KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 10. April 2013, 13:17
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Zeitgewinn. Proust (Stücke 6)

353. Kolumne

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust

Der Leser kann alles. Er kann jede Realität erzeugen und sinnlich wahrnehmen, jede Zeit, jede Atmosphäre, jede Möglichkeit und jede Unmöglichkeit. Es kann einfach jedes Wunder erzeugen. Sarah Kane’s „4.48 Psychose“ etwa - da zerfällt das multiple Ich und erschafft sich erst im Tod. Oder ein Roman, der sich mit sich selbst multipliziert: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust: Der Leser siebt die viertausend Seiten des Romans durch und backt das dialogische Mehl zu einem Brot, ohne das er nicht mehr leben möchte, er lebt ja nicht nur vom täglichen Brot.
Wohltuende Sprachmusik. Die kommunikative Hysterie der gesellschaftlichen Elite vor und nach dem Ersten Weltkrieg, die sich nichts Wesentliches sagen will und nichts zu sagen hat, damit aber indirekt doch alles über sich sagt, erkennen wir heute, in gewandelten Sozialstrukturen, ungeschminkt wieder: Spiel und Geschwätz der politischen, finanziellen und geistigen Eliten treten in der Informationsgesellschaft durch die Vielfalt der Medien nur noch offener zu Tage: Der Alltag ist umgewandelt zum Abenteuerpark - von denen, die es sich leisten können, und das sind viele. Aber geblieben ist die Einsamkeit des Einzelnen, sein Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe – die Neurosen der Liebenden, die sich immer noch so verzweifelt suchen und doch nicht finden, sind inzwischen vergesellschaftet, die Entfremdung des Einzelnen spiegelt sich in der gesellschaftlichen Entfremdung – und umgekehrt. Ich verliere mich, weil die Gesellschaft mich nicht will, wie ich bin, bis sich am Ende die Gesellschaft, die nicht so ist, wie wir sie wollen, auflöst und verliert. Nach dem Sieg der kapitalistischen Gesetze, die unser animalischer Geist erst installierte, wird es keine menschliche Gesellschaft mehr geben. Sie hat sich nicht rentiert.
Die verrückte Kommunikation des etablierten Kollektivs und die Entfremdung des Einzelnen in den Figuren Marcel und Albertine ist so genial wie das Ei des Kolumbus.
Prousts Suche nach der verlorenen Zeit ist der Schrei in einer selbstmörderischen Gesellschaft: Ich will leben!
Von Alter, Krankheit und Tod gezeichnet sind alle – das Spiel ist aus. Das Wesentliche ist nun gesagt. Da trifft sich das Stück auf geheimnisvolle Weise mit Sarah Kane’s letztem Stück.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (17.05.13)
Verzeih mir bitte, aber ich kenne Sarah Kane nicht. Marcel Proust aber recht gut. „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ wurde oft als rückwärts gewandte Träumerei missverstanden. Dabei ist sie mit der Entfremdung des Einzelnen in der Gesellschaft und den damit korrespondierenden vergeblichen Kommunikationsversuchen so brandaktuell. Das hast du auf engem Raum sehr schön herausgearbeitet in einer Sprache, die ihrem Thema angemessen ist.

 Bergmann (18.05.13)
Sarah Kane ertrug das/ihr Leben nicht und beging Suizid. Sie schrieb nur 5 Stücke, das erste (Zerbombt) und das letzte (4:48 Psychosis) sind die wohl stärksten.
Im letzten Stück zerfällt das Ich in mehrere Ichs, die als ein Wir der Klage aufgefasst werden können, der monologische Dialog ist Wortmusik und lyrisches Nocturne, Analyse und Vorspiel zum Selbstmord ... grandios übersetzt von Durs Grünbein, dem ähnliche Selbst- und Seinsauslotung in seinen ersten Gedichtbänden gelang. Seit dem Büchnerpreis wurde er zum Buchhalter der Bildungslyrik unserer Zeit.

 loslosch (18.05.13)
warum ertrug sie es nicht? du hattest früher mal über sie berichtet. unter wiki fand ich: sie hatte schwere depressionen und erhängte sich, mit 28. sie war längst in behandlung und die medizin offenbar hilflos. oder haben dIe ärzte gepatzt?

 Bergmann (19.05.13)
Nein, die Ärzte haben nicht gepatzt. Hat sie selbst gepatzt? (Sie hatte ein schweres Leben.) Hat das Leben selbst gepatzt? Das kann keiner sagen. (Sie hat auch das Leben an sich, außer sich nicht gutheißen können, das zeigen ihre Stücke.) Auch am Theater hat es nicht gelegen. Ich weiß es nicht.
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