergmann (10.09.10)
Bei mir tunkte kein Schwan sein Haupt in mein heilig-nüchternes Hirnwasser!

 Dieter_Rotmund (15.09.10)
Kolumnentext gefällt mir sehr gut, gerne gelesen!
Elias† (63)
(19.09.10)
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