KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Donnerstag, 20. September 2012, 09:45
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Freie Schulen, freie Lehrer, freie Schüler?

321. Kolumne


Der freie Kritiker Volker Sielaff fordert in der Sächsischen Zeitung Dresdens freie Lehrer. Ein schöner Gedanke. Seit ich lebe, redet man in Deutschland von einer Bildungskrise. Sie bekommt nur immer wieder andere Namen oder Argumente.
Vielleicht gehört das zur Kultur unseres Landes. Vielleicht ist das sogar gut so, weil Selbstbesinnung ein guter Motor für Qualitätssicherung und -verbesserung sein kann.
Mich hat es als Lehrer nie zermürbt, auch jetzt nicht; weil ich sah, dass wir - zumindest am Gymnasium viel erreichten.
Lernen geht nicht nur mit Freude einher, sondern mit oft wehtuender Arbeit, mit Zwischenenttäuschungen und oft mit der Erkenntnis, dass jeder Lernende, man selber auch, scheitern kann und akzeptieren muss, dass andere besser lernen und begreifen. Der Erkenntnisschmerz, oft ein doppelter, weil auch die Sache, die man lernt, enttäuschen kann.
„Freie Lehrer“ - kein schlechter Gedanke -, allerdings befürchte ich, dass dann viele Lehrer dem nicht gewachsen sind und dann die freie Lehrerwahl auf uns zukommt, und dann werden die erfolgreichsten Lehrer wie Fußballspieler abgeworben etc. Es entsteht ein Arbeitsmarkt, eine Arbeitsbörse, und man ahnt, was da auf uns zukommt: Eliteschulen. Die Masse bekommt dann die durchschnittlichen, erfolgsarmen Lehrer, das wäre eine Verschlechterung jetziger Verhältnisse. Den Nutzen hat eine Elite, zu der der Verfasser sich wahrscheinlich nachträglich oder vorsorglich für seine Kinder und Enkelkinder zählt ...

Die Lehrpläne von oben werden unten vorgeschlagen, und zwar nicht nur in vorauseilendem Gehorsam. Sicher, der Freiraum könnte größer sein. Nur „Abrechenbares“ indoktriniert Schule, wie sie jetzt ist, ja gar nicht so umfassend! Jedenfalls nicht in Nordrhein-Westfalen, wo ich als Lehrer wirkte. Und nicht in Fächern wie Deutsch, Kunst, Geschichte. Schule ist keine Reproduktionsanstalt mehr, das hat der Artikelschreiber immer noch nicht gemerkt.

Das Argument mit dem Vergessen gilt ja im ganzen Leben, nicht nur in der Schule. Was wir behalten, sind schwer beschreibbare Fragmente. Ich habe meine Fächer Deutsch und Geschichte in der Schule geliebt, ich habe vieles trotzdem vergessen, auch einiges von dem, was ich mir intrinsisch motiviert selbst beibrachte.

Um die Note, wie auch immer sie formuliert wird, werden wir nicht herumkommen. Junge, vielleicht auch Menschen jeden Alters, müssen oft ein wenig ermuntert und angeschoben werden, auch in ihren eigenen Interessengebieten und auch im kreativen Bereich. Das hedonistische Streben in uns ist oft stärker als Neugierde oder Erkenntnisstreben.

Kann sein, dass Sachsen den schulischen Positivismus übertreibt, dann kann man ja mildern und reformieren. Aber das Kind muss man nicht mit dem Bade ausschütten.

Den Forderungen des Kritikers - mehr Lehrer, mehr Geld für Bildung - stimme ich voll zu. Aber Demokratie ist kein Selbstzweck. Auch Demokratie, gerade bürgerliche oder bourgeoise, kapitalistische Demokratie muss hinterfragt werden.

Alles in allem bin ich für einen Mittelweg: Lehrpläne und Freies Lernen sollen in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen.

13.9.2012

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Bergmann (05.10.12)
Die Lehrpläne sind nicht so sehr das Problem. Es wäre nicht gut, wenn jeder nur das lernt, was er lernen will. Ein gerüttelt Maß Über-Ich muss sein. Es können ja nicht alle Udo Lindenberg werden (z. B.).

 loslosch (05.10.12)
@snowy: das text- oder gedichtinterpretieren in deutsch wird nach meinem eindruck übertrieben. es ist so, als würde einer van goghs bilder analysieren ohne background.

wer kann denn "Frühling über´s Jahr" von goethe ohne vorwissen analysieren? wir haben es als 13-jährige gelesen, ohne sinn und verstand. sicher passagen schöner sprachbilder. keine "sau" hat uns vermittelt, dass es der zuvor verstorbenen christiane zugeeignet ist.

so geht es meist zu beim interpretieren. manch einäugiger unterrichtet blinde ...

@uli: du weißt, es gibt ausnahmen.

 Dieter_Rotmund (05.10.12)
Nu, ich finde "in Deutsch 6 Jahre lang Texte analysieren" angesichts des weit verbreiteten Unvermögens solche Aufgaben zu bewältigen, nicht übertrieben.

 Bergmann (05.10.12)
Ich stimme dir zu, Dieter, das Argument mit der deutschen Sprache, die beinahe jeder perfekt zu beherrschen glaubt, ist sehr wesentlich.

Ich gebe hier mal ein Beispiel, wie ein Lehrer seine Lehr- und Noten-Souveränität gebrauchen kann: Ich hatte einen Schüler, der im LK Deutsch zu Kafkas "Verwandlung" oder zu Th. Manns "Zauberberg" schriftlich nichts Ausreichendes formulieren konnte, auch mündlich nicht (verklemmt).
In Gesprächen außerhalb des Unterrichts konnte ich feststellen, dass er mehr begriff als so manches Mäuschen im Kurs (es gibt auch männliche ...), das eine 3 schreiben konnte.
Ich ließ ihn für die mündliche Note (Sonstige Mitarbeit), die 50% zählt, Zeichnungen zu Kafka und Th. Mann anfertigen, die einfach grandios waren - und gab ihm eine glatte 4 auf dem Zeugnis. Ich hatte und habe kein schlechtes Gewissen deswegen. Selbst wenn er nicht so gut hätte zeichnen können, hätte ich einen Weg für diesen Schüler gefunden, weil ich sein literarisches Verständnis erkannte. Ich will aber nicht behaupten, dass dies nun bei jedem Schüler machbar wäre. Und ich bin skeptisch, ob dies in Fächern wie Mathematik, Physik, Erdkunde ... so ähnlich möglich wäre.
Ich will damit sagen: Lehrer haben Möglichkeiten, Schüler zu fördern, die in schulischen Zusammenhängen sich nur schwer entfalten können.

Wenn ich jetzt in Bonn sehe, wie die Erstis eine ganze Woche lang ihren Studienbeginn feiern - in Pinten und Seminaren - und z. B. in weißen Kitteln strunzend durch die Stadt laufen (Abi 1,0 bis 1,3 etwa), wie kleine Kinder, dann habe ich noch ganz andere Sorgen wegen der Erziehungs- und Ausbildungswirklichkeit in unserem Land. Die Initiationsriten wachsen übers sinnvolle Maß hinaus und der übertriebene Aspekt von Hedonismus und äußerlicher Selbstbestätigung lässt mich vermuten, dass die Kindlichkeit zu lange währt und viele nicht zu der Ich-Stabilität gelangt sind, die bei Studienbeginn erforderlich wäre.
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