KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Samstag, 15. März 2014, 15:23
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Schreiben und das übrige Leben

400. Kolumne


Als mein Sohn 15 Jahre alt war (1987), fing ich mit Schreiben an, ging andauernd ins Theater, in die Oper, ins Konzert, bis zu 70 Mal im Jahr. Mit dem Schülertheater allerdings hatte ich schon 1983 begonnen. Da kam vieles zusammen. An der Schule gab es noch keinen Lehrer, der Schülertheater machte, obwohl wir damals alle so jung waren. Ich hatte schon in der Referendarzeit bei einer Inszenierung assistiert, die die Schülertheater-AG allein verantwortete. Ich hatte auch Lust so ein Kunstwerk auf die Bühne zu bringen - und Lust ein Ensemble von Menschen zu einem Kunstwerk zu machen. Früh spürte ich, dass mich die Schüler anders sehen, wenn ich mich auch auf ihre Prozesse einlasse - und anders ist Schülertheater nicht zu machen, im Gegensatz zum professionellen Theater, da muss es der Tendenz nach umgekehrt sein. Ich erinnere mich noch gut an einen theaterbegeisterten Schüler, der mich 1979 nach Stücken fragte: Kennen Sie Handkes neuestes Stück?, haben Sie den Prinzen von Homburg in Köln gesehen? Ich kannte die meisten Stücke gar nicht, Kleist hatte ich nur gelesen, philologisch betrachten müssen, ins Theater ging ich damals fast gar nicht, die gegenwärtigen Stücke habe ich im Studium sowieso nicht kennengelernt, von Bühne, Technik, Schauspiel, Sprechen hatte ich null Ahnung, das kam im Studium nicht vor, genauso wenig wie die Grammatik des heute gesprochenen Deutsch, Rechtschreibung schon gar nicht, auch Schreiben nicht. Die Germanistik ist offenbar auch heute noch so arm wie damals, als ich studierte. Ich studierte lustlos, dabei liebte ich die Literatur, nicht nur emotional, auch sehr rational beschäftigte ich mich mit Literatur und Sprache. Es fehlten und fehlen im Germanistik-Studium und sogar im Studium der Theaterwissenschaften die Theaterleute, kluge Regisseure und Schauspieler, auch Intendanten, Herausgeber, Lektoren und vor allem Autoren. Gut, natürlich kann man das auch neben und nach dem Studium nachholen - aber das ist schwerer, und ich denke, die meisten Studenten brauchen Orientierungen, Initiationen. Die Professoren kannten doch teils die Autoren. Ich wusste, dass Prof. Pütz in Bonn Handke kannte, ein anderer Professor kannte Max Frisch - und sie kannten, wenn auch nur wenige, unbekanntere Autoren, die hätten doch voll genügt, die wären umsonst gekommen und hätten uns Banalitäten und tiefe Wahrheiten vom Schreiben sagen können! Viele meiner Deutsch-Kollegen lieben doch gar nicht mehr die Literatur, schon gar nicht leidenschaftlich. Das merken die Schüler übrigens gar nicht immer, wie arm und leer so mancher Deutsch-lehrer ist, der immer wieder nur sein Repertoire der frühen Stunde abwickelt! Wir hätten bessere Deutschlehrer, wenn das Studium nicht so elend auf Denkmalpflege und Kritische Ausgabe, dumme Theorienstreitereien, ausgerichtet wäre. Die Forderungen von 1968 sind nur sehr partiell und vage erfüllt. Wir brauchen nach wie vor eine Universität, die den gesamten Kontext von Sprache und Literatur, Theater, Oper, Film... auch sehr praktisch untersucht und mit Studenten erprobt. Ein Deutschlehrer muss kein Dichter sein, aber doch immerhin ein potentieller Autor einiger Textarten. Das Abfassen eines schriftlichen Referats (oder einer Semesterarbeit, Examensarbeit, Doktorarbeit) ist einfach viel zu wenig! Ich hätte viel besser fachlich ausgebildet und pädagogisch vorbereitet sein können, als ich Lehrer wurde. Ich habe mir im Grunde fast alles selber beibringen müssen. Ich hab nichts dagegen, aber hilfreich wären doch kräftige, erfahrene Hinweise, Anschübe gewesen.
Die Schülertheaterarbeit ist hart, oft ermüdend, resignative Phasen und oft niedrige Auseinandersetzungen sind immer wieder auszuhalten - daneben, manchmal fast gleichzeitig, lustvolle, beglückende Momente. Mit Woody Allens „Tod. Ein Stück“ hat es am Ende wieder geklappt (ich habe aber in früheren Jahren auch einige Pleiten gehabt, wo ich das Stück nicht auf die Bühne bringen konnte). Es klappte sogar besonders gut. Das Stück kam so gut an, dass wir eine zusätzliche Vorstellung gaben, und wir hätten noch eine geben können, aber ich ‘musste’ zur Studienfahrt in die Toskana, ohne mich wollten die Schüler nicht Theater spielen. In der Toskana genoss ich, da wir drei Lehrer für 39 Schüler waren, die Fahrt ganz leicht. Andererseits ist, bei aller Schönheit Italiens, so eine Art Studienfahrt fast wie der Besuch eines Museums, und deshalb nicht so wirkungsvoll für die Schüler, als wenn sie was tun könnten - mir fehlt auch hier immer mehr, je älter ich werde, die praktische Orientierung. Etwa: Deutsche Oberprimaner bringen mit italienischen Schülern eine kleine Zeitschrift heraus, oder spielen zusammen Theater, eventuell deutsch-italienisch, oder pantomimisch, ... oder sie erforschen was ... bauen was auf oder helfen dabei... so ein Bisschen Kibbuz wär auch eine Möglichkeit. Denn: Die Bildungsfahrten alten Stils passen nicht zum Alter und den Interessen der Schüler, auch nicht zu dem, was sie lernen sollen oder können. Die Begeisterung für die Renaissance hielt sich sehr in Grenzen, obwohl es durchaus einige Schüler gab, die Freude an so alter Kultur hatten, aber am schönsten waren für viele die Abende und Nächte, die einige aber auch erleiden: Lagerzwänge, Lagerkoller. Nützlicher ist es schon wieder, wenn einige in ihrem unfasslich kleinkarierten Egoismus gestutzt werden - vor allem Mädchen fallen hier immer wieder auf: Skurrile Essgewohnheiten, zeitraubende Duschorgien... Aber für solche Erkenntnisse und nützliche gruppendynamische Prozesse muss man nicht extra nach Italien fahren ... Trotzdem, summa summarum war es schön, wir hatten auch das allerbeste frühsommerliche Wetter und konnten im Trasimenischen See schwimmen, das war ein Tag, den ich organisierte - meine Kollegen ließen sich für diesen Tag gewinnen, weil Hannibal dort eine wichtige Schlacht gegen die Römer gewann ... und weil wir drei harte und heiße Kulturtage schon hinter uns hatten. Jetzt wollen beide Kollegen ihren nächsten Sommerurlaub dort verbringen. Ganz in der Nähe ist das lebensechte und wunderschöne Perugia, auch Assisi (am Vormittag touristisch noch gerade erträglich), Spoleto, Arezzo, Gubbio, Montepulchiano - das waren Ziele meiner Sommerreisen 1987-1989. Auf dem Turm eines Taubenjagd-Schlösschens bei Perugia begann ich endgültig mit dem literarischen Schreiben, damals noch Lyrik, und schaffte zwei Jahre später den ‚Sprung’ in den KRAUTGARTEN

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 toltec-head (11.04.14)
Der Titel ist irreführend. Man erfährt hier weder etwas über das Schreiben noch über das Leben. Man erfährt über den Beruf des Verfassers (Lehrer) und seinen Wunsch Autor zu sein. Es ist ein alte Geschichte, die nicht einmal den Charme hat ewig neu zu bleiben...

Vom Leben und Schreiben schreiben hieße, den Beruf und den Wunsch Autor zu sein weglassen. Was bleibt? Von diesem Text jedenfalls nichts.

 Dieter_Rotmund (11.04.14)
Nun ja, ich habe diese 400. (sic!) Kolumne gerne gelesen.
Vielleicht sollte man sich endgültig von dem Gedanken verabschieden, das Germanistikstudium und Schreiben etwas miteinander zu tun haben.

"Nützlicher ist es schon wieder, wenn einige in ihrem unfasslich kleinkarierten Egoismus gestutzt werden - vor allem Mädchen fallen hier immer wieder auf: Skurrile Essgewohnheiten, zeitraubende Duschorgien.."
Davon bitte mehr und detaillierter!

 Bergmann (11.04.14)
Well. Ich schreib, wie ich Lust hab, da kann sich toltec-head (?) auf seinen Kopf stellen, wie er will. Ich brauch keine Noten.
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