KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 14. Januar 2011, 09:53
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Enigmatisches Scherzo? - tausendschön. Lyrik / Prosa (35)

232. Kolumne

tausendschön, *1987, Studierende aus Niedersachsen. Über sich selbst schreibt sie: "hier ist alles voll zeug." Vorstand im Verein keinverlag.de.


Exemplarischer
Gedicht von tausendschön


Es existiert ein Mensch:
Er ist ein Zukünftiger.
Er hat den Schuh geschnürt
Und tritt hinaus vors Tor.

In diesem Winter fiel der Schnee
Über der Hunde Gebell.
Ihre klirrenden Laute erstarben.
Nur den letzten davon
Flüsterte mir der Wind.

Jean, es war Dein Name.
Und alle Wege sind verschneit.
Rückwärts liegt das Haus.
Nicht einmal der Hunde Stimmen
Kann ein Mensch noch folgen.

Jean, denk an mein Versprechen.
Wenn eines Tages Dich der Schnee
Hat zum Einzigen gemacht,
Dann denke, daß der Zweck allein
In den Dingen liegen wird.
Nicht in einem letzten Menschen.
Nicht in den scharfen, grünen Gräsern,
Die Du, der Schweigende, betreten wirst.
Im Frühling, Jean.


Bergmann: Meine Impression: Enigmatisches Scherzo.

tausendschön: zuerst mußte ich die begriffe googlen und nun bin ich gekränkt.

Bergmann: Also war's todernst gemeint? Entscheide dich gelassen für ein Scherzo. Scherzi sind experimentell und überwinden bedrückendes Pathos und selbstzerstörerische sentiments.

tausendschön: es ist nun so, daß dieses gedicht für mich selbst sehr befreiend ist und gar nicht bedrückend. schon gar nicht selbstzerstörerisch. aber wer weiß, vielleicht werde ich es einmal retrospektiv als scherzo begreifen.

Bergmann: Ich wünsch dir viel Glück, viel Freude - und nicht nur für 2011!

tausendschön: danke dir, und alle guten wünsche zurück. wenn du zeit hast, lies doch mal am nächsten sonntag meine keinthema-kolumne. (mir fiel ein: vielleicht mutet es auch weniger enigmatisch an, wenn ich dazu sage, daß ich bachmanns gestundete zeit zitiere.)

Bergmann: Ah, jetzt sehe ich Bachmann in deinem Gedicht... so leicht ist Die gestundete Zeit auch nicht zu interpretieren. Und Scherzo: Das Tragische steht oft auf der Kippe, und nicht umsonst gibt es den Begriff der tragischen Ironie, den ich hier für mich geltend mache: Wenn ein so alter Mensch wie ich Zeuge der Liebe junger Menschen wird - wie das oft bei meinen Schülern der Fall war -, dann wächst ein Lächeln auf meinen Lippen und manchmal mehr als ein Lächeln, was nicht heißt, dass andere nicht auch über mich lächeln könnten...
Gut, am Sonntag lese ich deine Kolumne!

tausendschön: ich glaube, ingeborg bachmann ist im allgemeinen sehr schwierig zu interpretieren. ich habe meine liebe zu ihr, sehr untypisch, durch „malina“ entdeckt. dieser roman wurde, nach meiner empfindung, oft zu interpretieren versucht, nicht alle ansätze waren zielführend, aber je mehr man über ingeborg bachmann weiß, desto besser gelingt es (wobei ich denke, daß viele ansätze auch sackgassen sind). wobei es auch sehr ermüdend ist, „malina“ zu interpretieren; aus diesem grund bin ich sicher, daß darin noch vieles rätselhaft bleiben wird.
ich weiß nicht, wie es bei anderen lyrikern ist. aber ingeborg bachmann finde ich ja besonders spannend (vielleicht weil sie so weiblich ist). deshalb fiel mir gerade bei ihr auf, daß einiges in den gedichten nur zu deuten ist, wenn man bestimmte persönliche umstände kennt. und als ich feststellte, daß gedichte wohl nicht, wie ich zuvor dachte, einzig einer inneren logik folgen müssen oder höchstens noch zeugen des zeitgeschehens sind, die aber völlig frei von persönlichkeit und subjektiver symbolik des lyrikers wären, als ich also feststellte, daß auch persönliche zitate ‚erlaubt’ sind: das war sehr befreiend. damals habe ich begonnen, auch meine eigenen gedichte zu zitieren, und bestimmte begriffe wiederzuverwenden, und damit auch zu riskieren, daß außenstehende das geschriebene als enigmatisch empfinden.
und was dieses gedicht betrifft: es ist es so, daß „jean“ die gestundete zeit mag. und ich versuchte, sie daraufhin so zu lesen, wie er sie wohl las - und sie für uns zu recyclen. (was nicht heißt, daß ich die weitergehende bedeutung der gestundeten zeit verstanden hätte. aber das werde ich wohl in der nächsten zeit doch einmal versuchen.)
ist all sowas in der lyrik nun erlaubt? weißt du, es macht so viel spaß, die grenzen zu testen. lyrik macht spaß. und es macht überhaupt spaß, neues zu erleben; wenn man jung ist, hat man ja oft die gelegenheit. aber wenn man es weiß und darüber gedichte schreibt! dann ist das doch viel weniger tragisch, als wenn man es gar nicht zu würdigen weiß und eines tages alt geworden ist. oder? und wenn ich ehrlich bin, dann frage ich inzwischen auch viel seltener, ob irgendetwas erlaubt oder ist in der lyrik oder anderswo.
du merkst schon, deine kommentare sind mir in gewisser weise hilfreich.

Bergmann: „Malina“ las ich auch sehr fasziniert, am schönsten die fragmentierten Telefonate, die (für den Leser) kleine Inseln des Humors sind angesichts des Niedergangs in der Liebe / ‚Liebe’ mit zwei Männern. Konsequent erzählt.
Ich lese auch die Gedichte gern und verstehe sie gut, ohne den Anspruch auf analytische oder gar germanistische Perfektion.
Es gibt keine Grenzen in der Dichtung (nicht nur Lyrik), es sei denn die Erfahrung, dass unsere Leser alle nichts verstehen oder dass die Texte missfallen - dann muss ich mich fragen, ob ich so weiterschreibe. Wenn ja, dann muss ich an mich glauben.
Zur direkten Lebensbewältigung schreibe ich nicht - allerdings kann ich ohne Literatur und Schreiben nicht gut leben.
Das Subjektive in der Dichtung sollte hinter der Form verschwinden. Ich bin der Auffassung, dass ich Ingeborg Bachmanns Leben nicht kennen muss, um „Malina“ zu verstehen. Und ich muss das auch nicht selbst erlebt haben, um es zu verstehen.
Der Dialog ist dem Monolog meist überlegen. Der beste Monolog ist integriert in den Dialog, in eine Monologreihe mit Gegenmonologen...

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag

tausendschön (33)
(14.01.11)
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wupperzeit (58)
(14.01.11)
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