KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 24. August 2013, 01:28
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Die reichen Ratten

367. Kolumne

Zur Kontinuität der Reichsidee

Das Hl. Römische Reich deutscher Nation, wie es ja nicht von Anfang an hieß, aber spätestens seit Otto I. gedacht war (renovatio imperii), ist ein merk-würdiges Gebilde, und die k. u. k. Monarchie ebenfalls. Beide scheiterten, weil der moderne Nationalbegriff und das Streben nach Unabhängigkeit der Völker die Hegemonie letztlich regional begrenzter feudaler und fast bis zuletzt absolutistisch sich gebärdender Herrscherfamilien – ob gewählt oder nicht (mehr) gewählt – zerstörten. Leider kam es nicht zu einer evolutionär sich wandelnden übernationalen Struktur, die wir als Staatenbund oder sogar Bundesstaat in Europa brauchen.

War es überhaupt ein Reich? Im Vergleich zu England und insbesondere Frankreich war das deutsche Reich ein imperium minus. Spätestens seit Karl V. war es nicht mehr das Reich, das sich in der Nachfolge des ottonischen Reichsbegriffs sah. Schon vor 1519 endet das späte Mittelalter. Die Habsburger vertraten zwar übernationale Prinzipien, aber weitgehend im Rahmen reiner Machtpolitik. Außerdem verlor das Christentum als ideologisches Herrschaftsinstrument seine Kraft, erst in der Reformation und in der Kirchenspaltung, dann in der Aufklärung und in der Revolution bis hin zur Entstehung von demokratischem Willen und Bewusstsein.

(Frankreich gehörte nicht zum Reich. Zwar war das karolingische Reich eine imperiale Vorstufe der ottonischen Reichsidee, aber es war ein fränkischer Sonderfall, eine glückliche Herrschaftsphase, die nach Karls Tod zu Ende ging. Sich auf dieses Reich heute noch zu berufen, gehört zu den sentimentalen Geschichtsklitterungen, an denen man gut sehen kann, wie Geschichtsdeutung instrumentalisieret wird. Die deutsch-französische Verständigung unserer Tage beruht viel mehr auf dem in den beiden Weltkriegen erlittenen Leid beider Völker und einer gegenseitigen kulturellen Anziehungskraft als auf mittelalterlicher Vergangenheit, deren Idee heute nicht mehr taugt.)

1806 endete dann durch Napoleon das immer künstlicher werdende Konstrukt des Reichs. Der Reichsdeputationshauptschluss war der Gnadenschuss für eine zum Gespenst gewordene Reichsidee. Was dann 1871 folgte, war eine Karikatur des Machtwillens – der Griff nach der Weltmacht ging nach Bismarcks Entlassung daneben. Dabei wäre das Deutsche Reich auf friedlichem Wege von ganz allein Weltmacht geworden (Cioran), wirtschaftlich und wissenschaftlich, wenn man nicht mit einiger Schuld in den Weltkrieg getaumelt wäre. Die zweite Chance, die deutsche Demokratie von 1919, die Deutschland auch kulturell zur führenden Macht in Europa werden ließ, wurde von einer relativen Volksmehrheit vertan und das Scheitern vom Führer aus Braunau endgültig besiegelt. Die Idee des Großdeutschen Reichs hat mit ihrem Rassismus, der sich nicht nur antisemitisch austobte, Deutschland besudelt. „O Deutschland, bleiche Mutter! / Wie sitzest du besudelt / Unter den Völkern ...“, schrieb Brecht.

Und jetzt? Wo Deutschland mit Frankreich die führende Macht in der Europäischen Union geworden ist – da sind die nationalen und mentalen Divergenzen unter den Völkern und zwischen Nord und Süd, West und Ost immer noch und wieder virulent. Am Gelde hängt doch alles! Denn das Geld ist ein System. Wir sind „Unabbringbar davon, daß es immer noch ... Zweierlei Menschen gibt: Ausbeuter und Ausgebeutete ...“
Die Arbeiterausnehmer arbeiten nur für sich und ihresgleichen und sie mästen das Goldene Kalb, das auf die Ausgebeuteten, die ihre Arbeit hergeben, Almosen scheißt.

Hat Wien noch etwas von der Reichsidee im Ärmel – wenigstens in Bezug auf den Balkan? Es gibt eine gewisse nachtrauernde Sympathie für die ‚Doppelmonarchie’. Aber es ist fraglich, ob angesichts der Nationalismen 1914 und wieder seit dem Zerfall Jugoslawiens ein demokratisches Balkan-Reich entstehen könnte, zumal in Konkurrenz zur derzeit noch herrschenden Idee der Europäischen Union.

Und Lothringen?
Lothars Reich ist zermahlen – immerhin zu schönen Delikatessen ...

Ja Burgund die Löwenbrücke
vom Kanal gen Arelate
schafft’s die große? schafft’s die lütte?
Beide nicht? Ach das ist schade

Nun klafft eine große Lücke
wo des Adlers Reich verloren hatte
Und der Doppeladler? Der zerfiel in Stücke
Ja wenn alles bricht? Dann schafft’s die Ratte

Die Ratte des Gelds schafft in jedem politischen System übernationalen Reichtum. Das klappt so gut wie der Feudalismus. Im Grunde haben wir die Feudalzeit noch immer nicht überwunden. Die Ratte ist das ewige Chamäleon der Geschichte.


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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (23.08.13)
Ein fulminanter Essay, Uli, der an die große Tradtion des Genre anknüpft. Mit meinen sehr bescheidenen historischen Kenntnissen halte ich ihn für inhaltlich stimmig. Das wäre schon viel. Darüber hinaus bereitet er mir aber einen ästhetischen Genuss, der durch den brillanten Schluss gekrönt wird.
Es wäre dir zu wünschen, dass ihn ein Experte der deutsch-österreichischen Geschichte auf seine sachliche Richtigkeit überprüft. Aber selbst, wenn er Fehler fände, bleibt dieser Kommentar ein journalistischen Glanzstück.
Gruß
Ekki

 loslosch (24.08.13)
wortspiel: Die Ratten reichen ...

arelate musste ich googeln. interessant. so fand ich  hier.

unterschiedliches, ja, splitter. manches lesenswert, wie dieses: "187 Zur dialogischen Natur des Aphorismus."

beim lesen der kolumne grübelte ich über hitler. dem was k u k vielvölkerstaat wohl schlecht bekommen.
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