KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 27. Dezember 2013, 00:27
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Zu Arthur Breinlingers Prosaminiaturen (Prosa 32)

385. Kolumne


Wortler ist der Name eines Wortes männlichen Geschlechts. Wortler wirft ohne erkennbaren Sinn Geld in Spielautomaten und wartet nicht ab. Wortler besäuft sich ohne zu bezahlen. Wortler schläft in Freudenhäusern im Klo oder in besonderen Fällen und tagsüber in der Besenkammer. Wortler hütet weder Wölfe noch Schafe. Wenn Wortler Landarbeiter ist, bearbeitet er das Land mit nachempfundenen Sprüchen aus einem neu überarbeiteten Sprachfehlerlexikon. Wortler wirft Angeln aus, wenn er Fische sieht, wo niemand Fische sieht. Wenn alle Fische sehen, wirft er die Angel in entgegengesetzter Richtung. Wenn er Füße sieht, wirft Wortler keine Angeln aus. Wortler sammelt niemals seltene Schmetterlinge. Wortler erhebt sich auf Erhebungen und sieht übers Land, vertieft sich, wenn er Vertiefungen sieht, in Vertiefungen. Wortler ist der Gründer eines Anglerkollektivs. Wortler ist der Gründer eines Gegenvereins. Wortler setzt mit Gleichgesinnten verlassene Windmühlen instand und in Gang. Wortler bringt ausgediente Lokomotiven auf Hochglanz. Wortlers Kuh ist - Wortler hätte, wenn er Bauer wäre, eine Kuh - die magerste auf der Weide. Wortler rührt nicht den Zink für gezinkte Karten. Wortler würfelt mit Maulwürfen um sein Vermögen. Wortler hat noch keiner, während es regnet, weinen gesehen. Wortler verdient einiges Geld mit kleinen Arbeiten in der Mittagszeit. Wortler ist nicht verwitwet. Wortler will heiraten, sobald es Abend wird
Mai 1969

Arthur Breinlinger


Zu Arthur Breinlingers VOM RABEN WAS

Beim Aufräumen der Schubladen stieß ich auf literarische Texte, heftete dies und das ab, und dann las ich, ich konnte gar nicht anders, wieder den „Raben“, und sein Federkleid, tiefschwarz, glänzt ungebrochen, gleich einem Phönix. Die Texte sind jung geblieben und immer noch aktuell. Vom Raben was enthält ‚innere’ Geschichten, Reflexionen über das Teil und das Ganze, über den Versuch, jemanden und etwas (oder jemanden über etwas) zu charakterisieren mit Einzelheiten, die zutreffen und solchen, die nicht zutreffen.
Nur noch Worte sammeln oder Die Gegend hinter den Tränen: in diesen beiden Texten zerfällt etwas. Zerfall, Fremdsein, Entfremdung, Gebrochenheit unseres Seins, Traum, Fragment, Sehnsucht nach Ganzheit, Sprachskepsis, Bedeutungs-vielfalt und Verlustgefahren - das sind typische Elemente deines RABEN-Denkens. Eine romantische Grundhaltung im besten und doppelten Sinn erkenne ich: Ernste Sehnsucht nach Ganzheit, Liebe, Wahrheit auf der einen Seite - Spiel mit der Sprache und ihren Inhalten, also mit der Welt, die durch Sprache benannt wird, und damit ironische Brechungen auf der anderen Seite. Die Schreibweise deiner Texte ist zeitlos, weil die Formen und Sprachmuster, bei allem Eingehen auf für die Zeit um 1970 typische Sprach- und Stilexperimente, sehr stileinheitlich und nicht aufdringlich, nicht (zu) konstruiert wirken, und die Inhalte sind archetypisch, weil die Welthaltigkeit deiner Texte abstrakt gehalten oder stilisiert wirkt, ohne Welt und Sinnlichkeit zu verlieren. Wenn ich bedenke, dass die Texte nun schon 30 Jahre alt sind, wird mir etwas schwindlig. Denn keiner hat Arthur Breinlinger damals richtig entdeckt und gefördert, er war viel zu zurückhaltend. Als ich Anfang der 80er Jahre seine Texte zum ersten Mal las, erkannte ich sofort ihre Stärke, aber ich hatte damals noch kein ausreichendes Wissen darüber, was es alles an Literatur gab.

Ulrich Bergmann

Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (28.12.13)
Ich habe lange gezögert, ob ich etwas zu dieser Kolumne schreiben sollte, weil ich deinem Kommentar entnehme, wie gründlich du über Arthur Breinlingers Prosaminiaturen nachgedacht hast.
Und ich? Kannte nicht einmal den Namen des Autors. So kann ich deinen Kommentar nicht ergänzen, nicht differenzieren und schon gar nicht widersprechen. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass mir diese Miniatur und deine Ergänzung "VOM RABEN WAS" bildstark neue Aspekte über den Umgang eines Dichters mit Sprache eröffnen und dass ich deshalb froh bin, sie gelesen zu haben.
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