KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 23. Mai 2014, 18:40
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Nur jetzt bin ich alles

412. Kolumne

(Trost und Ermunterung zum Dritten, auch für andere vielleicht)

Das Leben braucht uns nicht ... Der Satz ist tückisch, denn er suggeriert ein Subjekt über mir. Ich aber sage: Ich bin das Leben, solange meine Sanduhr tickt, und ich werde nicht wahnsinnig wie Hölderlin an dem Gedanken, dass ich in meinem Werk vielleicht doch nicht überleben könnte. Ich kriegs ja nicht mit. Ich will mir weder beim Sterben zusehen noch beim Überleben, und schon gar nicht beim Schlafen oder Ganztotsein. Jetzt bin ich alles, nachher nichts. Die christliche Hoffnung an das Umgekehrte ist wahrscheinlich gesünder, aber eigentlich nur so eine komische Art Apotheose der Depression, um sie ertragen zu können. Kann sein, dass Religiosität die beste aller Neurosen ist, was Gesundheit, Leidensfähigkeit und Lebenslänge angeht, aber das will ich nicht.

Ich will lieber mein Leben so auskosten wie ein Kind, das weint und nicht aufhören will zu weinen, weil es Lust bereitet. Vielleicht ist die Kunst so ein Weinen und wird zur Kunst des Lebens, wenn wir darin zu leben verstehen. Und ich bin ziemlich sicher, dass es dir wie mir gelingt, wenn auch nicht immer, aber doch oft genug.

Thomas Mann gelang das im Schreibdienst, den er sich verordnete, aber eingetrübt wurde sein Leben in seinen Schöpfungen durch den Ruhm, der ihn hart in die Welt hineinstieß, aus der er doch flüchtete, und so war er wie Tonio Kröger, wie Krull, wie Adrian Leverkühn immer hin und her geworfen zwischen zwei Welten: Wie in Christian Andersens Märchen von der Meerjungfrau, das Thomas Mann im „Doktor Faustus“ zur Hauptmetapher neben dem Teufelspakt macht. Leverkühn muss leiden, muss krank sein, um seine Welt erschaffen zu können – vielleicht lebst du eine bessere Dialektik als dieser wissende, allzu bewusste Künstler.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 loslosch (04.07.14)
... Kann sein, dass Religiosität die beste aller Neurosen ist, was Gesundheit, Leidensfähigkeit und Lebenslänge angeht ...

sobald ich das erkannt/ durchschaut habe, fühle ich mich als selbstbetrüger, wenn ich mitmache. (vermeidung von selbstbetrug MUSS aber nicht lebensverkürzend sein. bertrand russel wurde ziemlich alt.)

 loslosch (04.07.14)
ps: bertrand russell.

 Bergmann (04.07.14)
Religion hilft mir selbst nicht - meine Annahme (mein Glaube?), dass ich zu Nichts werde, wen ich tot bin, gibt mir Ruhe, und in diesem Punkt bin ich Danton in Büchners Drama nahe. So gesehen werde ich vielleicht auch so alt wie Bertrand Russell.

 loslosch (04.07.14)
zum vorkommi: deckt sich auch mit reaktion von TM auf robert neumanns stilistische verisse "Mit fremden Federn", um 1930. obwohl TM dort nicht geschont wurde, schrieb er eine sehr freundliche rezension. TM hatte einen riecher für vermarktungserfolge.
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