KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 27. Januar 2012, 01:10
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HASTE SCHON MAL INSERIERT? - (von loslosch)

285. Kolumne - 16. Gastkolumne (von loslosch)


Inserat (älter als die Buchdruckerkunst des Johannes Gutenberg, also vor 1450 n. Chr.). Er mag (den Text) einfügen. Eine Anweisung der Amtssprache (als zusätzlicher Vermerk auf Aktenstücken). Nach der Erfindung des Druckwesens dann auch als Aufforderung an den Setzer, das Manuskript einzufügen.

Etliche lateinische Grundformen sind in die Gegenwartssprache eingegangen, gelegentlich auch als gelehrte Nachbildung via romanische Sprachen (Registratur, Kandidatur). Urgesteine sind Vademecum, Faktotum (fac totum), Unikum (unicum) usf. Die flektierte Verbform (ausgenommen der Imperativ) ist eher selten. Neben "Inserat" (die lateinische Betonung liegt auf der zweiten Silbe) ist nur noch "Referat" (er soll berichten) ein ähnlich weit verbreiteter Begriff, dem man den lateinischen Ursprung kaum noch ansieht. Darüber hinaus kennen fachsprachliche Bezeichnungen die exakte Nachbildung, wie Imprimatur (Druckerlaubnis, es darf gedruckt werden), Deleatur (Löschung, es soll gelöscht werden) u. ä.

Das Besondere an "Inserat" ist die Unauffälligkeit als modernes Fremdwort. Googelt man dieses, erscheinen allerlei Angebote, Werbung eben, aber keine Begriffserklärung. Das Inserat drängt mit Macht nach vorn! Ähnliche Bildungen wie Testat, Falsifikat, Substrat, Imitat, Plagiat... sind bereits sprachgeschichtlich durch die Mangel gedreht.

Inserat, das einmalige, fachsprachliche, originalgetreue lateinische Wort, dessen Bedeutung auf Anhieb auch von bildungsfernen Schichten verstanden wird. "Haste schon mal inseriert?" Eine Werbung für die Werbung. Nolens volens.


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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Dieter_Rotmund (27.01.12)
Ein Text, der die Leser für Latinismen erwärmen will? Nun, warum nicht. Sie bereicheren unsere Sprache, werden über kurz oder lang aber verschwinden; wer will heutzutage noch Latein als Schulfach haben? Alle paar Monate beschreit "in den Medien" (Rundumschlag, pardon) ein Anderer die bedauernswerten Nicht-Fähigkeiten unserer Schüler in Musik, Sprachen, Deutsch, Sport und Politik. Bestenfalls fordert man noch mehr Englisch, aber Latein?
Ich bezweifle, dass unsere lieben bildungsfernen Schichten wissen, was ein "Inserat" ist, bestenfalls wissen sie, dass es "irgendwas mit Zeitung ist".

 loslosch (27.01.12)
der hilfsarbeiter würde schon formulieren: "musste inserieren". als plädoyer für latein als unterrichtsfach an gymnasien versteht sich meine glosse nicht.

 Bergmann (27.01.12)
Ich plädiere sehr dafür, Latein als Unterrichtsfach an Gymnasien beizubehalten. Englisch und Französisch lernt man viel besser im Ausland. Als direkte Nützlichkeit versteht sich Latein nur zum Teil. Der Gewinn besteht auch nicht bloß in besserem, fundierterem Fremdwortwissen, sondern er entsteht beim Übersetzen komplexer Syntax, beim Zurechtfeilen ins moderne Deutsch (Übertragen). Eine zeitlich so ferne und immer noch fundamental wirkende 'tote' Sprache bringt viel Gewinn. Man muss/darf Englisch und Latein nicht ausspielen gegen Latein.

Viele deutsche Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften vor 1933 (und später) sind auf humanistischen Gymnasien gewesen. Offenbar gibt es eine heimliche Fernwirkung vom Lateinischen und Griechischen her.

Wir sollten heute endlich die Mitte finden: Lernen mit Freude (soweit das überhaupt geht!) UND Pauken + Bimsen.

Im übrigen wissen m. E. 90% und mehr in unserer Bevölkerung, was ein Inserat ist. Die Verbreiterung der elementaren Techniken und des Wissens vor allem in den letzten vier Jahrzehnten ist enorm. Das wird immer wieder unterschätzt in Bildungsdiskussionen.

Und noch einmal: Nur das zu lernen, was unmittelbar notwendig erscheint, führt uns von wesentlichen Lebensaspekten weg und nur noch glatter als bisher hinein in den modernen Sklavenhalterstaat, den der Kapitalismus heutiger Prägung immer mehr ausbaut; das geht automatisch nach den Gesetzen des Geldes. Und daran glauben heute die meisten, selbst die, die nicht (mehr) die F. D. P. wählen...

 EkkehartMittelberg (27.01.12)
Die Bedeutungsgeschichte von Wörtern sollte jeden Autor interessieren. Der Kolumnist hat eindrucksvoll nachgewiesen, dass zahlreiche Wörter lateinischen Ursprungs sind, ohne dass ihre Benutzer, falls sie nicht gerade Latein auf der Schule gewählt hatten, dies wissen.
In den Anfängen der europäischen Zeitungen (und heute wieder in der Boulevardpresse) gab es keine strenge Trennung zwischen redaktionellem und Inseratensteil/Anzeigenteil. Deswegen der Name inserat= es möge eingefügt werden, in die Lücken, die sich zwischen den redaktionellen Artikeln ergaben.

 loslosch (27.01.12)
wichtige ergänzung von dir. die alte druckeranweisung wurde also übertragen auf die anfänge des zeitungswesen (1. hälfte des 19. jhs.) die werbebotschaft als lückenfüller. im fernsehen ists zt heute noch so mit den "gewaltsamen" einschüben, außerhalb der werbeblöcke.
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